{"id":674,"date":"2008-02-10T22:57:23","date_gmt":"2008-02-10T19:57:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=674"},"modified":"2008-02-10T22:57:23","modified_gmt":"2008-02-10T19:57:23","slug":"operation-wunderland","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2008\/02\/10\/operation-wunderland\/","title":{"rendered":"Operation Wunderland"},"content":{"rendered":"<p>Morgen beginnt im WDR die Ausstrahlung der dreiteiligen Dokumentation <a href=\"http:\/\/www.wdr.de\/tv\/wdr-dok\/wunderland\/\">Operation Wunderland<\/a>, und die empfehle ich gerne weiter. Nicht nur, weil Regisseur Christoph Weber ein guter Freund ist (auf dessen Arbeit ich <a href=\"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=434\">hier auch schon mal hingewiesen habe<\/a>). Sondern weil es sich dabei um eine intelligente Betrachtung der deutschen Nachkriegsgeschichte handelt, mit besonderem Fokus auf die propagandistischen Bem\u00fchungen, mit denen die Deutschen zur Marktwirtschaft erzogen werden sollten.<\/p>\n<p>Vom reichlich haneb\u00fcchenen Pressetext sollte man sich allerdings nicht abschrecken lassen: <em>Operation Wunderland<\/em>, lesen wir da, <\/p>\n<blockquote><p>enth\u00fcllt zum ersten Mal, wie die USA sich nach dem Krieg Westdeutschland nach ihren W\u00fcnschen gestalteten. Alle entscheidenden F\u00e4den hinter den Kulissen zogen in der Zeit nach 1945 die Amerikaner. Das Ma\u00df der Einflussnahme reichte weit \u00fcber Entnazifizierung, Umerziehung und Marshall-Plan hinaus. Amerikanischen Propagandaexperten gelang es, die \u00f6ffentliche Meinung in Deutschland so geschickt zu beeinflussen, dass im demokratischen Prozess immer das herauskam, was Washington vorgab.<\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Na ja, ganz so platt laufen politische Prozesse dann doch nicht ab. Die deutsche Bev\u00f6lkerung als willenlose Knetmasse amerikanischer Propagandisten? Politische Kommunikation als Input\/Output-System, in dem man oben Propaganda hineinkippt und unten automatisch Zustimmung zur Sozialen Marktwirtschaft rauskommt? Wer das als Botschaft des Films verkauft, tradiert die eine \u00e4hnliche Legende wie die von den kleinen braunen M\u00e4nnchen, die anno &#8217;33 die ahnungslosen Deutschen \u00fcberfallen haben und gegen deren erkl\u00e4rten Willen das Dritte Reich aufgebaut haben sollen.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise ist der Film bei weitem nicht so bl\u00f6d wie ihn der Pressetext macht. Was <em>Operation Wunderland<\/em> sehr anschaulich zeigt, ist der politische Schwebezustand, in dem sich Deutschland in den Nachkriegsjahren befand und der den Hintergrund bildet, vor dem die amerikanische Propaganda den Deutschen die Marktwirtschaft schmackhaft zu machen versuchte. Und das gelang den Amerikanern mit wechselndem Erfolg &#8211; es kam bei weitem nicht immer das heraus, &#8222;was Washington vorgab&#8220;, auch wenn die Propagandast\u00e4be im Wei\u00dfen Haus das sicher gern so gehabt h\u00e4tten. Tats\u00e4chlich m\u00fcssen die Amerikaner, wie der Film zeigt, immer wieder ern\u00fcchtert feststellen, dass sich den Deutschen nicht alles austreiben l\u00e4sst &#8211; die Zustimmung zu den &#8222;guten Seiten&#8220;, die der Nationalsozialismus gehabt haben soll, ebensowenig wie die Sympathie f\u00fcr sozialistische Modelle, die sich bis in konservative Kreise finden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Erst als das Wirtschaftswunder ins Rollen kommt &#8211; weniger auf wundersame Weise, denn als Resultat einer ganzen Reihe politischer, sozialer und ideologischer Faktoren &#8211; w\u00e4chst die Zustimmung, im Westen zumindest, f\u00fcr das kapitalistisch-marktwirtschaftliche System wirklich nachhaltig. Amerikanische Propaganda hat diese Entwicklung sicher mitorchestriert und beeinflusst. Aber wer ganz platt behauptet, die USA h\u00e4tten sich &#8222;Westdeutschland nach ihren W\u00fcnschen&#8220; gestaltet, ignoriert, dass auch eine ganze Reihe von W\u00fcnschen deutscher Kreise umgesetzt wurden.<\/p>\n<p>H\u00f6hepunkt des Films sind, finde ich, weniger die kleinen politischen Werbefilmchen, die Christof ausgegraben hat, und die damals f\u00fcr das deutsche Kinopublikum angefertigt wurden &#8211; nicht nur von den Amerikanern: Auch deutsche Organisation wie die &#8222;Waage&#8220; oder die &#8222;ADK&#8220; zum Beispiel (Vorl\u00e4ufer der &#8222;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&#8220;), die von &#8222;informellen Kreisen&#8220; aus der Industrie getragen wurden, machten dergestalt PR f\u00fcr den Kapitalismus (und spannten, wie man sehen kann, u.a. einen jungen Loriot daf\u00fcr ein). Die Filme sind sicher am\u00fcsant, aber die betuliche Humorigkeit, mit der das deutsche Gem\u00fct darin geknackt werden soll, kennt man ja auch aus den Kinofilmen der F\u00fcnfziger, insofern sind das keine gro\u00dfen \u00e4sthetischen oder inhaltlichen \u00dcberraschungen.<\/p>\n<p>Viel spannender sind die Gespr\u00e4che mit einigen der damaligen Protagonisten, vor allem mit Mitgliedern des amerikanischen Geheimdienstes und der Milit\u00e4rregierung, die damals in Deutschland aktiv werden und mit der Umsetzung . Nicht zuletzt deshalb, weil die ganz offen \u00fcber die damaligen Strategien und Konzepte plaudern und ein erstaunlich entspanntes Verh\u00e4ltnis zu den propagandistischen Erfolgen und Mi\u00dferfolgen vorf\u00fchren. <\/p>\n<p>Ganz entgeht allerdings auch Christofs Dokumentation nicht der Versuchung, die amerikanischen Aktivit\u00e4ten als verschw\u00f6rerisches Komplott zu mystifizieren. Das hat sicher auch formale Gr\u00fcnde: Von den Propagandast\u00e4ben in Washington &#8211; die den ganzen Film hindurch namenlos bleiben &#8211; gibt es kaum Filmmaterial. Das wenige, was sich auftrieben lie\u00df, wird wie ein Refrain immer wieder eingespielt: Stumm schwanken die k\u00fcnstlich eingef\u00e4rbten K\u00f6pfe der anonymen Experten da im Zeitlupentempo hin und her, als schaue den geheimen Ritualen irgendeiner Freimaurerloge zu. Da h\u00e4tte man den Mangel an Bildern dann doch durch ein paar mehr Informationen ausgleichen k\u00f6nnen: Wer sa\u00df in diesen St\u00e4ben? Werbefachleute, Milit\u00e4rs, Geheimdienstler? Wie viel wurde in die Propaganda investiert? Wer produzierte die Filme, wer spielte darin? Und wie oft wurden diese Filme gezeigt? Die Wirkung dieser politischen PR bleibt am Ende eher Behauptung, f\u00fcr die die Dokumentation ein paar Indizien vorlegt, aber nur wenig Beweise.<\/p>\n<p>Ansehen sollte man sie trotzdem: Weil sie einiges Material f\u00fcr eine kritische W\u00fcrdigung deutscher Nachkriegsgeschichte liefert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Morgen beginnt im WDR die Ausstrahlung der dreiteiligen Dokumentation Operation Wunderland, und die empfehle ich gerne weiter. Nicht nur, weil Regisseur Christoph Weber ein guter Freund ist (auf dessen Arbeit ich hier auch schon mal hingewiesen habe). 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