{"id":678,"date":"2008-03-10T18:33:44","date_gmt":"2008-03-10T15:33:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=678"},"modified":"2008-03-10T18:33:44","modified_gmt":"2008-03-10T15:33:44","slug":"jazz-ist-gedankenfreiheit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2008\/03\/10\/jazz-ist-gedankenfreiheit\/","title":{"rendered":"Jazz ist Gedankenfreiheit"},"content":{"rendered":"<p>Das Gehirn funktioniert anders, wenn man improvisiert: Es schaltet den inneren Monitor ab, der f\u00fcr Selbstkontrolle und Selbstbeobachtung zust\u00e4ndig ist. Stattdessen werden Gehirnregionen aktiv, die &#8222;selbsterzeugte Gedanken und Verhaltensweisen&#8220; organisieren, und beispielsweise auch eine Rolle spielen, wenn wir uns eine Geschichte ausdenken oder etwas Erlebtes nacherz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Das ist, sehr verk\u00fcrzt, die Pointe <a href=\"http:\/\/www.plosone.org\/article\/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0001679\">einer amerikanischen Studie<\/a>: Darin wurden die Gehirnaktivit\u00e4ten von Jazzmusikern untersucht hat, sowohl beim Memorieren und Nachspielen vorgegebener Tonfolgen als auch beim freien Improvisieren dar\u00fcber.<!--more--><\/p>\n<p>Wenn die Musiker vom Memorieren zum Improvisieren \u00fcbergingen, spielten sich die gr\u00f6\u00dften Ver\u00e4nderungen im pr\u00e4frontalen Kortex ab, also dem Teil des Gehirns, wo die sensorischen Signale mit den Ged\u00e4chtnisinhalten und Emotionen remixt und in Handlungsimpulse umgesetzt werden. Die Kontroll- und \u00dcberwachungsregionen (im dorsolateralen pr\u00e4frontalen Kortex) schalteten komplett ab, w\u00e4hrend die wesentliche kleinere Region im vordersten Teil der Gehirns (dem medialen pr\u00e4frontalen Kortex) ihre Aktivit\u00e4t steigerte.<\/p>\n<p>Dass die Ideen freier flie\u00dfen, wenn Kontrollmechanismen au\u00dfer Kraft gesetzt sind, klingt nach einer Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Aber es ist doch bemerkenswert, dass sich das auch tats\u00e4chlich in einem so wichtigen Teil des Gehirns abbildet. Das Abschalten von Kontrollfunktionen und das Freisetzen kreativer Gehirnregionen sei ganz \u00e4hnlich wie bei Menschen, die tr\u00e4umen, hei\u00dft es in der Studie.<\/p>\n<p>Spontane Kreativit\u00e4t als eine Art Traumzustand? Interessant ist auch, dass die neurale Aktivit\u00e4t in allen Bereichen der Sinneswahrnehmung deutlich zunimmt, ebenso in Systemen, die die Emotionen regulieren. Gleichsam als ob das Gehirn alles aktiviert, was Input f\u00fcr den kreativen Prozess liefern k\u00f6nnte. Nat\u00fcrlich ist es nicht ganz unwesentlich, dass das Experiment im Jazz-Idiom stattfand: So sollten die Musiker ihre Improvisationen aus einer vorgegebenen Blues-Melodie entwickeln, w\u00e4hrend \u00fcber Kopfh\u00f6rer die Begleitung eines Quartetts eingespielt wurde. Die Improvisation fand mithin quasi \u00fcber dem Sicherheitsnetz einer gelernten Konvention und eines rhythmischen Grundger\u00fcsts statt. Kreativit\u00e4t besteht also vielleicht weniger im Abschalten von Kontrolle als in der M\u00f6glichkeit, sie zu delegieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Gehirn funktioniert anders, wenn man improvisiert: Es schaltet den inneren Monitor ab, der f\u00fcr Selbstkontrolle und Selbstbeobachtung zust\u00e4ndig ist. Stattdessen werden Gehirnregionen aktiv, die &#8222;selbsterzeugte Gedanken und Verhaltensweisen&#8220; organisieren, und beispielsweise auch eine Rolle spielen, wenn wir uns eine Geschichte ausdenken oder etwas Erlebtes nacherz\u00e4hlen. Das ist, sehr verk\u00fcrzt, die Pointe einer amerikanischen Studie: [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-678","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/678","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=678"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/678\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=678"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=678"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=678"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}