{"id":681,"date":"2008-03-17T22:15:47","date_gmt":"2008-03-17T19:15:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=681"},"modified":"2008-03-17T22:15:47","modified_gmt":"2008-03-17T19:15:47","slug":"der-turm-der-apokalypse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2008\/03\/17\/der-turm-der-apokalypse\/","title":{"rendered":"Der Turm der Apokalypse"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/clausmoser\/2336358004\/\" title=\"Tour de Eben-Ezer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3134\/2336358004_a0f5cd49e3_m.jpg\" width=\"160\" height=\"240\" alt=\"Tour de Eben-Ezer\" \/><\/a><\/p>\n<blockquote><p>Da nahm Samuel einen Stein und setzte ihn zwischen Mizpa und Sen und hie\u00df ihn Eben-Ezer und sprach: Bis hierher hat uns der Herr geholfen.<br \/>\n&#8211; 1. Samuel 7, 12<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Wie nun der Hirte sah, da\u00df der Turm im Bau gar wohl gelungen war, zeigte er sich hocherfreut; er war n\u00e4mlich so gebaut, da\u00df mich bei seinem Anblick Sehnsucht erfa\u00dfte, in ihm zu wohnen; er war n\u00e4mlich so gebaut, wie wenn er aus einem einzigen Stein und zu  einem  St\u00fcck zusammengef\u00fcgt w\u00e4re; es machte den Eindruck, als ob der Stein aus dem Felsen herausgehauen w\u00e4re; mir schien er aus  einem  Steine zu sein.<br \/>\n&#8211; <em>Der Hirte des Hermas<\/em><\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>&#8230; die Schwierigkeit des Zusammenlebens mit Menschen habe f\u00fcr ihn immer darin bestanden, da\u00df er immer vieles h\u00f6rte und vieles sah, die anderen aber nichts h\u00f6rten und nichts sahen, und in der Unm\u00f6glichkeit, die Menschen, gleich welcher Kategorie, in H\u00f6ren und Sehen einzuschulen.<\/p>\n<p>&#8211; Thomas Bernhard, <i>Das Kalkwerk<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Ein Neues Jerusalem mitten zwischen Steinbr\u00fcchen und Mergelgruben: Der <a href=\"http:\/\/maps.google.de\/maps?f=q&#038;hl=de&#038;geocode=&#038;q=Eben-Emael,+Bassenge&#038;sll=51.124213,10.546875&#038;sspn=11.342438,29.53125&#038;ie=UTF8&#038;ll=50.776205,5.649542&#038;spn=0.000697,0.001802&#038;t=k&#038;z=19\">Turm von Eben-Ezer<\/a> ist eine architektonische Extravaganz und eine bauliche Bizarrerie, aufget\u00fcrmt aus Zement und Feuersteinen und gekr\u00f6nt von vier \u00fcberdimensionierten apokalyptischen Cherubinen. Von weitem mag der Turm aussehen wie eine Ritterburg aus einem Comic, oder wie die Kulisse zu einem kruden Horror-B-Movie. Gedacht war er aber als pazifistisches Monument und Mahnmal der Apokalypse.<\/p>\n<p>Erbaut hat das Ganze ein Mann namens Robert Garcet, erst Steinhauer, sp\u00e4ter Eigent\u00fcmer der Silexgrube, an deren Rand der Turm heute steht. Einer, der die Eingeweide der Erde durchw\u00fchlte und der aus den sonderbar geformten Feuersteine die Geheimnisse der Geschichte herauslesen wollte und im Selbststudium mit den Prophezeiungen der Offenbarung und anderer apokalyptischer Schriften verglich.<!--more--><\/p>\n<p>Der Name des Turms ist nicht nur eine biblische Referenz, sondern auch ein Verweis auf eine weitere bauliche Monstr\u00f6sit\u00e4t, die sich nur ein paar Kilometer weiter n\u00f6rdlich befindet: Das <a href=\"http:\/\/maps.google.de\/maps?f=q&#038;hl=de&#038;geocode=&#038;q=Eben-Emael,+Bassenge&#038;sll=51.124213,10.546875&#038;sspn=11.342438,29.53125&#038;ie=UTF8&#038;ll=50.796903,5.678644&#038;spn=0.005574,0.01442&#038;t=k&#038;z=16\">Fort Eben-Emael<\/a>, ein auf 75 Hektar untertunneltes und bewaffnetes Bergmassiv. Das Fort war das modernste und gr\u00f6\u00dfte seiner Zeit, ein als unbezwingbar geltender Behemoth &#8211; der doch bei seiner einzigen Bew\u00e4hrungsprobe kl\u00e4glich scheiterte: Fast im Handstreich <a href=\"http:\/\/www.powerglidertaifun.de\/ebenemael\/ee.htm\">(und unter Einsatz von Segelfliegern)<\/a> eroberten die deutschen Truppen den Komplex.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/clausmoser\/2336346908\/\" title=\"Tour de Eben-Ezer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3080\/2336346908_dce3c51b94_m.jpg\" width=\"240\" height=\"160\" alt=\"Tour de Eben-Ezer\" \/><\/a><\/p>\n<p>Man ist hier, wo die Ardennen in die nordeurop\u00e4ische Tiefebene auslaufen, nahe genug an den Schlachtfeldern der gro\u00dfen Kriege, um das Ende der Welt nur f\u00fcr eine Frage der Zeit zu halten. Und auch in Friedenszeiten wurde hier flei\u00dfig an der Landschaft herumgebastelt; ganze Berge versetzt, abgetragen, ausgeh\u00f6hlt oder weggesprengt. Zum Beispiel, um den Albert-Kanal anzulegen, der im Schutze des Forts von der Maas abzweigt und auf dem die belgischen Frachter zur Nordsee schippern konnten, ohne durch die Niederlande fahren zu m\u00fcssen. Wenn man sich von Osten dem Tal der Maas n\u00e4hert, etwa auf der H\u00f6he des St\u00e4dtchen Vis\u00e9, dann sieht man schon von weitem die k\u00e4sekuchenfarbenen Steilh\u00e4nge der Steinbr\u00fcche und die grauen T\u00fcrme der Zementfabriken.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/clausmoser\/2336297742\/\" title=\"Tour de Eben-Ezer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2198\/2336297742_872a5b6c86_m.jpg\" width=\"240\" height=\"160\" alt=\"Tour de Eben-Ezer\" \/><\/a><\/p>\n<p>Da pa\u00dft es ganz gut, dass auch Garcets Turm, wenn man sich ihm n\u00e4hert, wie ein flie\u00dfendes Geb\u00e4ude wirkt: Die seltsamen Formen des Silex-Gesteins lassen ihn aussehen, als ob er aus einem weichen, knetbaren Material geformt ist. Die Steine scheinen an seiner Au\u00dfenwand herunter zu tropfen, als ob sie vom Gewicht der Comic-Cherubine auf den Zinnen niedergepre\u00dft w\u00fcrden, oder \u00fcberquellen von den seltsamen und verborgenen Botschaften, die Garcet aus seinen B\u00fcchern und Steinen herauslas.<\/p>\n<p>Die Ma\u00dfe des Turmes hat Garcet, ganz nach dem Vorbild Dantes, von den Zahlen der Apokalypse bezogen. 33 Meter ist Eben-Ezer hoch, sieben Stockwerke hat das Geb\u00e4ude, f\u00fcnf oberirdisch, zwei unterirdisch, jedes 12 Quadratmeter gro\u00df. Vor dem Eingang befindet sich ein Steinkreis mit zw\u00f6lf S\u00e4ulen, die jeweils 3,33 Meter voneinander entfernt sind. Das Erdgeschoss, die &#8222;Halle der Cherubine&#8220;, wirkt mit ihrem bunten Gewimmel aus himmlischen und h\u00f6llischen Figuren, apokalyptischen Zahlen und Symbolen wie eine Kreuzung aus Geisterbahn, Gothic-Kitsch und Immendorff-Bibel.<\/p>\n<p>Es hei\u00dft, dass sich in den unteren Geschossen des Turmes der Eingang zu einem weitl\u00e4ufigen Labyrinth unterirdischer G\u00e4nge befindet. Einige dieser G\u00e4nge sollen mehrere Kilometer lang sein &#8211; Reste alter Steinbr\u00fcche, aber vielleicht auch von Schmuggelrouten oder sonstigen Verstecken. Oder die \u00dcberbleibsel versunkener, Lovecraft&#8217;scher Welten, wer wei\u00df.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/clausmoser\/2336251936\/\" title=\"Tour de Eben-Ezer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3282\/2336251936_83df10398e_m.jpg\" width=\"240\" height=\"160\" alt=\"Tour de Eben-Ezer\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wer&#8217;s selbst in Augenschein nehmen m\u00f6chte: Der Turm ist <a href=\"http:\/\/www.musee-du-silex.be\/\">regelm\u00e4\u00dfig ge\u00f6ffnet<\/a>. Zur Besichtigung geh\u00f6rt auch der alte Steinbruch unterhalb des Turms, heute ein weitl\u00e4ufiger Park &#8211; kein gepflegter Landschaftsgarten, sondern ein kleines W\u00e4ldchen mit verschlungenen Wegen, in dem \u00f6fter mal <a href=\"http:\/\/www.valleedugeer.be\/Flash_Art07\/artEnter.htm\">Ausstellungen lokaler K\u00fcnstler<\/a> stattfinden.<\/p>\n<p>Eine kurze Biographie von Garcet findet sich <a href=\"http:\/\/www.aigs.be\/musee.du.silex\/biographie.htm\">hier<\/a>. Beim Institut National de l&#8217;Audiovisuel gibt es einen <a href=\"http:\/\/www.ina.fr\/archivespourtous\/index.php?vue=notice&#038;id_notice=CPB79052733\">kurzen Filmbeitrag<\/a> \u00fcber Garcet und seinen Turm (beides auf franz\u00f6sisch).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da nahm Samuel einen Stein und setzte ihn zwischen Mizpa und Sen und hie\u00df ihn Eben-Ezer und sprach: Bis hierher hat uns der Herr geholfen. &#8211; 1. 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