{"id":69,"date":"2010-08-10T03:50:04","date_gmt":"2010-08-10T00:50:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.de\/nb\/?p=69"},"modified":"2010-08-11T13:48:58","modified_gmt":"2010-08-11T10:48:58","slug":"duisburg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2010\/08\/10\/duisburg\/","title":{"rendered":"Duisburg"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4122\/4877546200_8bbac04a0b_d.jpg\" alt=\"Duisburg, Karl-Lehr-Stra\u00dfe\" \/><\/p>\n<blockquote><p>Vor wem, vor welchem Ged\u00e4chtnis und vor welcher Zukunft, <em>vor<\/em> welcher und <em>f\u00fcr<\/em> welche Generation ist man verantwortlich, wenn man die Verantwortung f\u00fcr eine Stadt \u00fcbernimmt?<\/p>\n<p>Meine Hypothese ist, dass die Antwort auf diese Frage uns zwingt, den Begriff der Verantwortung neu zu fassen. Jedes Projekt, das das Schicksal einer Stadt betrifft, d.h. das, was ihr Ged\u00e4chtnis an ihre Gegenwart und Zukunft bindet, \u00fcbersteigt aus Wesensgr\u00fcnden sowohl die M\u00f6glichkeit der Vollendung als auch die Dimension einer einzigen Generation, Nationalit\u00e4t oder Sprache. Die Zeit impliziert ein Versprechen, das hier f\u00fcr mehr als bloss eine Generation und mithin f\u00fcr mehr als eine Politik binden ist, ja das \u00fcber die Politik als solche hinausgeht, in einer Dauer, deren Heterogenit\u00e4t und Diskontinuit\u00e4t, deren Nicht-Totalisierbarkeit als das Gesetz anerkannt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Jacques Derrida, <em>Generationen einer Stadt<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Ich hatte in Duisburg zu tun, und der Weg f\u00fchrte nat\u00fcrlich auch zur Karl-Lehr-Stra\u00dfe, dem Ort des Loveparade-Desasters. Seit dem Ungl\u00fcck ist die Stra\u00dfe zu einer Art negativer Pilgerst\u00e4tte geworden, und auch gestern, an einem Montagabend, waren einige Dutzend Menschen unterwegs, um die zahlreichen Kerzen, Blumen, Zettel, Kreuze und sonstigen Paraphernalia zu betrachten, miteinander zu diskutieren oder wenigstens ein paar Schnappsch\u00fcsse mit dem Handy zu machen.<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4074\/4877617906_97f8d240dc_d.jpg\" alt=\"Duisburg, Karl-Lehr-Stra\u00dfe\" \/><\/p>\n<p>Auch vierzehn Tage nach dem Ungl\u00fcck liegt eine dr\u00fcckende Stimmung \u00fcber dem Ort. Wozu das Ambiente nat\u00fcrlich einiges beitr\u00e4gt, die d\u00fcsteren, ru\u00dfgeschw\u00e4rzten Unterf\u00fchrungen, die heruntergekommenen Auffahrtsrampen. Man hat (um einen <a href=\" http:\/\/www.fr-online.de\/kultur\/musik\/die-parade--die-stadt-und-der-tod\/-\/1473348\/4510300\/-\/index.html\">hier angesprochenen Aspekt<\/a> aufzugreifen) eher das Gef\u00fchl, sich an der Stelle eines ehemaligen Internierungslagers zu befinden als an einem Platz, der eine Party-Location sein sollte. Es ist eine besonders makabre Ironie, dass sich das Ende der Loveparade ausgerechnet an so einem Ort ereignete: Schlie\u00dflich hat die Techno-Szene ihren Ursprung gerade in der Neubesetzung und Umdefinierung der \u201eleerstehenden, von keinem Besitzer mehr beanspruchten Fabriken und Warenh\u00e4user\u201c, in den aufgegebenen Ruinen milit\u00e4rischer und industrieller Komplexe.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4099\/4877691512_775e331249_d.jpg\" alt=\"Duisburg, Karl-Lehr-Stra\u00dfe\" \/><\/p>\n<p>Die blo\u00dfe Menge individueller Trauerbekundungen ist \u00fcberw\u00e4ltigend, aber sie hat auch schon etwas Melancholisches. Es ist deutlich zu sehen, dass die meisten Objekte schon einige Tage hier liegen: Die meisten Kerzen sind abgebrannt, die roten H\u00fcllen liegen kreuz und quer auf dem Asphalt. An vielen Zetteln und Plakaten sind die heftigen Regenf\u00e4lle der letzten Tage nicht spurlos vor\u00fcber gegangen. Am Wochenende haben Anwohner bereits mit ersten Aufr\u00e4umarbeiten begonnen und die Objekte, die vor den Privath\u00e4usern aufgestellt waren, an andere Stelle verfrachtet. Demn\u00e4chst sollen die Objekte eingesammelt und <a href=\"http:\/\/www.duisburg.de\/news\/102010100000332558.php\">in einem Glaskubus dauerhaft aufbewahrt<\/a> werden. Die Auseinandersetzung mit der Trag\u00f6die wird allm\u00e4hlich der Geschichte \u00fcberantwortet.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4116\/4876874793_025e1252a2_d.jpg\" alt=\"Duisburg, Karl-Lehr-Stra\u00dfe\" \/><\/p>\n<p>Ich frage mich aber, ob ein gl\u00e4serner Kubus der geeignete Beh\u00e4lter ist, um die Reaktionen aus der \u00d6ffentlichkeit angemessen zu w\u00fcrdigen und nicht vielmehr eine sterile Verpackung, eine Art Schneewittchensarg f\u00fcr das, was in der Stadt ganz offensichtlich an Diskussions- und Konfliktstoff vorhanden ist. Die Ungl\u00fccksstelle ist auch eine Art Forum geworden, und es ist bemerkenswert, wie viele Plakate und Zettel Bezug nehmen auf ganz konkrete Debatten \u00fcber die Stadt, die Region, \u00fcber Sinn und Bedeutung von Veranstaltungen wie der Loveparade. M\u00fcsste es nicht eher darum gehen, diese Debatten fortzuf\u00fchren anstatt sie in einer gl\u00e4sernen Kapsel zu versiegeln? (Dass der Kubus neben dem <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Garten_der_Erinnerung\">Garten der Erinnerung<\/a> platziert werden soll, der dem Gedenken einer anderen Katastrophe gewidmet ist, scheint mir auch nicht ganz unproblematisch.)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4074\/4876999527_636b6c15ce_d.jpg\" alt=\"Duisburg, Loveparade 2010\" \/><\/p>\n<p>Man kann auch nicht \u00fcbersehen, dass viele Plakate und Zettel nicht gerade zimperlich mit denen umgehen, die f\u00fcr Planung und Organisation verantwortlich waren, bis hin zur symbolischen Lynchjustiz. Das ist sicher nicht freundlich, aber es ist nun mal kein beil\u00e4ufiges Ph\u00e4nomen und man wird sich auf offizieller Seite Gedanken machen m\u00fcssen, wie man mit dieser Negativit\u00e4t umgehen will.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4079\/4877683038_f44eceef28_d.jpg\" alt=\"Duisburg, Karl-Lehr-Stra\u00dfe\" \/><\/p>\n<p>Die Trauergaben, hei\u00dft es von offizieller Seite, sollen in einigen Tagen von &#8222;den B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern&#8220; eingesammelt werden. Ob dabei eine vollst\u00e4ndige Kollekte beabsichtigt ist, wei\u00df ich nicht, aber zu den zahlreichen Dokumenten, denen ich eine Erhaltung w\u00fcnsche, geh\u00f6rt dieser Pappkarton hier. Der Tonfall mag ein bisschen schulmeisterlich sein, aber man liest darin ein ernsthaftes Interesse, die Vielzahl der Trauerbekundungen als Monument zu w\u00fcrdigen (lasst eine Gasse frei, damit das Regenwasser ablaufen kann, denn nichts soll verloren gehen), und ebenso, zumindest rudiment\u00e4r, den Wunsch, das zu betonen, was hervorgehoben werden muss (&#8222;Die Menschen sollen die Schei\u00dftreppe sehen!&#8220;).<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4082\/4876864457_a2814232e3_d.jpg\" alt=\"Duisburg, Karl-Lehr-Stra\u00dfe\" \/><\/p>\n<p>Dass Orte spektakul\u00e4rer Unf\u00e4lle selbst zu einer Art Spektakel werden, gibt es h\u00e4ufig, aber hinter der gruseligen Schaulust steht auch ein nachvollziehbares Bed\u00fcrfnis, n\u00e4mlich den Ort des Geschehens nicht in banale Allt\u00e4glichkeit zur\u00fcckfallen zu lassen, sondern mit einem Sinn und einem Kontext zu versehen. Was zugleich auch ein paradoxes Unterfangen ist, denn so wie ein Wallfahrtsort f\u00fcr die Hoffnung steht, dass jederzeit alles passieren kann, wird eine Unfallstelle zu einem Symbol f\u00fcr die Angst davor, dass das tats\u00e4chlich wahr sein k\u00f6nnte: Beides sind Orte, an denen die Erkl\u00e4rbarkeit und Ausdeutbarkeit der Welt einen Riss bekommt, was es um so dringlicher macht, Erkl\u00e4rungen und Ausdeutungen zu finden.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4141\/4877790582_ced506bb69_d.jpg\" alt=\"Duisburg, Karl-Lehr-Stra\u00dfe\" \/><\/p>\n<p>Die Loveparade war eine Veranstaltung, die schon vorab mit einiger Bedeutung aufgeladen wurde. Es ist eines der Kennzeichen der Event-Kultur, dass sie schon im voraus den Ereignissen, die sie inszeniert, eine historische Relevanz zusichern und die Interpretation gleich mitliefern muss. &#8222;Let the memories begin&#8220;, hie\u00df der Slogan, mit dem ein englischer Fernsehsender vor Jahren die Berichterstattung zur Fu\u00dfball-WM ank\u00fcndigte. Es gibt, um <a href=\"http:\/\/k-punk.abstractdynamics.org\/archives\/008057.html\">mit Mark Fisher<\/a> zu sprechen, eine postmoderne &#8222;Fixierung auf die Produktion von Denkw\u00fcrdigem&#8220;, eine &#8222;Sehnsucht nach Erinnerungen&#8220;, die schon vorab angesprochen werden will und das erst noch zu Erlebende auch gleich erkl\u00e4rt haben m\u00f6chte. Wenn dann etwas schief geht oder gar in einer Katastrophe endet, liegt darin auch eine Art von Betrug: Mit den versprochenen Erinnerungen verliert man auch die Interpretation, in der man sich schon eingerichtet hatte. Es ist eine bittere Ironie, dass das Ungl\u00fcck nur eine Woche nach dem Autobahn-Fest passierte, als sei es \u00fcber die menschliche Trag\u00f6die hinaus auch noch darum gegangen, die Euphorie eines kollektiven urbanen Miteinanders und eines strahlenden Aufschwungs der Regionalmarke Ruhr, die in der Woche dazwischen die Berichterstattung dominierte, nachhaltig zu demolieren. Das Gef\u00fchl, durch die Trag\u00f6die um etwas betrogen worden zu sein, mag auch einiges von der Aggressivit\u00e4t und Heftigkeit erkl\u00e4ren, die sich auf vielen Dokumenten kundtut.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4139\/4877635676_eaf7c75e52_d.jpg\" alt=\"Duisburg, Karl-Lehr-Stra\u00dfe\" \/><\/p>\n<p>Die Karl-Lehr-Stra\u00dfe wird in einigen Wochen wieder f\u00fcr den Verkehr freigegeben. An der Ungl\u00fcckstelle soll eine Gedenktafel angebracht werden, und &#8222;sp\u00e4testens zum Jahrestag des Ungl\u00fccks sollen Duisburger K\u00fcnstler eine Stele f\u00fcr die Opfer des 24. Juli 2010 gestalten&#8220;, sagt die Stadt. Und au\u00dferdem: &#8222;Alle Beteiligten des &#8218;B\u00fcrgerkreises Gedenken&#8216; sind sich einig, dass das Ziel, eine Gedenkst\u00e4tte f\u00fcr die Opfer zu errichten, weiter verfolgt wird.&#8220;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4076\/4877514152_d10ccfde6a_d.jpg\" alt=\"Duisburg, Karl-Lehr-Stra\u00dfe\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor wem, vor welchem Ged\u00e4chtnis und vor welcher Zukunft, vor welcher und f\u00fcr welche Generation ist man verantwortlich, wenn man die Verantwortung f\u00fcr eine Stadt \u00fcbernimmt? Meine Hypothese ist, dass die Antwort auf diese Frage uns zwingt, den Begriff der Verantwortung neu zu fassen. 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