{"id":705,"date":"2010-04-23T02:56:06","date_gmt":"2010-04-22T23:56:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=705"},"modified":"2010-04-23T02:56:06","modified_gmt":"2010-04-22T23:56:06","slug":"watching-the-detectives","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2010\/04\/23\/watching-the-detectives\/","title":{"rendered":"Watching The Detectives"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4029\/4543644279_6eaafdf623.jpg\" alt=\"Annoncen Expedition\" \/><\/p>\n<p>Es ist Donnerstag Abend in der K\u00f6lner Innenstadt, kurz vor acht Uhr. Die Angestellten in den Gesch\u00e4ften bereiten sich auf ihren Feierabend vor, einige r\u00e4umen die Werbedisplays von den Gehwegen, in den Imbi\u00dfbuden und B\u00e4ckereien werden die letzten Auslagen zusammengepackt und die Vitrinen geputzt. Ich stehe vor einem der gro\u00dfen Warenh\u00e4user, und im Licht der Abendsonne f\u00e4llt mir auf, dass am gegen\u00fcberliegenden Geb\u00e4ude noch Reste alter Inschriften zu erkennen sind, die dort einmal angebracht waren. Das fotografiere ich eben mal, denke ich, packe die Kamera aus und mache ein paar Bilder. Aus dem Augenwinkel f\u00e4llt mir auf, wie eine schm\u00e4chtige Gestalt links an mir vorbeischarwenzelt. Ich setze die Kamera ab, mache instinktiv ein bisschen Platz und wundere mich noch ein bisschen, warum da jemand ausgerechnet durch das Nadel\u00f6hr zwischen mir und der Hauswand will, anstatt den bequemeren Weg rechts vorbei zu nehmen.<\/p>\n<p>Dann geht alles ganz schnell.<!--more--><\/p>\n<p>Wie ein Blitz taucht ein vierschr\u00f6tiger Kerl auf, kurze Haare, puterrotes Gesicht, und packt die schm\u00e4chtige Gestalt hart an Schultern und Arm: &#8222;Du h\u00e4ltst Dich wohl f\u00fcr besonders schlau, was?&#8220; Ein zweiter, ebenso vierschr\u00f6tiger Kerl taucht auf, packt ebenso heftig zu. Die schm\u00e4chtige Gestalt, ein kleines M\u00e4nnchen in sch\u00e4biger Kleidung, beides von undefinierbarem Alter, sagt etwas, das ich nicht verstehe. &#8222;Halt&#8217;s Maul&#8220;, sagt einer der vierschr\u00f6tigen Kerle, aber ich bin so erschreckt von der Aggressivit\u00e4t unmittelbar vor meiner Nase, das ich nicht mit bekomme, welcher von beiden. Mich schockiert nicht nur die Aggressivit\u00e4t, die brutale Effizienz des Zupackens, sondern auch, dass f\u00fcr die beiden Kerle offenbar \u00fcberhaupt nicht vorhanden bin, obwohl ich unmittelbar daneben stehe. Nur Sekunden dauert das Gerangel, dann haben die beiden ihr Opfer gepackt und zerren es Richtung Warenhaus.<\/p>\n<p>Aber ich habe kaum die Ereignisse im Kopf einigerma\u00dfen sortiert &#8211; die Angreifer waren also wohl Ladendetektive, wenn auch von einer deutlich rabiaten Sorte -, als die Ereignisse noch mal eine drastische Zuspitzung erfahren: In Windeseile rast ein weiterer kr\u00e4ftiger Mann aus dem Warenhaus, direkt auf den Festgenommenen zu, und versetzt ihm einen eindeutig schmerzhaften Fu\u00dftritt und einen Faustschlag. Ich h\u00f6re eine protestierende Frauenstimme, der Fu\u00dftreter br\u00fcllt: &#8222;Das geht sie nichts an!&#8220;, und das Trio verschwindet mit dem Gefangenen ins Warenhaus. Ich dr\u00fccke mehr instinktiv als bewusst, auf den Ausl\u00f6ser, und gehe ein paar Schritte der Gruppe hinterher.<\/p>\n<p>Die ganze Szene hat vermutlich nicht mal eine Minute gedauert, und im Nu sind die meisten Passanten, die die Szene mitbekommen haben, weitergegangen. Nur die protestierende Frau steht noch da und ein Mann mit einem Aktenkoffer, und wir beschlie\u00dfen, ins Warenhaus zu gehen, die Gruppe zu suchen und zur Rede zu stellen. Es ist gar nicht so sehr Zivilcourage oder b\u00fcrgerliches Anstandsgef\u00fchl, was mich dazu bewegt, sondern der Nachklang dieser sichtbaren Aggression, ihre Zielstrebigkeit und Kaltschn\u00e4uzigkeit im Willen, eine Rechnung zu begleichen, ohne R\u00fccksicht auf Umstehende und Zeugen. Und ich bin ganz einfach neugierig darauf, ob es hier in diesem Haus jemanden gibt, der dazu eine Meinung haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4021\/4543645381_a0fd805221.jpg\" alt=\"Festnahme\" \/><\/p>\n<p>Vor Jahren habe ich selbst einmal unangenehme Bekanntschaft mit Warenhausdetektiven gemacht. Das war in einem riesigen Supermarkt in einem weniger gut beleumundeten Viertel K\u00f6lns, in einem dieser riesigen Superm\u00e4rkte. Ich hatte Plastikgeschirr f\u00fcr einen Campingurlaub gekauft, und war, weil ich etwas vergessen hatte, nochmal ins Gesch\u00e4ft zur\u00fcckgegangen, ohne den Kassenzettel mitzunehmen. Als ich wieder rauskam, wurde ich schon von zwei Herren empfangen (&#8222;in braunen Kurzlederjacken und zu zwei&#8217;n&#8220;, wie es <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=BAnQDr-Ev3I\">bei Extrabreit<\/a> hie\u00df) und mit Nachdruck in ein winzig kleines Kabuff dirigiert. Was mir bis heute in Erinnerung geblieben ist, war ihre eindeutige und unverhohlen zur Schau gestellte Feindseligkeit. Ich mochte mich noch so unschuldig f\u00fchlen und noch so eine plausible Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Plastikgeschirr in meinem Rucksack anbieten k\u00f6nnen: Es war offensichtlich, dass die beiden nicht die mindeste Absicht hatten, meine Darlegungen auch nur in Erw\u00e4gung zu ziehen. Zwei kleine Dirty Harries, die das Recht auf ihrer Seite hatten und mich das auch sp\u00fcren liessen. Es gab eine Anzeige, ich schrieb einen w\u00fctenden Brief an die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung (auf den nie eine Antwort kam) und irgendwann erhielt ich ein Schreiben von der Polizei, dass sich die Angelegenheit erledigt habe. Eine \u00e4rgerliche, sicher keine dramatische Geschichte, aber doch eine, in der ich ein Qu\u00e4ntchen Ahnung davon bekam, wie Verh\u00f6rsituationen sich anf\u00fchlen, in denen man mit methodisch ausge\u00fcbter Intransigenz konfrontiert wird. (Es gibt einen sch\u00f6nen Sketch von Fry &#038; Laurie \u00fcber zwei \u00fcbermotivierte Warenhaus-Detektive, den ich seit diesem Erlebnis besonders zutreffend finden kann &#8211; leider auf YouTube grade nicht aufzusp\u00fcren.)<\/p>\n<p>Das Erlebnis heute ist zweifellos heftiger und bizarrer. Kaum haben wir das Warenhaus betreten, sind die drei Detektive und ihr Opfer auch schon nicht mehr zu sehen. Auf der Suche geht uns der Mann mit dem Aktenkoffer verloren, aber die w\u00fctende Frau beginnt damit, sich zur Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung durchzufragen. Nicht ohne jedem, den sie fragt, auch gleich die ganze Geschichte zu erz\u00e4hlen: &#8222;Wir haben grade etwas Unglaubliches erlebt &#8230;&#8220; und die meist bereitwillig angebotene Emp\u00f6rung zufrieden entgegen zu nehmen. Ich gehe ihr einfach mal hinterher.<\/p>\n<p>Die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung sitzt im obersten Stock des Warenhauses, sagt uns ein Mann, der im Untergeschoss an einer Biertheke sitzt. Wir finden sie an einem unscheinbaren Gang neben der CD-Abteilung. Die beiden freundlichen Damen im Sekretariat m\u00fcssen sich ebenfalls unsere Geschichte anh\u00f6ren und sind aufrichtig emp\u00f6rt. Eine der beiden telefoniert, und nur wenig sp\u00e4ter erscheint tats\u00e4chlich der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer, oder zumindest ein Herr, der sich daf\u00fcr ausgibt und auch ganz gut in die Rolle eines Gesch\u00e4ftsf\u00fchrers dieses Warenhauses passt: Jugendliches Aussehen trotz grauer Haare, die aber adrett frisiert sind (&#8222;ein bi\u00dfchen wavig, steht ihnen auch mal&#8220;, wird der Friseur vielleicht gesagt haben). Nicht zu aufdringlich gebr\u00e4untes Gesicht, dunkelblauer Anzug, im Ganzen der Typ, der auch in Nostalgieshows als in Ehren gealterter Star aus Heimatfilmen der 60er durchgehen k\u00f6nnte. Der Herr ist freundlich und konziliant, h\u00f6rt uns beiden aufmerksam zu, findet das, was wir beobachtet haben, auch &#8222;indiskutabel&#8220;, beteuert aber die generelle Korrektheit der f\u00fcr das Haus t\u00e4tigen Detektive und bittet uns um Verst\u00e4ndnis, dass er sich eines Urteils enthalten m\u00f6chte, so lange er nicht mit den Betroffenen gesprochen habe. Nat\u00fcrlich, was soll er auch sonst sagen, und immerhin wirkt er redlich darin, unser Bed\u00fcrfnis, \u00fcber das Erlebte ein bisschen Dampf abzulassen, nicht l\u00e4cherlich zu finden.<\/p>\n<p>Es entspinnt sich ein kurzes Gespr\u00e4ch, vor allem zwischen dem Herrn und der mittlerweile nicht mehr so w\u00fctenden Dame, \u00fcber die Situation in der Innenstadt, \u00fcber zunehmende Kriminalit\u00e4t und das, was davon sichtbar und unsichtbar ist: &#8222;Wir erleben hier Dinge, die w\u00fcrden sie nicht glauben&#8220;, sagt der Herr mit Nachdruck, &#8222;auch in einer Brutalit\u00e4t teilweise, das ist schon heftig.&#8220; Pl\u00f6tzlich f\u00fchlt man sich hier oben im Sekretariat der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung, auch wenn er&#8217;s nicht so drastisch meint, wie in der Kommandozentrale einer Festung, die mitten in eine immer unberechenbarer anbrandende Flut gebaut ist. &#8222;Die Aggressivit\u00e4t hat ganz sicher zugenommen&#8220;, beteuert er, und in einem Nebensatz rutscht ihm noch raus (&#8222;aber ich will da nix Falsches sagen&#8220;), vor allem gebe es ja Probleme &#8222;mit den Russen&#8220;. Ich kann dazu nicht viel sagen, bisher war mir die Innenstadt noch nicht als besonders gef\u00e4hrliche Zone erschienen, aber ich habe nat\u00fcrlich auch nicht jeden Tag hier zu tun. Gerade die Erkl\u00e4rungsversuche des Gesch\u00e4ftsf\u00fchrers lassen vor meinem geistigen Auge nun eine Stadtlandschaft entstehen, in der hinter den standardisierten Fassaden der Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen ungeahnte, unbekannte Kriege gef\u00fchrt werden, in der die G\u00e4nge zwischen den Warenregalen als Sch\u00fctzengr\u00e4ben fungieren und Kriminelle und Detektive in einen endlosen Zerm\u00fcrbungskrieg verflochten sind.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich verabschieden wir uns, und auf dem Weg nach drau\u00dfen, durch das eigentlich schon geschlossene Warenhaus, erz\u00e4hlt mir die nun gar nicht mehr w\u00fctende Frau, dass sie hier in der Gegend wohne und eigentlich auch noch nichts davon mitbekommen h\u00e4tte, dass es hier schlimmer zugehe als fr\u00fcher. Andererseits h\u00e4tte neulich jemand ein Auto in den Eingang des Warenhauses gerammt, um sich mit roher Gewalt Zugang zu verschaffen (eine Methode, die vor Jahren schon mal bei einem Juwelier auf der Hohen Stra\u00dfe funktioniert hat, erinnere ich mich), und auf die Auslage eines Goldschmieds sei mit schweren Waffen geschossen worden.<\/p>\n<p>Die Detektive sind, als wir vor das Warenhaus treten, ebenso wenig wieder aufgetaucht wie ihr H\u00e4ftling. Mir ist ein bisschen mulmig bei der Vorstellung, was sich zwischen den vieren noch abgespielt haben mag, als wir sie aus den Augen verloren. Auch wenn sie sich generell korrekt verhalten m\u00f6gen: In den wenigen Augenblicken der Konfrontation, die sich hier abgespielt hat, ging ein kleiner, aber deutlicher Ri\u00df durch die Normalit\u00e4t eines abendlichen Einkaufsbummels. Das war zu viel Aggression, um nur ein momentaner Exze\u00df zu sein, sowas muss sich irgendwoher aufgebaut und fundiert haben. Security-Leute sind ja paradoxerweise immer ein Indiz daf\u00fcr, dass die Sicherheit des Alltags eine tr\u00fcgerische sein k\u00f6nnte: Um so mehr, wenn sie dann noch so eklatant gegen Konventionen versto\u00dfen, in die wir uns f\u00fcr den Alltag eingesponnen haben. Ich verabschiede mich von der inzwischen recht ausgelassenen Frau und schaue mich um. Die Abendsonne ist mittlerweile fast nicht mehr zu sehen, und schon gar nichts mehr vom Fight-Club. Es ist schattig geworden, mich fr\u00f6stelt ein bisschen, und ich mache, dass ich zur U-Bahn und nach Hause komme.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4031\/4544270788_06e3f67fbc.jpg\" alt=\"Haasestein &#038; Vogler AG\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Donnerstag Abend in der K\u00f6lner Innenstadt, kurz vor acht Uhr. 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