{"id":727,"date":"2008-08-19T18:33:14","date_gmt":"2008-08-19T15:33:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=727"},"modified":"2008-09-03T13:42:28","modified_gmt":"2008-09-03T10:42:28","slug":"llamadas","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2008\/08\/19\/llamadas\/","title":{"rendered":"Llamadas"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/nnova\/2756448952\/\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3097\/2756448952_e9cca65d7b_d.jpg\" alt=\"Llamada\" \/><\/a><br \/>\n<font size=1>Photo: <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/nnova\/\">Nicolas Nova<\/a>.<\/font><\/p>\n<p>Noch etwas <a href=\"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=700\">Handy-Anthropologie<\/a>: Ein weiteres Beispiel daf\u00fcr, wie neue Technologien in der Dritten Welt auch zu neuen sozialen Praktiken f\u00fchren k\u00f6nnen, hat <a href=\"http:\/\/liftlab.com\/think\/nova\/2008\/08\/14\/llamadas-mobilehuman-pay-phone\/\">Nicolas Nova in Peru entdeckt<\/a>. Dort gibt es die sogenannten <em>Llamadas<\/em>:<\/p>\n<blockquote><p>It\u2019s generally women or teenagers with a bundle of mobile phones and a stop-watch who act as pay phones. They wear colorful clothes with mobile carriers brands and the \u201cllamadas\u201d logo (that they also shout when you pass by).<\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Llamadas sind nicht nur lebende Telefonzellen, sondern leisten auch praktische Hilfestellung, in dem sie beispielsweise Kunden, die nicht lesen k\u00f6nnen, beim Herausfinden und Eintippen von Telefonnummern helfen. Auf den ersten Blick ist das also ein ganz pragmatischer Weg, um auch Menschen, die sich das sonst nicht leisten k\u00f6nnen, eine Teilhabe an Kommunikationsnetzen zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Allerdings verliert der Services einiges von seinem Graswurzel-Charme, wenn man bedenkt, dass die Frauen und Kids, die als Llamadas arbeiten, von den Carriern selbst auf die Stra\u00dfe geschickt werden und <a href=\"http:\/\/blog.viventura.de\/peru\/telefonieren-auf-peruanisch\">f\u00fcr einen Hungerlohn arbeiten<\/a>. Es ist, mit anderen Worten, ein weiterer Distributionskanal, der vor allem dank eines gro\u00dfen Reservoirs billiger Arbeitskr\u00e4fte erschlossen werden kann. Das Llamada-System unterl\u00e4uft m\u00f6glicherweise auch kooperative Modelle, die man in anderen Gegenden der Dritten Welt beobachten kann (z.B. Viertel oder D\u00f6rfer, die sich gemeinsam ein Handy zulegen), verschafft daf\u00fcr dem einzelnen Kunden wiederum den Vorteil, dass er seinen Gespr\u00e4chswunsch nicht vor einem Dorf\u00e4ltesten, sondern nur mit seinem Geld begr\u00fcnden muss.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem sieht man am Llamada-System auch, dass der Aufbau der Kommunikationsnetze kein gesamtgesellschaftliches Ziel mehr verfolgt: Die mobile Technologie erm\u00f6glicht es, eine rudiment\u00e4re und flexible Infrastruktur aufzubauen, an der man nur noch ad hoc teilhaben kann. Es gibt, anders gesagt, keinen Anspruch mehr darauf, dauerhaft an das Kommunikationsnetz angebunden zu werden.<\/p>\n<p>Umgedreht lassen sich auch autonome Kommunikationssph\u00e4ren organisieren, die allenfalls noch parasit\u00e4r in vorhandene Technologien und Infrastrukturen eingeklinkt werden. Zuf\u00e4lligerweise sehe ich mich grade durch die dritte Staffel von <a href=\"http:\/\/www.hbo.com\/thewire\/\">The Wire<\/a>. Darin spielen die <em>burner<\/em> eine wichtige Rolle: Einweg-Handys mit vorinstallierten Prepaid-Karten, die abtelefoniert und dann weggeworfen werden k\u00f6nnen. Das sind sozusagen Llamadas ohne die pers\u00f6nliche Assistenz: Ein billiger, schnell verf\u00fcgbarer Weg, um kommunizieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Gangs von Baltimore sind das praktische Hilfsmittel, denn sie erm\u00f6glichen den Aufbau kurzlebiger Kommunikationsnetze. Die Kurzlebigkeit hat einen gro\u00dfen Nutzen: Die Netze sind nahezu nicht von au\u00dfen zu kontrollieren. Weil die Handys immer nur kurzzeitig in Betrieb sind, gibt es f\u00fcr die Polizei kaum eine M\u00f6glichkeit, ein Telefon einem Besitzer zuzuordnen &#8211; und damit auch kaum eine Chance, in die Kommunikation einzusteigen, um sie \u00fcberwachen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Burner-System in <em>The Wire<\/em> ist so effizient, weil die Gangster noch ein zweites Konzept verfolgen, das man <em>fragmentierte Kommunikation<\/em> nennen k\u00f6nnte: Welche Inhalte in welchem Medium weitergegeben werden (und in welchem Code), folgt einem genauen Regelwerk. Oft dient das Telefonat nur der Einleitung oder Ank\u00fcndigung einer weitergehenden Kommunikation, die dann an einem anderen Ort, im Vieraugengespr\u00e4ch usw. ausgef\u00fchrt wird und ihrerseits Fortsetzung in weiteren Telefonaten findet, oder im reduzierten Alphabet der Gesten und Kommandos, mit denen sich die Dealer vor Ort verst\u00e4ndigen.<\/p>\n<p>Aber nat\u00fcrlich l\u00e4sst sich dieses System, gerade weil es parasit\u00e4r ist, nicht v\u00f6llig perfektionieren und hermetisch absichern. Nat\u00fcrlich kann die Polizei schlie\u00dflich doch einen Einstiegspunkt identifizieren kann, \u00fcber den der Zugang gelingt. Aber das ist eine der Pointen der Staffel, ebenso wie die diversen gewollten und ungewollten Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse und Ambivalenzen, die beim Navigieren in verschiedenen Codes entstehen, und wird darum hier nicht verraten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Photo: Nicolas Nova. 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