{"id":73,"date":"2005-05-10T15:25:48","date_gmt":"2005-05-10T13:25:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.de\/nb\/?p=73"},"modified":"2005-05-31T04:28:08","modified_gmt":"2005-05-31T02:28:08","slug":"arier-im-dschungel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2005\/05\/10\/arier-im-dschungel\/","title":{"rendered":"Arier im Dschungel"},"content":{"rendered":"<p>Der WDR bringt einen Beitrag \u00fcber Nueva Germania, das paraguayanische Dschungeldorf, das 1887 vom Nietzsche-Schwager <a href=\"http:\/\/users.utu.fi\/hansalmi\/forster.html\" target=\"_blank\">Bernhard F\u00f6rster<\/a> gegr\u00fcndet wurde. F\u00f6rster wollte dort eine arische Kolonie aufbauen, inspiriert von Schriften seines Idols Richard Wagner. Das Experiment geriet jedoch zum Fiasko,<!--more--> die Siedler kamen mit den Lebensumst\u00e4nden im Dschungel nicht zurecht, die Kolonie war bald pleite und F\u00f6rster nahm sich 1889 das Leben. Elisabeth F\u00f6rster, seine Witwe, versucht noch eine Zeit lang, Gelder zusammen zu trommeln, aber ohne Erfolg. Ihr Bruder Friedrich hatte schon 1886 jede Unterst\u00fctzung abgelehnt: Er w\u00fcrde sich &#8222;\u00fcber das Scheitern des antisemitischen Unterfangens freuen&#8220;, teilte er seiner Schwester mit. F\u00f6rster sei &#8222;Agitator einer Bewegung, die zu drei Vierteln schmutzig und pervers&#8220; sei. 1892 warf sie endg\u00fcltig das Handtuch und ging zur\u00fcck nach Europa, um sich um ihren erkrankten Bruder zu k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Nueva Germania gibt es allerdings heute noch. Von F\u00f6rsters spektakul\u00e4ren Visionen ist aber nicht mehr viel \u00fcbriggeblieben, wie man Tom Nogas Bericht (und <a href=\"http:\/\/www.staff.uni-mainz.de\/lustig\/lk_py\/nuevger.doc\" target=\"_blank\">diesem<\/a> Artikel) entnehmen kann. Das Dorf geh\u00f6rt zu den \u00e4rmsten Siedlungen Paraguays, das kleine H\u00e4uflein der Deutschst\u00e4mmigen schl\u00e4gt sich mit etwas Landwirtschaft durch und ist ansonsten peinlich darauf bedacht, sich nicht all zu weit mit den &#8222;Hiesigen&#8220; einzulassen, obwohl unter den &#8222;Deutschen&#8220; l\u00e4ngst alle miteinander verwandt sind. In sp\u00e4teren Jahren sollen ein paar geflohene Nazis dort Unterschlupf gefunden haben, dass dazu auch Josef Mengele geh\u00f6rt hat, ist aber wohl nur eine Legende.<\/p>\n<p>Seltsamerweise ist der WDR nicht alleine mit seinem Interesse f\u00fcr dieses gottverlassene Nest. Ein bi\u00dfchen Googeln im Netz f\u00fchrt au\u00dfer zum Industrial-Projekt mit diesem Namen auch zum amerikanischen Komponisten <a href=\"http:\/\/www.davidwoodard.com\" target=\"_blank\">David Woodard<\/a>. Woodard ist ein durchgeknallter Don Quijotte, der Hymnen auf Timothy McVeigh und Kim Jong Il schreibt, was aber bisher eigentlich niemand so richtig interessiert zu haben scheint. Au\u00dferdem will er mit Burroughs befreundet gewesen sein und bastelt f\u00fcr Kunden wie Kurt Cobain und Iggy Pop an Exemplaren der <em>Dreamachine<\/em> des Beat-Dichters Byron Gysin.<\/p>\n<p>Woodard hat auch Wagner zu seinen S\u00e4ulenheiligen erkoren, und bei der Besch\u00e4ftigung mit dem Komponisten mu\u00df er auch irgendwie auf Nueva Germania gesto\u00dfen sein. Jedenfalls versucht er \u00fcber seine Website, Interessenten f\u00fcr eine Wiederbelebung von F\u00f6rsters Projekt zu gewinnen. Nueva Germania sei in Wahrheit die Umsetzung &#8211; wenn auch gescheitert &#8211; der wagnerschen Vision einer eugenisch reinen Kolonie. Das ist nat\u00fcrlich Bl\u00f6dsinn: Wagner war zwar Antisemit mit F\u00f6rster wollte er aber nicht viel zu tun haben. Was Woodard aber nicht viel ausmacht: Seine Website ist ein fast schon lustiges Konglomerat aus halbwahren und erfundenen Behauptungen &#8211; nichts, was man nicht mit ein bi\u00dfchen Recherche im Internet widerlegen k\u00f6nnte -, aber immerhin hat er es geschafft, den Regisseur Kenneth Anger und den Schweizer Schriftsteller Christian Kracht (<em>Faserland<\/em>) f\u00fcr das Vorhaben zu interessieren. Kracht gibt f\u00fcr den Springer-Verlag die Zeitschrift <a href=\"http:\/\/www.derfreund.de\" target=\"_blank\">Der Freund<\/a> heraus, und druckt da in der aktuellen Ausgabe einen zehnseitigen Riemen Woodards \u00fcber die Kimjongilia, die offizielle Blume Nordkoreas, das Woodard als eine Art asiatisches Sparta interpretiert.<\/p>\n<p>Nueva Germania scheint f\u00fcr ihn ein s\u00fcdamerikanisches Bayreuth zu sein, jedenfalls will er das ehemalige F\u00f6rster-Anwesen aufkaufen und dort als paraguayanischer Fitzcarraldo Opern- und Konzertauff\u00fchrungen veranstalten. Seiner Heimatgemeinde Juniper Hills hat er das Projekt einer Partnerschaft aufgeschwatzt (wovon man dort allerdings nichts mehr wissen will), wof\u00fcr es ein paar nette Worte vom B\u00fcro des Vizepr\u00e4sidenten Dick Cheney gab.<\/p>\n<p>Auf der <a href=\"http:\/\/www.juniperhills.net\" target=\"_blank\">Juniper-Hills-Website <\/a>(die in Wahrheit, wie man am Seitentitel erkennen kann, wohl von Woodard betreut wird) gibt es ein paar Bilder von einem Besuch Woodards in Nueva Germania. Da sieht man ihn zwischen ein paar ausgemergelten Gestalten stehen und fragt sich insgeheim, was er denen wohl erz\u00e4hlt haben wird, jedenfalls sehen die nicht so aus, als ob die viel von Wagnerschen und F\u00f6rsterschen Visionen wissen wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der WDR bringt einen Beitrag \u00fcber Nueva Germania, das paraguayanische Dschungeldorf, das 1887 vom Nietzsche-Schwager Bernhard F\u00f6rster gegr\u00fcndet wurde. 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