{"id":761,"date":"2009-11-25T17:48:51","date_gmt":"2009-11-25T14:48:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=761"},"modified":"2009-11-25T17:48:51","modified_gmt":"2009-11-25T14:48:51","slug":"felsendom","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2009\/11\/25\/felsendom\/","title":{"rendered":"Felsendom"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2708\/4123376340_70b11f76f4.jpg\" alt=\"Mariendom Neviges\" \/><\/p>\n<blockquote><p>Was f\u00fcr ein Haus wollt ihr mir bauen, spricht der Herr. (Apg 7.49)<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein Gebirge aus Beton im Bergischen: Der Mariendom in Neviges. Er ist \u00fcber vierzig Jahre nach seinem Bau immer noch ein imposantes und exzentrisches Geb\u00e4ude, trotz einiger Altersflecken, die Feuchtigkeit und Moos hier und da schon angebracht haben.<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2770\/4123332014_a687794867.jpg\" alt=\"Mariendom Neviges\" \/><\/p>\n<p>Es gibt eine sentimentale Anekdote zur Entstehung dieses Baus, die nicht ganz zur sperrigen \u00c4sthetik zu passen, sondern eher in die Tradition kirchlicher Mythen zu geh\u00f6ren scheint. B\u00f6hms Entwurf war n\u00e4mlich im Wettbewerb zun\u00e4chst unterlegen. Dann habe sich Kardinal Frings die Modelle der Architekten vorf\u00fchren lassen. Weil sein Sehverm\u00f6gen schon stark getr\u00fcbt war, habe er die Besonderheiten der einzelnen Modelle mit den H\u00e4nden ertastet. Von B\u00f6hms Entwurf sei er so begeistert gewesen, dass er eine Neuansetzung des Wettbewerbs verlangt habe. Und im zweiten Durchlauf ging B\u00f6hm schlie\u00dflich als Sieger hervor.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2586\/4122589893_618e7b8f49.jpg\" alt=\"Mariendom Neviges\" \/><\/p>\n<p>Ob sich die Geschichte wirklich so zugetragen hat, wei\u00df ich nicht, aber sie hat nat\u00fcrlich einen nachvollziehbaren Charme, weil sie die Konzeption des Geb\u00e4udes zu etwas erkl\u00e4rt, das man ganz handfest nachf\u00fchlen und nachsp\u00fcren kann. Der Dom ist schlie\u00dflich nicht irgendeine Kirche, sondern ein popul\u00e4rer Wallfahrtsort, mit dem sich ein religi\u00f6ses Massenpublikum identifizieren k\u00f6nnen muss. Die Anekdote gibt der Monstrosit\u00e4t und K\u00fchnheit des Baus ein menschelndes Ma\u00df. Und vielleicht hat sich das Modell mit seinen seltsamen unregelm\u00e4\u00dfigen Zacken und Kanten tats\u00e4chlich viel interessanter angef\u00fchlt als konventionelle, symmetrische oder fein ziselierte Entw\u00fcrfe.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2699\/4123274974_1ae044e10d.jpg\" alt=\"Mariendom Neviges\" \/><\/p>\n<p>Man kann vieles in dieser Kirche sehen: Burg, Zelt, Felsmassiv, die Stadt auf dem H\u00fcgel (auch wenn der Dom eher am Fu\u00df eines Abhangs liegt). Das Innere der Kirche ist wie ein st\u00e4dtischer Platz gestaltet, allerdings weniger (wie oft gesagt wird) wie ein Markt, denn eine freie Zirkulation von Ideen oder Waren ist hier sicher nicht beabsichtigt, sondern mehr wie die zentrale Piazza italienischer St\u00e4dte: Dort ist die Gestaltung oft auf den Sitz der Regierung ausgerichtet, hier befindet sich der Altar im Mittelpunkt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2801\/4122531945_a8155bdb8e.jpg\" alt=\"Mariendom Neviges\" \/><\/p>\n<p>Vielleicht muss man w\u00e4hrend einer Messe anwesend sein, um die B\u00f6hm\u2019sche Konzeption so w\u00fcrdigen zu k\u00f6nnen wie sie gedacht war. Wenn das Geb\u00e4ude hell erleuchtet ist und tats\u00e4chlich mehrere Tausend Pilger anwesend sind (insgesamt 6.000 finden hier immerhin Platz), dann mag tats\u00e4chlich der Eindruck einer lebendigen Stadt entstehen. Unter der Woche hat das Geb\u00e4ude auch etwas Unheimliches und D\u00fcsteres, vor allem wenn man es aus einem sonnendurchfluteten Tag betritt. Die Glasfenster (die an Gilbert &#038; George erinnern) tauchen nur die hinteren Bereiche der Kirche in schummrige Lichtfelder, aber der gr\u00f6\u00dfere Teil des Geb\u00e4udes liegt im Dunklen. Die leuchtende Stadt, die der Dom nach au\u00dfen darstellt, wirkt dann im Inneren eher unfertig, wie eine gro\u00dfe Baustelle, auf der schon einige Andeutungen der zuk\u00fcnftigen Gestalt zu erkennen sind, die Arbeit aber f\u00fcr unbestimmte Zeit suspendiert wurde.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2640\/4122526937_1ca076e7c9.jpg\" alt=\"Mariendom Neviges\" \/><\/p>\n<p>Es ist gerade diese Atmosph\u00e4re einer unfertigen, noch zu Ende zu bauenden Stadt, die ich an diesem Dom besonders faszinierend finde. B\u00f6hms Architektur l\u00e4sst duchaus Platz f\u00fcr das Unbestimmte, das Unheimliche und das Prek\u00e4re: Der Kirchenraum nicht als Heimat oder spirituelles Wellnesszentrum (denn \u201ewir haben hier keine bleibende Stadt\u201c), sondern als Herausforderung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was f\u00fcr ein Haus wollt ihr mir bauen, spricht der Herr. (Apg 7.49) Ein Gebirge aus Beton im Bergischen: Der Mariendom in Neviges. 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