{"id":762,"date":"2008-09-17T14:18:02","date_gmt":"2008-09-17T11:18:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=762"},"modified":"2008-09-17T14:18:02","modified_gmt":"2008-09-17T11:18:02","slug":"galveston","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2008\/09\/17\/galveston\/","title":{"rendered":"Galveston"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3038\/2865336494_6e4c385c9c.jpg\" alt=\"St Patrick's, Galveston\" \/><br \/>\n<font size=1>St Patrick&#8217;s Church, Galveston, Texas, 1902. (<a href=\"http:\/\/www.gthcenter.org\/exhibits\/graderaising\/Buildings\/G-59262FF3-7.htm\">Quelle<\/a>.)<\/font> <\/p>\n<p>Ike war nicht der erste Hurrikan, der Galveston und Texas heimsuchte: Die schlimmste Katastrophe war der Hurrikan vom September 1900, als die Stadt schon einmal v\u00f6llig verw\u00fcstet wurde und zwischen mindestens 6.000 Menschen den Tod fanden. Manche Sch\u00e4tzungen sprechen auch von 8.000 bis 12.000 Toten, sicher ist soviel: Keine Naturkatastrophe in den USA hat jemals mehr Opfer gefordert (Katrina kostete etwa 1.800 Menschen das Leben).<\/p>\n<p>Anl\u00e4sslich der Verw\u00fcstungen, die Ike anrichtete, ist in einigen Medien auch wieder an die Ereignisse von 1900 erinnert worden. Ein Aspekt ist dabei allerdings kaum zur Sprache gekommen: Dass n\u00e4mlich damals eine der aufw\u00e4ndigsten und ausgefallensten Schutzma\u00dfnahmen eingeleitet wurde, um zuk\u00fcnftige Katastrophen zu verhindern. Dazu geh\u00f6rte nicht nur der Bau einer riesigen Schutzmauer, sondern auch die Anhebung der gesamten Stadt &#8211; inklusive fast aller Geb\u00e4ude &#8211; um rund f\u00fcnf Meter.<!--more--><\/p>\n<p>Die <em>FAZ<\/em> widmet sich den Ereignissen von 1900 noch <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE\/Doc~EF6CF794ADD19420EA367F4663F2904FE~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">am ausf\u00fchrlichsten<\/a>, wenn auch mit ein paar Ungenauigkeiten im Detail: Von der &#8222;kleinen Stadt Galveston&#8220; ist da die Rede, &#8222;eine h\u00fcbsche, aufstrebende, harmonievolle Inselstadt, die gl\u00fccklich soeben ins zwanzigste Jahrhundert geraten war und Hoffnungen trug, es mit dem prosperierenden Houston aufnehmen zu k\u00f6nnen&#8220;. Das l\u00e4sst Galveston beschaulicher und betulicher klingen, als es damals war: Tats\u00e4chlich war die Stadt damals eine Boomtown des Baumwollhandels, in etwa genauso gross wie Houston und mit dem wesentlich bedeutenderen Hafen. Der Aufstieg von Houston, der Ausbau seines Hafens und der Abstieg Galvestons zu der Beschaulichkeit, die den FAZ-Autor angeregt zu haben scheint, ist vielmehr sogar eine direkte Konsequenz der Katastrophe von 1900.<\/p>\n<p>Die zweite Konsequenz, n\u00e4mlich die Hochwasserschutzma\u00dfnahmen danach, erw\u00e4hnt die <em>FAZ<\/em> nur en passant. Sie nennt unter anderem den Meteorologen Isaac Cline, der vor der Katastrophe den Bau einer Mauer noch mit der Einsch\u00e4tzung abgelehnt hatte: &#8222;It would be impossible for any cyclone to create a storm wave which could materially injure the city.&#8220; Clines Verantwortung f\u00fcr das Ausmass der Katastrophe ist umstritten. Er war Chef der texanischen D\u00e9pendance des <em>US Weather Bureaus<\/em>, also ein Mann mit einigem Einfluss. Seine Behauptung, die Angst vor einer Katastrophe sei eine &#8222;Wahnvorstellung&#8220;, hat sicher auch dazu gef\u00fchrt, dass die Mauer tats\u00e4chlich zun\u00e4chst nicht gebaut wurde. Andererseits hat Cline einiges dazu beigetragen, um Unwetter und \u00dcberschwemmungen besser prognostizieren zu k\u00f6nnen: Im Sommer 1900 war es ihm mehrfach gelungen, Hochwasser in Texas vorauszusagen und rechtzeitige Evakuierungen auszul\u00f6sen.<\/p>\n<p>Die F\u00e4higkeit, vieles voraussagen zu k\u00f6nnen, mag ihn dazu verleitet haben, handfeste Schutzma\u00dfnahmen f\u00fcr vernachl\u00e4ssigbar zu halten. Die Katastrophe von 1900 wurde f\u00fcr ihn auch zur pers\u00f6nlichen Trag\u00f6die: Seine schwangere Frau starb ebenfalls in den Fluten. In der Folge wurde Cline zum energischen Bef\u00fcrworter der Schutzmauer, und 1902 wurde die Anlage endlich errichtet &#8211; 16 km lang, \u00fcber 5 m hoch und an der Basis fast ebenso breit.<\/p>\n<p>Das war aber, wie gesagt, nicht die einzige Ma\u00dfnahme, die durchgef\u00fchrt wurde. Parallell zum Bau der Mauer begann man damit, die ganze Stadt um ebenfalls f\u00fcnf Meter anzuheben. Eine spektakul\u00e4re Aktion, &#8222;a plan that even in an era of engineering daring stood out for its size, cost, and audacity&#8220;. Denn dazu wurden tats\u00e4chlich fast alle Geb\u00e4ude der Stadt auf Plattformen und Stelzen gesetzt, dann mit Hebeln und Winden in die H\u00f6he bef\u00f6rdert. Anschlie\u00dfend wurde der freigewordene Raum mit Schlick aufgef\u00fcllt.<\/p>\n<p>Wie das in der Praxis aussah, kann man sich im <a href=\"http:\/\/pruned.blogspot.com\/2007\/05\/galveston-on-stilts.html\">Blog von Alexander Trevi<\/a> anschauen. Beeindruckend ist vor allem das Bild der Kirche St. Patrick&#8217;s auf Stelzen &#8211; immerhin ein Geb\u00e4ude mit einem Gewicht von 300 Tonnen. (Weitere Bilder gibt es <a href=\"http:\/\/www.gthcenter.org\/exhibits\/graderaising\/index.html\">hier<\/a>.)<\/p>\n<p>Bis zum 12. September 2008 haben die Ma\u00dfnahmen von damals ihren Zweck auch tats\u00e4chlich erf\u00fcllt: Aus dem Jahr 1983 zum Beispiel, als der Hurrikan Alicia \u00fcber Texas fegte, gibt es eine Sch\u00e4tzung der US Army, und darin hei\u00dft es, die Mauer habe geholfen Sch\u00e4den in H\u00f6he von $100 Millionen zu verhindern. Dass Galveston so lange verschont blieb, hat wohl fatalerweise dazu gef\u00fchrt, dass viele Einwohner gegen offizielles Anraten in der Stadt ausharrten &#8211; in den Interviews vor und nach dem Sturm war immer wieder von der Schutzmauer und der Sicherheit, die sie bieten sollte, die Rede.<\/p>\n<p>Es stellt sich nun die Frage, wie Galveston auf die Katastrophe reagieren wird. Wird die Mauer weiter erh\u00f6ht? Wird die Stadt noch einmal einige Meter angehoben? Und werden sich andere St\u00e4dte und Regionen in der Welt die Ma\u00dfnahmen von damals zum Vorbild nehmen? K\u00f6nnte man nicht zum Beispiel Amsterdam auf eine hydraulische Hebeb\u00fchne setzen und, je nach Bedarf und Wetterlage, anheben oder senken? Warum nicht gleich die ganzen Niederlande? St\u00e4dte und Regionen als flexible und modulare Plattformen: Das w\u00e4re nun wirklich Stoff f\u00fcr landschaftsplanerische Visionen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>St Patrick&#8217;s Church, Galveston, Texas, 1902. (Quelle.) Ike war nicht der erste Hurrikan, der Galveston und Texas heimsuchte: Die schlimmste Katastrophe war der Hurrikan vom September 1900, als die Stadt schon einmal v\u00f6llig verw\u00fcstet wurde und zwischen mindestens 6.000 Menschen den Tod fanden. 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