{"id":769,"date":"2009-11-30T11:36:40","date_gmt":"2009-11-30T08:36:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=769"},"modified":"2009-12-01T14:15:52","modified_gmt":"2009-12-01T11:15:52","slug":"die-luftge-moschee","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2009\/11\/30\/die-luftge-moschee\/","title":{"rendered":"Die luft&#8217;ge Moschee"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>und bin ich des Griechischen m\u00fcde<br \/>\nmich lockt die luft&#8217;ge Moschee<br \/>\nund ich klage den maurischen Blumen<br \/>\nmein europ\u00e4isches Weh<\/p><\/blockquote>\n<p>Bemerkenswert, dass Gottfried Keller ausgerechnet die Moschee als <em>locus amoenus<\/em> beschreibt, als luftiges und blumendurchwirktes Idyll, an dem man \u00fcbers &#8222;europ\u00e4ische Weh&#8220; erhoben werden kann. Vor allem, wenn man daneben die aktuelle Optik derjenigen seiner Landsleute setzt, die Moscheen nur noch als Abschussrampen minarettf\u00f6rmiger Marschflugk\u00f6rper sehen wollen.<!--more--><\/p>\n<p>Bemerkenswert ist das nat\u00fcrlich nur, wenn man vergisst, dass die Literatur des 19. Jahrhunderts durchaus noch einen anderen Blick auf den Islam und die arabische Welt kannte. Einen Blick, der nicht ganz frei war von exotischer Verkl\u00e4rung \u2013 der Orient als Heimat einer verspielten und ornamentreichen \u00c4sthetik, die man der k\u00fchlen Rationalit\u00e4t der aufkommenden Moderne entgegen setzen konnte \u2013 der aber immerhin noch f\u00fcr den Willen steht, sich mit diesem exotischen Anderen auseinanderzusetzen.<\/p>\n<p>Kellers Verse stammen aus einem fr\u00fchen Gedicht von 1844. Aus der Zeit also, in der er seine Pl\u00e4ne aufgab, sich als Landschaftsmaler zu etablieren, und stattdessen seinen &#8222;gro\u00dfen Drang zum Dichten&#8220; entdeckt hatte, aber noch nicht ganz seinen eigenen Ton. Es ist ein romantisches Wanderlied, und die Moschee ist nur eines von vielen Elementen, denen der Wanderer auf seinem Weg begegnet \u2013 Mobiliar eines vielf\u00e4ltigen Universums, in dem auch Platz f\u00fcr dorische Tempel und phantastische Dome ist:<\/p>\n<blockquote><p>Nun will ich gehn u wandern<br \/>\nfr\u00fch bis zum Abend sp\u00e4t<br \/>\nso weit auf dieser Erde<br \/>\ndie Sonne mit mir geht!<\/p>\n<p>Ich nehme nichts mit, als den Becher,<br \/>\nmein leichtes Saitenget\u00f6n,<br \/>\nich wundre mich \u00fcber die Ma\u00dfen<br \/>\nwie&#8217;s \u00fcberall so sch\u00f6n!<\/p>\n<p>Die Ebne ist oft sch\u00f6ner<br \/>\nals meine Berge noch<br \/>\nund wo kein blauer Himmel,<br \/>\ngiebts rothe Wolken doch.<\/p>\n<p>wo keine schmachtenden Lotos<br \/>\nw\u00e4chst bl\u00fchendes Haidekraut<br \/>\nwo keine phantastischen Dome<br \/>\nsind dorische Tempel gebaut<\/p>\n<p>und bin ich des Griechischen m\u00fcde<br \/>\nmich lockt die luft&#8217;ge Moschee<br \/>\nund ich klage den maurischen Blumen<br \/>\nmein europ\u00e4isches Weh<\/p>\n<p>Hallo du muntrer J\u00e4ger<br \/>\nSag&#8216; an du Fischer traut<br \/>\nhast du, o stiller Fischer<br \/>\nmein Liebchen nicht geschaut?<\/p>\n<p>mein Liebchen ist die Freiheit<br \/>\nich suche sie kreuz u quer<br \/>\nsie ist doch nicht ertrunken<br \/>\nim alten falschen Meer?<\/p>\n<p>O wenn ich dieses w\u00fc\u00dfte,<br \/>\nmich fa\u00dft ein kalter Graus<br \/>\nich stie\u00dfe meinem Schifflein<br \/>\nden morschen Boden aus!<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Wandern der Romantik ist eine promiske Besch\u00e4ftigung, keine systematisierende T\u00e4tigkeit: Was die Welt ausmacht, ist gerade ihre Vielf\u00e4ltigkeit und Mannigfaltigkeit, und jedes Element hat schon deshalb eine Existenzberechtigung, weil es als sch\u00f6n erlebt werden kann \u2013 die Ebenen genauso wie die Berge, der blaue Himmel und die roten Wolken, der &#8222;schmachtende Lotos&#8220; und das &#8222;bl\u00fchende Haidekraut&#8220;, der griechische Tempel und die orientalische Moschee. Freiheit entsteht dort, wo diese Vielf\u00e4ltigkeit angenommen und aktiv gesucht werden kann und nicht vom &#8222;alten falschen Meer&#8220; reaktion\u00e4rer, konservativer und klerikaler Borniertheit ertr\u00e4nkt wird.<\/p>\n<p>In seinem Romanen und Erz\u00e4hlungen hat Keller dieses romantische Ideal eines ungebundenen Umherschweifens relativiert. Vom <em>Gr\u00fcnen Heinrich<\/em> bis zum <em>Martin Salander<\/em> geht es immer wieder darum, wie man von schw\u00e4rmerischer Theorie zu politischer Praxis kommt. Freiheit ist die M\u00f6glichkeit, sich als Teil der Gesellschaft begreifen und engagieren zu k\u00f6nnen. Patriotismus ist dabei durchaus eine b\u00fcrgerliche Aufgabe: &#8222;Achte jedes Mannes Vaterland, aber das deinige liebe!&#8220;, hei\u00dft es programmatisch im <em>F\u00e4hnlein der sieben Aufrechten<\/em>. Aber diese Vaterlandsliebe ist nicht etwas, das angeboren oder ererbt wird und sich quasi von selbst versteht, sondern sie muss im Alltag durch aktives politisches Engagement immer wieder gelebt werden, so wie von den sieben Handwerkern in ihrem &#8222;namen- und statutenlosen Verein&#8220;. Das Vaterland ist nichts Fertiges, sondern eine <em>patrie \u00e0 faire<\/em>.<\/p>\n<p>Sicher hat dieser politische Patriotismus Kellers seine Begrenztheiten. Es gibt sch\u00e4dliche Einfl\u00fcsse von innen und au\u00dfen, vor denen das Eigent\u00fcmliche und Besondere des &#8222;Schweizertums&#8220; gesch\u00fctzt werden muss: &#8222;Vom Gotthard weht ein schlimmer Wind:\/Sie kommen, die Jesuiten!&#8220;. Aber im erz\u00e4hlerischen Werk sind politische und weltanschauliche Differenzen kaum noch eine Bedrohung: Wenn hier destabilisierende, &#8222;unschweizerische&#8220; Elemente auftreten, dann sind sie oft \u00f6konomisch konnotiert und resultieren aus der Dynamik eines immer globaleren Wirtschaftssystems, das auf lokale Besonderheiten keine R\u00fccksicht nimmt. Das Gegenmodell zur freiheitlichen, politisch engagierten und vaterlandsliebenden Gesellschaft liefern Gestalten wie der gro\u00dfkotzige Immobilienspekulant Ruckstuhl im <em>F\u00e4hnlein<\/em> oder die &#8222;Baumwollenen&#8220;, die international agierenden Textilfabrikanten im <em>Martin Salander<\/em>:<\/p>\n<blockquote><p>Allein trotz alledem klebt einmal von ihrer Pflanzst\u00e4tte jenseits des Ozeans bis zur drehenden Spindel und zum Druckertisch am Schweizerwasser etwas spezifisch Verh\u00e4ngnisvolles an der Baumwolle, das auf die politischen und menschlichen Anschauungen derer, die mit ihr zu schaffen haben, einen unleugbaren Einflu\u00df behauptet und mit dem innern Leben eines tiefer gefa\u00dften Patriotismus, einer gr\u00fcndlichen Humanit\u00e4t oft genug in Widerspruch ger\u00e4t. <\/p><\/blockquote>\n<p>Im Gegenzug macht Keller die Vielfalt an religi\u00f6sen, politischen und sozialen Vorstellungen zum Wesensmerkmal einer lebendigen, demokratischen Gesellschaft. Im <em>F\u00e4hnlein<\/em> entwirft er ein geradezu multikulturelles Panorama der Schweiz: Auf dem Festakt, der den H\u00f6hepunkt der Geschichte bildet, treffen sich die unterschiedlichen Kulturen, Sprachen und Gesellschaftsschichten und feiern ihre Unterschiedlichkeit.<\/p>\n<blockquote><p>Ei! was wimmelt da f\u00fcr verschiedenes Volk im engen Raume, mannigfaltig in seiner Hantierung, in Sitten und Gebr\u00e4uchen, in Tracht und Aussprache! Welche Schlauk\u00f6pfe und welche Mondk\u00e4lber laufen da nicht herum, welches Edelgew\u00e4chs und welch Unkraut bl\u00fcht da lustig durcheinander, und alles ist gut und herrlich und ans Herz gewachsen; denn es ist im Vaterland! [&#8230;]<\/p>\n<p>Wie kurzweilig ist es, da\u00df es nicht einen eint\u00f6nigen Schlag Schweizer, sondern da\u00df es Z\u00fcrcher und Berner, Unterwaldner und Neuenburger, Graub\u00fcndner und Basler gibt, und sogar zweierlei Basler! Da\u00df es eine Appenzeller Geschichte gibt und eine Genfer Geschichte; diese Mannigfaltigkeit in der Einheit, welche Gott uns erhalten m\u00f6ge, ist die rechte Schule der Freundschaft, und erst da, wo die politische Zusammengeh\u00f6rigkeit zur pers\u00f6nlichen Freundschaft eines ganzen Volkes wird, da ist das H\u00f6chste gewonnen; denn was der B\u00fcrgersinn nicht ausrichten sollte, das wird die Freundesliebe verm\u00f6gen, und beide werden zu einer Tugend werden<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Happy End im <em>F\u00e4hnlein<\/em> wird m\u00f6glich, weil alle Protagonisten nicht nur Vielfalt, sondern auch Dynamik und Ver\u00e4nderung in ihrem Umfeld zu akzeptieren lernen. Ob Keller auch Minarette als Herzgew\u00e4chse des Vaterlands gesehen h\u00e4tte, l\u00e4sst sich nur spekulieren. Aber es spricht doch einiges daf\u00fcr, dass er &#8222;B\u00fcrgersinn&#8220; und &#8222;Freundesliebe&#8220; zugetraut h\u00e4tte, sie als Elemente einer &#8222;Mannigfaltigkeit in der Einheit&#8220; zu begreifen und konstruktiv damit umgehen zu k\u00f6nnen. Dass eine luft&#8217;ge Moschee durchaus ihren Reiz haben kann, haben wir ja oben gesehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>und bin ich des Griechischen m\u00fcde mich lockt die luft&#8217;ge Moschee und ich klage den maurischen Blumen mein europ\u00e4isches Weh Bemerkenswert, dass Gottfried Keller ausgerechnet die Moschee als locus amoenus beschreibt, als luftiges und blumendurchwirktes Idyll, an dem man \u00fcbers &#8222;europ\u00e4ische Weh&#8220; erhoben werden kann. 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