{"id":777,"date":"2008-10-16T17:17:12","date_gmt":"2008-10-16T14:17:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=777"},"modified":"2008-10-16T17:33:09","modified_gmt":"2008-10-16T14:33:09","slug":"io-prigioniero-di-gomorra","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2008\/10\/16\/io-prigioniero-di-gomorra\/","title":{"rendered":"&#8222;Io, prigioniero di Gomorra&#8220;"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Diese Blase un\u00fcberwindbarer Einsamkeit, die mich umklammert, macht aus mir einen schlechteren Menschen. Das bedenkt keiner, und auch ich h\u00e4tte das bis zum Ende des verganenen Jahres nicht gedacht. Privat ist aus mir eine unangenehme Person geworden: voller Verdacht und Bedenken. Und dar\u00fcberhinaus skeptisch gegen\u00fcber jeder Sinnhaftigkeit. Es kommt vor, dass ich denke, jeder will mir etwas wegnehmen, oder mich zumindest hintergehen oder f\u00fcr seine Zwecke brauchen. Es ist so, als ob meine Menschlichkeit verarmt und verk\u00fcmmert w\u00e4re.<\/p><\/blockquote>\n<p>Roberto Savianos <a href=\"http:\/\/www.repubblica.it\/2008\/10\/sezioni\/cronaca\/camorra-3\/lascio-italia\/lascio-italia.html\">Ank\u00fcndigung<\/a>, Italien verlassen zu wollen, kann ja nicht wirklich \u00fcberraschen. Es ist h\u00f6chstens erstaunlich, dass er \u00fcberhaupt so lange durchgehalten hat und sich nicht einsch\u00fcchtern liess. Sein gutes Recht, jetzt mal genug zu haben von dem Belagerungszustand, in den er durch die Morddrohungen der Camorra versetzt worden ist, und irgendwohin zu verschwinden, wo man das anfangen k\u00f6nnte, was man ein halbwegs normales Leben nennt.<\/p>\n<p>Das eindr\u00fccklichste und bedr\u00fcckendste an seinem Statement ist, dass es die Mechanik der Einsch\u00fcchterung nachvollziehbar macht: Wie die externe Bedrohung nach innen wandert, gerade deshalb, weil sie so vage ist, weil nie wirklich abgesch\u00e4tzt werden kann, wie akut sie zu einem gegebenen Moment tats\u00e4chlich ist. Insofern spielt es auch kaum eine Rolle, dass die Polizei nun tats\u00e4chlich ein Mordkomplott gegen Saviano aufgedeckt zu haben scheint. Der Entschluss, Mut zu zeigen, l\u00e4sst die Furcht wachsen, dass alles m\u00f6glich sein k\u00f6nnte: Es ist eines der Verdienste Savianos, sich diesem Dilemma gestellt und es \u00f6ffentlich erz\u00e4hlt zu haben.<\/p>\n<p>Er habe es f\u00fcr eine &#8222;moralische Verpflichtung&#8220; gehalten, &#8222;ein Symbol zu werden&#8220;. Das mag sehr pathetisch klingen, aber man darf nicht vergessen, dass so ein Satz in einer Kultur ge\u00e4u\u00dfert wird, in dem das messianische Moment, die Bereitschaft zur Selbstaufopferung, immer noch als ein herausragender Charakterzug gilt. Saviano hat in <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3446209492?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3446209492\">Gomorrha<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3446209492\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> selbst darauf hingewiesen: Die Bosse m\u00f6gen zwar versuchen, der Justiz so lange wie m\u00f6glich zu entgehen. Aber wenn sie es f\u00fcr n\u00f6tig halten, sind sie oft erstaunlich bereit, eine Haftstrafe auf sich zu nehmen, um &#8222;das System zu retten&#8220;. Wenn Saviano sich also selbst zu einer Art Messias der Gegenbewegung stilisiert, hat das nur wenig mit Koketterie zu tun: Er begegnet der Mafia vielmehr auf der gleichen symbolischen Ebene.<\/p>\n<blockquote><p>Wenn ich heute zur\u00fcckblicke, sehe ich nur Tr\u00fcmmer und eine Zeit, die unwiderruflich verloren ist, die ich nicht festhalten kann, sondern nur dann wiederherstellen kann, wenn ich nicht l\u00e4nger, so wie ich das jetzt tue, wie ein fl\u00fcchtiger Verbrecher lebe. Sandokan, Francesco Schiavone, der Boss der Casalesi, er muss in Gefangenschaft leben, im Gewahrsam der Carabinieri, eingeschlossen in einer Zelle. Er hat sich das durch die Gewalt verdient, das Gift und die Toten, mit denen er Kampanien \u00fcbergossen hat, aber was ist mein Delikt? Warum muss ich wie ein H\u00e4ftling leben, wie ein Lepr\u00f6ser, versteckt vor dem Leben, vor der Welt, den Menschen? Was ist meine Krankheit, meine Ansteckung? Was ist meine Schuld?<\/p><\/blockquote>\n<p>Aus der Perspektive der Mafia w\u00fcrde es wohl hei\u00dfen: Nicht nur, ein Buch \u00fcber sie geschrieben, sondern damit auch Erfolg gehabt zu haben. Nicht nur, \u00fcber die Mafia zu reden, sondern auch dar\u00fcber zu reden, was es <strong>bedeutet<\/strong>, dar\u00fcber zu reden. Die Welle der Gewalt, mit der die Camorra in den vergangenen Monaten agiert hat, zeigt, dass das nicht unbedingt ausreicht, um sie verschwinden zu lassen. Aber die Diskussion findet tats\u00e4chlich auf einer anderen Ebene statt als in den Jahren zuvor, und allein das muss ein System \u00e4rgern, dass auf der Verschwiegenheit aller Beteiligten fu\u00dft (und alle zu Beteiligten machen will).<\/p>\n<blockquote><p>Jedes neue Buch, dass ver\u00f6ffentlicht und verkauft wird, ist f\u00fcr sie [die Mafia] eine Niederlage. Das Gewicht der W\u00f6rter hat die Gewissen, die \u00f6ffentliche Meinung, die Information in Bewegung gesetzt. In den Neunzigern fand man das Massaker, das unter Einwanderen <a href=\"http:\/\/ricerca.repubblica.it\/repubblica\/archivio\/repubblica\/1990\/05\/05\/la-camorra-voleva-una-strage-di-neri.html\">in Pescopagano<\/a> ver\u00fcbt wurde &#8211; f\u00fcnf Opfer gab es damals -, in einer einspaltigen Meldung auf der Seite mit den vermischten nationalen Nachrichten wieder. Heute zwingt das <a href=\"http:\/\/www.bazonline.ch\/ausland\/MafiaMassaker-loest-Krawalle-aus\/story\/10684495\">Massaker an den Ghanaern von Castel Volturno<\/a> die Regierung zu einem Aufwand, der sich nur vergleichen l\u00e4sst mit der Reaktion auf die von der Cosa Nostra ver\u00fcbten Massaker in <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Giovanni_Falcone\">Capaci<\/a> und der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Paolo_Borsellino\">Via d&#8217;Amelio<\/a>.<\/p><\/blockquote>\n<p>Savianos Ank\u00fcndigung ist ein Element, um den Aufwand nicht weniger werden zu lassen. Die Aufregung, die in der italienischen \u00d6ffentlichkeit dadurch entstanden ist und die selbst die Regierung <a href=\"http:\/\/rassegna.governo.it\/testo.asp?d=32848956\">zu einer Stellungnahme<\/a> veranlasst hat, zeigt, wie notwendig die Diskussion \u00fcber die Mafia weiterhin ist. Auch wenn sich Saviano daraus zur\u00fcckziehen m\u00f6chte. Es ist ihm zu w\u00fcnschen, dass ihm das gelingt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Blase un\u00fcberwindbarer Einsamkeit, die mich umklammert, macht aus mir einen schlechteren Menschen. Das bedenkt keiner, und auch ich h\u00e4tte das bis zum Ende des verganenen Jahres nicht gedacht. Privat ist aus mir eine unangenehme Person geworden: voller Verdacht und Bedenken. Und dar\u00fcberhinaus skeptisch gegen\u00fcber jeder Sinnhaftigkeit. 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