{"id":780,"date":"2010-01-14T19:18:25","date_gmt":"2010-01-14T16:18:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=780"},"modified":"2013-03-21T16:19:52","modified_gmt":"2013-03-21T13:19:52","slug":"die-bucherarme-stadt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2010\/01\/14\/die-bucherarme-stadt\/","title":{"rendered":"&#8222;Die b\u00fccherarme Stadt&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.staticflickr.com\/2748\/4265218737_7a46eb26a3.jpg\" alt=\"Jean Pauls Wohnhaus\" \/><\/p>\n<blockquote><p>Gott steht bei einer Entbindung; wer ihn da nicht findet, bei diesem unbegreiflichen Mechanismus des Schmerzes, bei dieser Erhabenheit seines Maschienenwesens und bei der Niederwerfung unserer Abh\u00e4ngigkeit, der findet ihn nie!<\/p><\/blockquote>\n<p>Im September 1802 wird Jean Paul zum ersten Mal Vater: In diesem Haus in Meiningen wird das &#8222;g\u00f6ttliche T\u00f6chterlein&#8220; Emma geboren, und er nimmt das Ereignis als Epiphanie: &#8222;Wie ein Donnerschlag durchf\u00e4hrt die erste Erblikkung Mark und Bein&#8220;, schreibt er dem Bayreuther Freund Christian Otto.<!--more--><\/p>\n<p>Nun gibt es sicher viele V\u00e4ter, denen die Geburt eines Kindes, noch dazu des ersten, wie eine Wiederholung des Sch\u00f6pfungsakts vorkommt, wobei man im Unterschied zu Gott und zur eigenen Frau ja noch den Vorteil hat, den &#8222;unbegreiflichen Mechanismus der Schmerzen&#8220; und die Erhabenheit des g\u00f6ttlichen Maschienenwesens beobachten zu d\u00fcrfen statt selbst erleiden zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>1802 zieht Jean Paul nach Meiningen, frisch verm\u00e4hlt mit Karoline Mayer. Der Umzug die provinzielle Residenzstadt kommt zu einem interessanten Zeitpunkt: Mit dem <em>Siebenk\u00e4s<\/em> und <em>Hesperus<\/em> hat er sich literarischen Ruhm erschrieben, wof\u00fcr man sich bei der geringen Gr\u00f6\u00dfe des Literaturmarkts zwar nicht viel kaufen kann, daf\u00fcr verkehrt er in Weimar und in Berlin mit der In-Crowd aus Philosophie und Kultur, mit den Schlegels und Tieck, mit Schleiermacher und Fichte. Aber er geht auch schon auf die Vierzig zu, da will man auch nicht mehr so viel Trubel haben: &#8222;Ohne Ehe treib&#8216; ich mich auf Kosten meiner Gesundheit in St\u00e4dten und Zirkeln herum, wo ich zuviel spreche und trinke.&#8220; Einem anderen Freund, Emanuel Osmund, schreibt er darum: &#8222;Das Schiksal gibt mir endlich das, um was ich so lang herumirte. Jetzt fehlt mir nichts wie eine Stadt; wozu ich Sie bitte, mir die wohlfeilste, gebildetste, beste in der Gegend und im Bier vorzuschlagen.&#8220; Das mit dem Bier ist nicht nur so dahingeschrieben: Bier ist f\u00fcr Jean Paul unerl\u00e4sslich als &#8222;Inzitatement&#8220; und Treibstoff f\u00fcr die Textmaschinerie, denn &#8222;mit blossem nat\u00fcrl[ichem] Feuer ohne \u00e4u\u00dferes sind gewisse Kalzinier-Effekte gar nicht zu machen; Glas wil ein anderes Feuer als etwa Braten.&#8220;<\/p>\n<p>Vielleicht hat er auch die Hoffnung, es Goethe gleich tun zu k\u00f6nnen und in Meiningen sein eigenes kleines Weimar zu finden. Es l\u00e4\u00dft sich zun\u00e4chst ganz gut an: Der ber\u00fchmte Schriftsteller wird in Meiningen freundlich aufgenommen, er kommt endlich dazu, den <em>Titan<\/em> fertig zu stellen, an dem er schon ein Jahrzehnt lang herumschreibt, und Herzog Georg I. (der Gro\u00dfvater des Theaterherzogs) sucht eifrig seine Freundschaft.<\/p>\n<blockquote><p>Ich glaubte nie, da\u00df ein F\u00fcrst mein Freund werden w\u00fcrde, und das ist beinahe der Herzog; ob ich gleich, so oft ich will seine h\u00e4ufigen Abendeinladungen verneine, fast sechs in jeder Woche. Er kommt oft zu uns. Neulich a\u00df er sogar bei uns. Freilich lie\u00df er, weil\u2019s schnell ging, sein Essen auch bald herholen. Er will mir ein Haus bauen, was der Himmel verh\u00fcte! weil ich hier kein ewiges suche.<\/p><\/blockquote>\n<p>Da h\u00f6rt man freilich schon eine leise Ern\u00fcchterung heraus. Ganz so anregend, wie Jean Paul erhofft haben mag, ist das Th\u00fcringer Idyll dann doch nicht: Meiningen ist kein Weimar, Georg I. kein Carl August: &#8222;Kenntnis und G\u00fcte&#8220; hat er, aber keine &#8222;Poesie und Philosophie&#8220;. Und so ist alles doch ein bi\u00dfchen langweilig: der Alltag, die Menschen und das Bier.<\/p>\n<blockquote><p>Die Leute hier meinen es sehr gut mit uns; (keinen Feind hatt\u2019 ich hier) nur sind ihrer zu wenig f\u00fcr mich.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und:<\/p>\n<blockquote><p>Durch die b\u00fccherarme Stadt kenn&#8216; ich hier die Philosophie gar nicht, au\u00dfer aus der Buchh\u00e4ndlerrechnung. [&#8230;] Ueber Philosophie und Dichtkunst wird hier nicht votirt. In Coburg, wohin ich Mitte May\u2019s ziehe, geht\u2019s besser.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dem Herzog gegen\u00fcber entschuldigt er sich als &#8222;ewige Wanderratte&#8220;, aber sonst f\u00e4llt ihm keine gute Ausrede ein, was der auch pikiert zur Kenntnis nimmt: &#8222;Nicht Naturforscher genug, um die Art von Wanderratten genau zu kennen, die man Genies nennt, glaubte ich doch ein Genie oder einen Geist genau genug zu kennen, um ihn meinen Freund nennen zu k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p>Aber warum ausgerechnet Coburg? Weil, schreibt er Otto,<\/p>\n<blockquote><p>die Gegend aus 4 oder 5 Eden zusammen[ge]bauet ist &#8211; die Stadt 100 Dinge hat, die hier fehlen &#8211; wenigstens einige Liebhaber der Philosophie und Kunst (z.B. Forberg) &#8211; da ich Sontags am Hofe dinierte und th\u00e9eirte &#8211; die Herzogin (meine br\u00fcnstigste Leserin) [&#8230;] so treflich fand und den Herzog so gut und die Grosf\u00fcrstin so sch\u00f6n und alles so familienm\u00e4ssig und viele Weiber gebildet und den M[inister] Kretschmann als einen herlichen philosophischen recht geachteten Kopf [&#8230;] und da ich abends bei ihm essen sollte (aber nicht konnte, weil mir so schlecht war, dass ich neben der Herzogin sizend und froh redend doch 5mal ungesehen ins Schnupftuch schwach spie) und der B\u00fccher wegen und weil Meiningen ein Dorf dagegen ist und ich Euch und dem Biere n\u00e4her bin: so zieh&#8216; ich im April entschieden nach Coburg.<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch in Coburg h\u00e4lt es ihn allerdings nicht lange:<\/p>\n<blockquote><p>Den 1ten dies. [Monats] wurd\u2019 ich um 1 rtl. gestraft, weil ich vor dem Hause des Polizeidirektors Ortlof (meines gelehrten Freundes, von dem ich eben herauskam) Nachts um 8 Uhr mit der Blend-Laterne in der Hand hinter oder vor 2 Jungfern (diese zeigten es der Polizei an) mein weniges Wasser abgeschlagen hatte, was mir vom Bayr[euther Bier] \u00fcbrig geblieben war. W\u00f6rtlich ists wahr mit dieser Pissteuer!<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gott steht bei einer Entbindung; wer ihn da nicht findet, bei diesem unbegreiflichen Mechanismus des Schmerzes, bei dieser Erhabenheit seines Maschienenwesens und bei der Niederwerfung unserer Abh\u00e4ngigkeit, der findet ihn nie! 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