{"id":789,"date":"2008-10-23T14:58:15","date_gmt":"2008-10-23T11:58:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=789"},"modified":"2008-10-23T15:17:07","modified_gmt":"2008-10-23T12:17:07","slug":"lucchetti-damore","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2008\/10\/23\/lucchetti-damore\/","title":{"rendered":"Lucchetti dell&#8217;amore"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3167\/2965802099_27c2746956.jpg\" alt=\"Lucchetti d'amore\" \/><\/p>\n<p>Es sieht so aus, als ob ein Kult aus Italien gerade auch bei deutschen Teenagern verf\u00e4ngt. Wer \u00fcber die K\u00f6lner Hohenzollernbr\u00fccke spaziert, wird an einigen Stellen am Gitter, das den Fussweg von den Bahngleisen trennt, kleine Vorh\u00e4ngeschl\u00f6sser angebracht sehen. Auf allen dieser Schl\u00f6sser sind Namen angebracht, entweder mit Filzstift oder eingraviert: &#8222;Erkan und Katharina&#8220;,  &#8222;Damian und Ninja&#8220; oder &#8222;Chrissi und Robert&#8220;. Manchmal steht auch ein Datum dabei, und daher kann man in etwa absch\u00e4tzen, wann dieser Kult hier begonnen haben muss: So ungef\u00e4hr im Juli oder August 2008.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3059\/2965803325_a3dc7c0fa6.jpg\" alt=\"Lucchetti d'amore\" \/><\/p>\n<p>Die Schl\u00f6sser sind Zeugnisse eines kleinen Rituals unter Liebespaaren: Wer die Dauerhaftigkeit seiner Zuneigung verb\u00fcrgen will, bringt so ein kleines Schloss an und &#8211; darum muss es in der Regel eine Br\u00fccke sein &#8211; wirft den Schl\u00fcssel dazu in den Fluss. Gr\u00f6\u00dfe und Aussehen des Schlosses sind scheinbar relativ unerheblich: Von Minischl\u00f6sschen, die allenfalls ein Poesiealbum dicht halten k\u00f6nnten, bis zu dicken Dingern, mit denen man auch ein Scheunentor verriegeln k\u00f6nnte, gibt es fast alle denkbaren Varianten. \u00d6rtliche Wirtschaftsf\u00fchrer wird es vielleicht freuen, dass <a href=\"http:\/\/abus.de\/de\/main.asp?ScreenLang=de&#038;select=0900\">ein Familienunternehmen aus dem Bergischen Land<\/a> besonders h\u00e4ufig vertreten ist.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher ritzte man die Namen in alle m\u00f6glichen Rinden. Heute sind B\u00e4ume in der Stadt nicht mehr prominent oder naheliegend genug, also muss man eben etwas anderes suchen, um bleibende Spuren zu hinterlassen. Geotagging auf eine ganz bodenst\u00e4ndige Art: Ein sichtbares Markieren des \u00f6ffentlichen Raumes mit dem Verweis auf eine pers\u00f6nliche Erinnerung.<\/p>\n<p>Begegnet ist mir dieses Ritual zum ersten Mal vor etwa zwei Jahren, im Herbst 2006: Da hingen auf dem Ponte Vecchio in Florenz auf einmal Trauben von Vorh\u00e4ngeschl\u00f6ssern, wahre Niagaraf\u00e4lle aus Kleinstahl (um eine Metapher von Arno Schmidt zu klauen), vor allem rund ums Denkmal von Benvenuto Cellini. Ich war im Fr\u00fchjahr schon dort gewesen, hatte aber damals noch keine Schl\u00f6ssergesehen. Das Ph\u00e4nomen muss also relativ schnell aufgeflackert sein, aber da die Beh\u00f6rden auch schon zahlreiche Plakate mit Strafandrohungen (in italienisch und englisch) angebracht hatten, konnte man erkennen, dass die Geschichte schon eine Weile lief. Lange genug jedenfalls, um einen kleinen Gesch\u00e4ftszweig im fliegenden Handel hervorzubringen: Einige chinesische und afrikanische H\u00e4ndler boten bereits Vorh\u00e4ngeschl\u00f6sser an, einige waren auf Wunsch auch bereit, darauf den Namen und sonstige Details zu gravieren. Die Florentinerin, mit der ich die Br\u00fccke im Herbst besuchte, betrachtete die Schl\u00f6ssertrauben allerdings eher indigniert und mokierte sich \u00fcber die Unsitte, noch den banalsten Flirt mit der Verschandelung eines Kulturdenkmals zu verewigen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3230\/2966726004_6feb61d415.jpg\" alt=\"Lucchetti Ponte Vecchio Firenze\" \/><\/p>\n<p>Wann und wo dieses Ritual in Italien zum ersten Mal auftauchte, wei\u00df niemand so genau. Manche sagen, es sei in Rom gewesen. Dort ist es vor allem der Ponte Milvio, genauer: die mittlere Laterne dort, die mit Schl\u00f6ssern beh\u00e4ngt wird. Das gehe, kann man manchmal lesen, auf den Film <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B000TJ8I0G?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=B000TJ8I0G\">Ho voglia di te<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=B000TJ8I0G\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> zur\u00fcck. Der Film, eine herzzereissende Liebesschmonzette, ist die Verfilmung eines gleichnamigen Romans von Federico Moccia. Beides, Buch und Film waren Kassenschlager in Italien &#8211; der Film sogar so erfolgreich, dass er manchmal auch als italienisches Pendant zu <em>Titanic<\/em> bezeichnet wird. Der Moment, in dem Step, der Held des Films, vor den Augen seiner geliebten Gin ein Schloss an der Laterne befestigt und den Schl\u00fcssel wegwirft, ist in der Tat eine (pardon) Schl\u00fcsselszene des Films.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3235\/2966044191_720c987824.jpg\" alt=\"Ho voglia di te\" \/><\/p>\n<p>Buch und Film haben die Tradition aber allenfalls popul\u00e4r gemacht, was man in <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=rBeIMnFhfV4\">der betreffenden Szene<\/a> auch erkennen kann: Da h\u00e4ngt die Laterne n\u00e4mlich bereits voller Schl\u00f6sser. (Ich habe, wie gesagt, die ersten Schl\u00f6sser in Florenz im Herbst 2006 gesehen, da war das Buch gerade erschienen, der Film folgte erst im Jahr darauf.) Dass das Ph\u00e4nomen rasch auf andere St\u00e4dte in Italien \u00fcbergriff, k\u00f6nnte aber gut mit dem Erfolg des Films zusammenh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Die italienische Wikipedia (die dem Ph\u00e4nomen sogar <a href=\"http:\/\/it.wikipedia.org\/wiki\/Lucchetti_di_ponte_Milvio\">einen eigenen Artikel<\/a> widmet) verlegt den Ursprung allerdings nach Florenz und macht Absolventen einer Schule in der Nachbarschaft des Ponte Vecchio daf\u00fcr verantwortlich. Die h\u00e4tten, um ihre Schulentlassung zu feiern, die Schl\u00fcssel ihrer Spinde an die Br\u00fccke geh\u00e4ngt. Der Usus sei dann von Liebespaaren adaptiert worden. Andere Berichte schildern \u00e4hnliche Praktiken in Zusammenhang mit dem Wehrdienst: Italienische Wehrpflichtige sollen demnach in einigen St\u00e4dten bei Antritt ihres Dienstes Schl\u00f6sser an Laternen oder B\u00e4umen befestigt und nach Beendigung wieder entfernt haben. Ich habe diese Variante zum Beispiel in S\u00fcdtirol geh\u00f6rt, wo das Motiv des Ankettens noch politisch aufgeladen wird.<\/p>\n<p>Wie dem auch sei: Es am\u00fcsiert mich nat\u00fcrlich, zu sehen, wie dieser Kult es von Italien nach Deutschland geschafft hat. (&#8222;Am\u00fcsant&#8220; ist vermutlich ein Wort, dass deutschen Denkmalschutzbeh\u00f6rden in diesem Zusammenhang eher nicht einfallen d\u00fcrfte.) Der Film ist ja hier in Deutschland kaum zu sehen gewesen, und es gibt keine deutsche Synchronfassung. Moccias Roman liegt zwar (unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3548268757?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3548268757\">Ich steh auf dich<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3548268757\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> in deutscher \u00dcbersetzung), aber mir ist nicht bekannt, dass sich das Buch \u00fcberdurchschnittlich verkauft h\u00e4tte. (Es hat aktuell Verkaufsrang #94.387 bei Amazon.) Aber es gibt nat\u00fcrlich genug italienischst\u00e4mmige Deutsche und italienische Touristen hier in der Stadt, die die Praxis importiert haben k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Ob es schon eine offizielle Reaktion von Seiten der Stadt oder der Bahn gibt, wei\u00df ich nicht. In Italien nahm die Praxis rasch so \u00fcberhand, dass die betroffenen Kommunen reagierten. Die Schl\u00f6sser wurden meist komplett entfernt, an den notorischsten Punkten versch\u00e4rfte man Kontrollen und h\u00e4ngte &#8211; siehe oben &#8211; Plakate mit Strafandrohungen auf. Das wird unterschiedlich gewirkt haben, aber als ich zuletzt im Fr\u00fchjahr auf dem Ponte Vecchio war, gab es nur wenige Schl\u00f6sser zu sehen. In Rom allerdings, wo auch heftig diskutiert wurde, \u00e4u\u00dferte B\u00fcrgermeister Walter Veltroni Sympathie f\u00fcr die Liebenden: &#8222;Der Zeit, in der wir leben, verleiht das eine poetische Dimension, und mir gef\u00e4llt es, dass sie in unserer Stadt vorkommt&#8220;, um dann festzustellen: &#8222;Ich habe sicherstellen lassen, dass keine Risiken f\u00fcr die Stabilit\u00e4t der Laternen bestehen, also k\u00f6nnen die Schl\u00f6sser meiner Auffassung nach dort bleiben.&#8220; Sie fielen dann jedoch einer <a href=\"http:\/\/www.cineblog.it\/post\/4917\/tolti-i-lucchetti-di-ho-voglia-di-te\">mysteri\u00f6sen n\u00e4chtlichen Attacke<\/a> zum Opfer.<\/p>\n<p>Noch hat die Schl\u00f6ssergalerie an der Hohenzollernbr\u00fccke eher bescheidene Ausma\u00dfe im Vergleich zu den italienischen Beispielen. Mich w\u00fcrde nat\u00fcrlich interessieren, ob das Ph\u00e4nomen auch in anderen deutschen St\u00e4dten schon aufgetaucht ist. Und ob es dort schon Versuche gibt, darauf zu reagieren. Und wo gibt es Spuren in der Popul\u00e4rkultur, in Videos, Websites oder Zeitschriftenartikeln?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sieht so aus, als ob ein Kult aus Italien gerade auch bei deutschen Teenagern verf\u00e4ngt. Wer \u00fcber die K\u00f6lner Hohenzollernbr\u00fccke spaziert, wird an einigen Stellen am Gitter, das den Fussweg von den Bahngleisen trennt, kleine Vorh\u00e4ngeschl\u00f6sser angebracht sehen. 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