{"id":818,"date":"2009-10-06T18:44:35","date_gmt":"2009-10-06T15:44:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=818"},"modified":"2017-11-27T15:52:55","modified_gmt":"2017-11-27T12:52:55","slug":"calatrava-in-luttich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2009\/10\/06\/calatrava-in-luttich\/","title":{"rendered":"Calatrava in L\u00fcttich"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2562\/3978167433_5a4921695f.jpg\" alt=\"Li\u00e8ge-Guillemins\" \/><\/p>\n<p>Das ist der neue Hauptbahnhof von L\u00fcttich: Eine grandiose Brandung aus Glas, Stahl und wei\u00dfem Beton, die sich \u00fcber die verstaubten Hausd\u00e4chern und Backsteinfassaden des Stadtviertels Guillemins w\u00f6lbt. Ein Skulptur gewordenes Computer-Diagramm, das im Takt des Fern- und Nahverkehrs in die Stadt hineinoszilliert. Entworfen hat das Geb\u00e4ude der Starchitekt Santiago Calatrava, offizielle Er\u00f6ffnung war vor einigen Wochen im September. An einigen Ecken wird allerdings noch gebaut und geschraubt, und oben auf dem Dach turnen einige akrobatische Arbeiter herum.<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2501\/3978109697_4b9b62a4f8.jpg\" alt=\"Li\u00e8ge-Guillemins\" \/><\/p>\n<p>Futuristische Geb\u00e4ude beschreibt man auch gerne als \u201eRaumschiff\u201c. Tats\u00e4chlich gibt es hier so viele offensichtliche und verschwenderisch platzierte Zitate aus dem Science-Fiction-Arsenal, dass die Metapher hier tats\u00e4chlich mal zutrifft. Die Sockel und Basen beispielsweise, in denen die Tragb\u00f6gen auslaufen, \u00e4hneln wirklich den Landebeinen oder St\u00fctzf\u00fc\u00dfen einer Raumsonde. Anderswo marschieren Pfeiler wie au\u00dferirdische Tausendf\u00fc\u00dfler die Fassade entlang. Die Fahrst\u00fchle gleiten wie Raumkapseln zwischen den Ebenen hin und her. (Man k\u00f6nnte sie aber auch mit Spritzen vergleichen, die die Besucher des Bahnhofs von einem Stockwerk ins andere injizieren). Und die Shopping-Passage im Untergescho\u00df ist eine seltsame Mischung aus technoidem Art D\u00e9co und Kampfstern Galactica.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3500\/3979056160_9ea56dfcf1.jpg\" alt=\"Li\u00e8ge-Guillemins\" \/><\/p>\n<p>Der Bahnhof von Guillemins ist ein spektakul\u00e4res Geb\u00e4ude, keine Frage. Es gibt vieles, was man mit offenem Mund und nerdigem Staunen bewundern muss. Die l\u00e4ssige Gigantomanie der Bahnhofshalle vor allem, die sich wie ein transparentes Zeltdach \u00fcber den Gleisen spannt: Hier ist der Bahnhof kein d\u00fcsteres Verwaltungsgeb\u00e4ude zum Zurechtst\u00f6pseln der richtigen Verbindungen, sondern will Dynamik, Geschwindigkeit und Flexibilit\u00e4t sichtbar machen. Der Blick auf die Stadt wird nicht versperrt, sondern in die Inszenierung hineingeholt. Alles ist hell, wei\u00df, licht\u00fcberflutet, hier ist die Zukunft noch eine unverhohlen optimistische Vision, ein unbeschriebenes, aber zu bearbeitendes Blatt, wenn auch mit sauberen Rastern und Linien wie im Matheheft. Es hat fast etwas Ern\u00fcchterndes, wenn die schrabbeligen belgischen Nahverkehrsz\u00fcge in diese cleane Kathedrale des Techno-Optimismus einrumpeln: Eigentlich erwartet man eher das leise Zischen einer aerodynamischen Magnetschwebebahn, aber das kann ja noch kommen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/c2.staticflickr.com\/6\/5225\/5564480230_a7b82f34d7_d.jpg\" alt=\"Li\u00e8ge-Guillemins\" \/><\/p>\n<p>Allerdings: So beeindruckend diese gro\u00dfe Inszenierung ist, sie hat auch etwas Generisches. So richtig will diese grandiose Architektur nicht in das Umfeld passen. Noch nicht, k\u00f6nnte man sagen, denn nat\u00fcrlich gibt es l\u00e4ngst Pl\u00e4ne und Konzepte, wie der Bahnhof zu einer Aufwertung des umliegenden Viertels f\u00fchren und als Symbol f\u00fcr eine urbane Renaissance L\u00fcttichs wirken k\u00f6nnte. Aber diese Pl\u00e4ne stehen f\u00fcr sehr unterschiedliche Auffassungen, je nach dem, von welcher Warte aus sie verk\u00fcndet werden: Calatrava etwa (und mit ihm die belgische Eisenbahn SNCB und ihre Tochter <a href=\"http:\/\/www.euro-liege-tgv.be\/\">Euro Li\u00e8ge TGV<\/a>) hat eine L\u00f6sung von Haussman\u2019scher Radikalit\u00e4t vorgeschlagen, n\u00e4mlich das Schlagen einer breiten Schneise bis zum Ufer der Maas. Vom Ufer des Flusses aus h\u00e4tte man dann \u2013 \u00fcber einen k\u00fcnstlichen Kanal hinweg \u2013 einen grandiosen Blick auf den Bahnhof. Bei der Kommune denkt man pragmatisch und hat <a href=\"http:\/\/www.dethier.be\/fr\/news\/c_news.asp?id=29\">ein Konzept entwickeln lassen<\/a>, dass repr\u00e4sentative Elemente (eine Allee zur Maas, ein Wolkenkratzer als Finanzwirtschaftszentrum) mit infrastrukturellen Verbesserungen ausbalancieren will (neuer Wohnraum, neue B\u00fcrofl\u00e4chen, aber wenig Einzelhandel, um bestehende Strukturen nicht zu gef\u00e4hrden).<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3439\/3979017944_b26b47e9f9.jpg\" alt=\"Li\u00e8ge-Guillemins\" \/><\/p>\n<p>Welche dieser Ideen sich durchsetzen wird, ist fraglich, erst recht im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld. Der Bau des Bahnhofs hat lange genug gedauert (von 1996 bis 2009) und weit \u00fcber 300 Millionen Euro verschlungen. Die lange Bauzeit hat die Lebensqualit\u00e4t im Viertel nicht gerade verbessert, ganze Stra\u00dfenz\u00fcge sind verschwunden, Immobilienbesitzer mu\u00dften ihr Eigentum aufgeben, Mieter ihre Wohnungen wechseln. Die Stadt, hei\u00dft <a href=\"http:\/\/lechainonmanquant.be\/en-ville\/une-gare-hors-sol.html\">eine h\u00e4ufige Kritik<\/a>, habe sich lange von der SNCB und ihrer Projektgesellschaft am G\u00e4ngelband f\u00fchren lassen und erst sp\u00e4t dem Profilierungsdrang der Eisenbahner mit eigenen Visionen Paroli geboten. (Die Universit\u00e4t L\u00fcttich hat in einer <a href=\"http:\/\/www.lema.ulg.ac.be\/urba\/Cours\/Cas\/0708\/Guillemins\/Guilleminsfinal.pdf\">lesenswerten Fallstudie<\/a> (frz., PDF) die wichtigsten Positionen aufbereitet.)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2434\/3978239839_e776e84457.jpg\" alt=\"Li\u00e8ge-Guillemins\" \/><\/p>\n<p>Guillemins ist kein glanzvolles Viertel: Der Bahnhof ist sein <em>raison d\u2019\u00eatre<\/em>. Hier fanden die Bahningenieure des 19. Jahrhunderts den g\u00fcnstigsten Ort, um den Verlauf der Eisenbahnstrecke m\u00f6glichst effizient an die topographischen Gegebenheiten L\u00fcttichs anzupassen. Die Stadt liegt in einem Becken, das ringsum von steil abfallenden H\u00fcgeln umgeben ist. Der gr\u00f6\u00dfte Teil von Guillemins entstand mit der Eisenbahn, was der Bebauung des Viertels zwar einen sehr homogenen Charakter gibt (viele Geb\u00e4ude sind noch aus dem 19. Jahrhundert), aber auch die Bestimmung eines klaren Profils schwierig macht. Das Viertel ist vor allem ein Korridor zwischen Stadt und Bahnhof, es gibt wenig Gr\u00fcn und wenig Parkpl\u00e4tze, und wer sich hier aufh\u00e4lt, tut das meistens nicht lange. Und auch unter denen, die hier wohnen, ist die Fluktuation hoch, hei\u00dft es in der Studie der Uni L\u00fcttich: Studenten und Gastarbeiter finden hier noch g\u00fcnstigen Wohnraum, ziehen aber meist wieder weg, wenn sich die Lebensumst\u00e4nde \u00e4ndern.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2669\/3978831452_f9b0fc695d.jpg\" alt=\"Li\u00e8ge-Guillemins\" \/><\/p>\n<p>Es ist trotzdem ein lebendiges Viertel, und eine Revitalisierung k\u00f6nnte auch dort ansetzen, wo es schon Vitalit\u00e4t gibt. Lokale Akteure sollen auch bei der Neugestaltung des Viertels ber\u00fccksichtigt werden, verspricht die Kommune. Aber es ist fraglich, wie sich diese lokalen Interessen mit den gro\u00dfen Ideen Calatravas, der SNCB und der Euro Li\u00e8ge TGV in Einklang bringen lassen. Oder ob dem Bahnhof am Ende ein \u00e4hnliches Schicksal droht wie vielen anderen Prestigeprojekten: Als einsames Monument einer l\u00e4ngst vergangenen urbanistischen Hybris (man sollte nicht vergessen, dass das Konzept des Geb\u00e4udes schon Anfang der 90er formuliert wurde) und einer nie eingetretenen Zukunft vor sich hin zu d\u00e4mmern. Aus dem makellosen wei\u00dfen Raumschiff k\u00f6nnte schnell ein technoides Sauriergerippe werden, dessen verstaubte Knochen in den grauen wallonischen Himmel ragen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2526\/3978891842_227eca882b.jpg\" alt=\"Li\u00e8ge-Guillemins\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist der neue Hauptbahnhof von L\u00fcttich: Eine grandiose Brandung aus Glas, Stahl und wei\u00dfem Beton, die sich \u00fcber die verstaubten Hausd\u00e4chern und Backsteinfassaden des Stadtviertels Guillemins w\u00f6lbt. Ein Skulptur gewordenes Computer-Diagramm, das im Takt des Fern- und Nahverkehrs in die Stadt hineinoszilliert. 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