{"id":827,"date":"2008-11-27T17:47:46","date_gmt":"2008-11-27T14:47:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=827"},"modified":"2008-11-27T17:49:57","modified_gmt":"2008-11-27T14:49:57","slug":"klotz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2008\/11\/27\/klotz\/","title":{"rendered":"Klotz"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3031\/3054472004_c9a177d063.jpg\" alt=\"Hochpfortenhaus\" \/><\/p>\n<p>Ich komme selten in die Hohe Pforte. Die Stra\u00dfe liegt etwas im toten Winkel der Innenstadt, und sie durchquert ein Viertel, das wie eine Insel zwischen den wichtigsten Durchgangsstrassen des Stadtverkehrs liegt: Im Norden wird es durch die C\u00e4cilienstra\u00dfe von der Innenstadt abgeriegelt, im Westen bildet die Nord-S\u00fcd-Fahrt eine deutliche Barriere, und im S\u00fcden und Osten ziehen Blaubach und M\u00fchlenbach die mehrspurige Grenze zur S\u00fcdstadt. Ein paar Porno-Shops und Billigl\u00e4den warten auf Kunden, aber die meisten Passanten nutzen die Hohe Pforte allenfalls als Durchgang, um von der Innenstadt ins Severinsviertel zu kommen oder umgekehrt.<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3220\/3053658845_3f74db5f44.jpg\" alt=\"Hochpfortenhaus\" \/><\/p>\n<p>Dabei hat die Stra\u00dfe ja einen durchaus viel versprechenden Namen. Ich habe mir hier mal vor Jahren eine Wohnung angeguckt, und obwohl die nicht besonders toll war, fand ich die Vorstellung, die Hohe Pforte als Adresse angeben und mich dabei wie ein Sultan in Istanbul f\u00fchlen zu k\u00f6nnen, nicht unattraktiv. Aber dann kam mir das Viertel doch ein wenig zu langweilig vor.<\/p>\n<p>Aber nat\u00fcrlich gibt es auch hier, wenn man genau hinguckt, ein paar interessante Dinge zu bemerken. Das Hochpfortenb\u00fcchels zum Beispiel, eines der wenigen \u00fcbriggebliebenen Kopfsteinpflastergassen in der Innenstadt. Und nat\u00fcrlich, quasi nebenan, das Hochpfortenhaus: Ein sch\u00f6nes, aber auch ambivalentes Beispiel f\u00fcr die Architektur des &#8222;Neuen Bauens&#8220; in den Zwanziger und fr\u00fchen Drei\u00dfiger Jahren.<\/p>\n<p>Das Geb\u00e4ude ist vor einigen Jahren erst saniert worden, was seiner Wirkung deutlich gut getan hat. Wie der Bug eines Schiffs ragt die abgerundete Ecke in die schmale Stra\u00dfe hinein. Fr\u00fcher gab es hier eine Kriminalpolizeiliche Beratungsstelle. Sie befand sich im Erdgeschoss des Hochpfortenhauses und wirkte von au\u00dfen eher d\u00fcster und abweisend. In Erinnerung geblieben ist sie mir nur wegen der selbstgebastelten Schaufenster-Displays aus alten Puppen und bunten Zeitschriftencollagen, mit denen die engagierten Beamten vor den Gefahren \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Drogenkonsums warnten.<\/p>\n<p>Die Kripo ist inzwischen ausgezogen, statt einer Beratungsstelle findet man heute eines dieser typischen Innenstadt-Caf\u00e9restaurants im Erdgeschoss: Modern, gediegen, aber auch ein bisschen langweilig. Aus den B\u00fcros in den oberen Etagen sind &#8222;exklusive Lofts&#8220; geworden: Wenn man ein wenig im Internet st\u00f6bert, findet man einige Immobilienanbieter, die das eine oder andere anbieten und auch ein paar Bilder ins Netz gestellt haben. Als &#8222;wieder entdecktes Juwel der 30er Jahre Architektur inmitten der K\u00f6lner Innenstadt&#8220; bejubelt <a href=\"http:\/\/www.vivacon.de\/development\/referenzen\/hochpfortenhaus-koeln.html\">die f\u00fcr die Sanierung zust\u00e4ndige Immobiliengesellschaft<\/a> das Geb\u00e4ude, und hat damit fast recht: Tats\u00e4chlich ist das Hochpfortenhaus 1930 errichtet worden, stilistisch ist es eher ein Beispiel des \u00dcbergangs von den Zwanzigern in die Drei\u00dfiger, von der Aufbruchsstimmung des &#8222;Neuen Bauens&#8220; zur normierenden Massenarchitektur des Faschismus.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3284\/3056343130_9e2212841c_m.jpg\" alt=\"Clemens Klotz\" \/><\/p>\n<p>Der Architekt des Geb\u00e4udes steht geradezu exemplarisch f\u00fcr die Pervertierung einer \u00c4sthetik der Funktionalit\u00e4t und Sachlichkeit zur Diktatur der Norm: Clemens Klotz. Wenn man die Hybris und den Gr\u00f6\u00dfenwahn des NS-Regimes illustrieren will, dann tut man das gerne mit einigen der Gro\u00dfprojekte, f\u00fcr die er mitverantwortlich war. Von ihm stammt unter anderem die Ferienanlage Prora auf R\u00fcgen, geplant und begonnen im Auftrag der NS-Freizeitorganisation \u201eKraft durch Freude\u201c. 20.000 Menschen h\u00e4tten in diesem Riesenurlaubsdorf gleichzeitig unterkommen sollen. Klotz entwarf au\u00dferdem drei &#8222;Ordensburgen&#8220;, die f\u00fcr die Schulung der politischen Kader gedacht waren. Bei Vogelsang in der Eifel und Cr\u00f6ssinsee in Pommern begann man auch tats\u00e4chlich mit dem Bau, wurde aber eben so wenig fertig wie in Prora. Die dritte Ordensburg sollte in der Marienburg bei Danzig eingerichtet werden, dem ehemaligen Hauptsitz des Deutschen Ordens, aber es blieb beim Konzept. Ein weiteres angedachtes, aber nicht durchgef\u00fchrtes Megaprojekt war die komplette Neugestaltung des Deutzer Rheinufers: Klotz plante den Abri\u00df eines gro\u00dfen Teils der st\u00e4dtischen Bebauung, um dort ein riesiges Areal f\u00fcr Parteiaufm\u00e4rsche anzulegen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3017\/3054475298_f1a34eea21.jpg\" alt=\"Hochpfortenhaus\" \/><\/p>\n<p>In den Drei\u00dfiger Jahren kann sich Klotz, was Einfluss und Popularit\u00e4t angeht, durchaus mit jemandem wie Albert Speer messen. Eine erstaunliche Karriere f\u00fcr einen Autodidakten. Klotz ist zwar kein Nobody, er praktiziert seit 1911 und hat sich einen Namen mit Wohn- und B\u00fcroh\u00e4usern f\u00fcr rheinische Industrielle gemacht. Er ist Mitglied des Deutschen Werkbundes und des Blocks K\u00f6lner Bauk\u00fcnstler, einer lockeren Vereinigung modern ausgerichteter Architekten, der u.a. auch Wilhelm Riphahn angeh\u00f6rt. Seine wichtigste Referenz ist in K\u00f6ln wom\u00f6glich eine biographische: Seine Mutter ist die Enkelin von Johann Christoph Winters, dem Gr\u00fcnder des H\u00e4nneschen-Theaters (das Klotz&#8216; Vater auch kurzzeitig leitete).<\/p>\n<p>Die NS-Auftr\u00e4ge verdankte Klotz seinen guten Beziehungen zu Robert Ley, einem der f\u00fchrenden Funktion\u00e4re der Partei. Ley, ein fanatischer Agitator und Antisemit, hatte seinen gr\u00f6\u00dften Einfluss als Leiter der <em>Deutschen Arbeitsfront<\/em>: Er war verantwortlich f\u00fcr die Zerschlagung der Gewerkschaften, f\u00fcr die Durchsetzung der nationalsozialistischen Ideologie vom &#8222;deutschen&#8220; Arbeitertum als Bollwerk gegen alles J\u00fcdische, Kapitalistische, Bolschewistische, und f\u00fcr die Organisierung der Arbeits- und Freizeitwelt in quasi-milit\u00e4rischen Strukturen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3150\/2958066378_e5518dceaf.jpg\" alt=\"Vogelsang\" \/><\/p>\n<p>Ley verhilft Klotz zu den Gro\u00dfauftr\u00e4gen in Prora, Vogelsang und Cr\u00f6ssinsee. Ich kenne nur Vogelsang aus eigener Anschauung: Das Areal liegt abgelegen im Norden der Eifel, eine gute Autostunde von K\u00f6ln entfernt. Da thront die Burg auf einer Anh\u00f6he \u00fcber dem Urftstausee, gegen\u00fcber der dicht bewaldeten Anh\u00f6he des Kermeter. Die Lage hat etwas Programmatisches: Der Kermeter geh\u00f6rt zu den wenigen verbliebenen Urwaldfl\u00e4chen in Deutschland. Der Urftsee sieht von oben mehr wie ein m\u00e4andernder Fluss aus, aber er war damals eines der gr\u00f6\u00dften Wasserreservoirs in Europa. Burg Vogelsang und die darunter angeordneten Wohnh\u00e4user sind angeordnet wie die Zuschauerr\u00e4nge eines Amphitheaters: Als sollte der auszubildenden Beamtenkaste die zu b\u00e4ndigende und zu unterwerfende Natur als Schauspiel vorgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Klotz wird nach dem Krieg zwar behaupten, dass Vogelsang nur deshalb als Standort gew\u00e4hlt wurde, weil er gegen den urspr\u00fcnglichen Plan opponiert h\u00e4tte. Urspr\u00fcnglich wollte Ley eine gigantische Anlage am Rhein bei Nonnenwerth errichten lassen. Das wollte Klotz nach eigenen Angaben den Nonnen im dortigen Kloster aber nicht zumuten. Aber die Lage in der Eifel passte mindestens ebenso gut in den Kontext der nationalsozialistischen Ideologie, die hier vermittelt werden sollte.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3183\/2958077376_361a8f570e.jpg\" alt=\"Vogelsang\" \/><\/p>\n<p>Gigantisch war freilich auch Vogelsang angelegt. Heute steht nur ein Bruchteil dessen, was urspr\u00fcnglich geplant war, und das, was steht, wirkt dadurch \u00fcberdimensioniert und deplaziert, auch wenn Klotz sich bem\u00fchte, die nat\u00fcrlichen Gegebenheiten einzubeziehen. Mit dem Hochpfortenhaus hat Vogelsang auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Das bullige \u00c4u\u00dfere der Burg und der deutliche Bezug auf Formen und Materialien lokaler Bautraditionen stehen eher f\u00fcr die r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte Architektur des &#8222;Heimatstils&#8220;. &#8222;Moderne&#8220; Aspekte sind erst auf den zweiten Blick erkennbar, in der zitathaften Behandlung der einzelnen Bauwerke, und in der Struktur und Durchgestaltung der Anlage. Trotz der martialischen Atmosph\u00e4re hat Vogelsang etwas B\u00fcrokratisches und Jugendherbergshaftes.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3209\/2957228607_657db4abd5.jpg\" alt=\"Vogelsang\" \/><\/p>\n<p>Schon gegen Ende der Drei\u00dfiger beginnt Klotz&#8216; Stern zu sinken. Mit dem Ausbruch des 2. Weltkriegs werden Gro\u00dfprojekte erst einmal abgebrochen oder aufgeschoben. Es r\u00e4cht sich aber auch die starke Abh\u00e4ngigkeit von der Protektion Leys, denn dessen Ansehen in der Parteif\u00fchrung schwindet ebenfalls. Auch nach dem Krieg bleibt Klotz im Abseits: Der Architekt von Prora wird zu einer Fu\u00dfnote der deutschen Baugeschichte.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3240\/2957231817_049228302e.jpg\" alt=\"Vogelsang\" \/><\/p>\n<p>Irrelevant ist er damit nicht. Klotz ist der Repr\u00e4sentant einer Architektur, die den Einzelnen nur noch als zu verwaltende Ziffer der Statistik kennt. Prora ist in seiner Gigantomanie ein Symbol f\u00fcr die Industrialisierung der Freizeit, die einem nach wie vor in den Hotelburgen der Tourismusindustrie begegnet. Vogelsang steht f\u00fcr die Kasernierung des Politischen, getarnt durch die Beschaulichkeit des Panoramas. Und auch am Hochpfortenhaus l\u00e4sst sich die Tendenz zum Totalit\u00e4ren erkennen: An der ins Breite gezogenen Eingangsfassade in der Agrippastra\u00dfe, an der die Fenster im gleichf\u00f6rmigen Takt entlang marschieren. Da ist f\u00fcr Individuelles kein Raum mehr \u2013 h\u00f6chstens f\u00fcr den grinsenden Gott der M\u00e4rkte, der Kaufleute und der Diebe.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3226\/3053664127_33c1bc3693.jpg\" alt=\"Hochpfortenhaus\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich komme selten in die Hohe Pforte. Die Stra\u00dfe liegt etwas im toten Winkel der Innenstadt, und sie durchquert ein Viertel, das wie eine Insel zwischen den wichtigsten Durchgangsstrassen des Stadtverkehrs liegt: Im Norden wird es durch die C\u00e4cilienstra\u00dfe von der Innenstadt abgeriegelt, im Westen bildet die Nord-S\u00fcd-Fahrt eine deutliche Barriere, und im S\u00fcden und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-827","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/827","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=827"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/827\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":831,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/827\/revisions\/831"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=827"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=827"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=827"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}