{"id":848,"date":"2009-01-15T21:22:07","date_gmt":"2009-01-15T18:22:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=848"},"modified":"2009-01-15T21:22:07","modified_gmt":"2009-01-15T18:22:07","slug":"anmerkungen-zu-danzig","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2009\/01\/15\/anmerkungen-zu-danzig\/","title":{"rendered":"Anmerkungen zu Danzig"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3117\/3177734861_cabb0e93b2.jpg\" alt=\"Danzig, Altstadt\" \/><\/p>\n<blockquote><p>&#8230; ich geno\u00df diese Nachmittage in der farbigen, immer etwas musealen, st\u00e4ndig mit diesen oder jenen Kirchenglocken l\u00e4rmenden Altstadt.<\/p>\n<p>Grass, <em>Die Blechtrommel<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Altstadt und &#8222;Altstadt&#8220; ist nicht ganz das gleiche in Danzig, sagt uns der Reisef\u00fchrer. Da gibt es den Stadtteil, der so hei\u00dft (bzw. auf polnisch &#8222;Stare Miasto&#8220;), aber wesentlich sp\u00e4ter zur &#8222;Stadt&#8220; erhoben wurde als die benachbarte &#8222;Rechtstadt&#8220;. Die wiederum ist der Teil, den die meisten Touristen als Danzigs Altstadt bestaunen, w\u00e4hrend der offizielle Name heute einfach &#8222;G&#322;\u00f3wne Miasto&#8220; lautet, also etwa &#8222;Stadtzentrum&#8220;.<\/p>\n<p>In dieser kleinen Namensparadoxie kann man noch die Spur der besonderen Geschichte erkennen, die Koexistenz zweier Kommunen auf dem Raum einer Stadt, den Nachschein eines manchmal dynamischen, manchmal prek\u00e4ren Neben- und Miteinanders der ethnischen, religi\u00f6sen und sozialen Gemeinschaften, die hier lebten. Es gibt in der Urbanistik eine aktuell wieder auflebende Diskussion dar\u00fcber, was eine Stadt zur Stadt macht: Administrative Grenzen? Wirtschaftsstrukturen? Geographische Gegebenheiten? Das Selbstgef\u00fchl der Einwohner? Danzig ist fast so etwas wie der exemplarische Fall einer Stadt, in der das Stadt-sein selbst immer wieder in Frage gestellt und neu definiert wurde.<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3526\/3178572166_6686741347.jpg\" alt=\"Danzig, Altstadt\" \/><\/p>\n<p>Die Altstadt, in der Grass seinen Oskar die sch\u00f6nen Nachmittage genie\u00dfen l\u00e4sst, ist jedenfalls der Teil der Stadt, der auch tats\u00e4chlich so hei\u00dft. Diese offizielle &#8222;Altstadt&#8220; war ein Viertel der kleinen Leute, vorwiegend polnischer und kaschubischer Handwerker und Kleinkr\u00e4mer. Die Rechtstadt dagegen war der <em>Vicus theutonicus<\/em>, der Bezirk der deutschen Kaufleute, die ihren Reichtum in gro\u00dfartigen B\u00fcrgerh\u00e4usern darstellten, in einem der beeindruckendsten Rathausbauten, die ich kenne, und in einer Kirche, die heute noch zu den gr\u00f6\u00dften der Welt geh\u00f6rt. Es ist nicht uninteressant, dass die Deutschen den Namen ihrer Stadt aus der Sph\u00e4re des Gesetzes ableiteten, vom L\u00fcbischen Recht, das in ihren Mauern galt und eben nicht in dem scheinbar chaotischen Stra\u00dfengewimmel der &#8222;slawischen&#8220; Nachbarstadt.<\/p>\n<p>Die pr\u00e4chtigen H\u00e4user der Rechtstadt und die wimmelnden Gassen der Altstadt wurden in der Endphase des Zweiten Weltkriegs fast v\u00f6llig zerst\u00f6rt. Aber w\u00e4hrend die Rechtstadt akribisch wieder aufgebaut wurde, &#8222;Steinchen f\u00fcr Steinchen&#8220;, wie der Reisef\u00fchrer betont, ist in der Altstadt nur wenig \u00fcbrig geblieben. Entlang des Radaunekanals sind einige Sehensw\u00fcrdigkeiten rekonstruiert worden: Die Gro\u00dfe M\u00fchle vor allem (die heute leider eine m\u00e4\u00dfig interessante Shoppingpassage beherbergt), das Altst\u00e4dtische Rathaus, sch\u00f6ne Kirchbauten wie die Brigitten- und die Katharinenkirche (die leider 2006 bei einem Brand ein weiteres Mal schwer besch\u00e4digt wurde). Ansonsten gibt es hier vor allem Zweckbauten aus den Nachkriegsjahren, und wie die Tischlergasse ausgesehen haben k\u00f6nnte, als Oskar dort beim Spielzeugh\u00e4ndler Markus geparkt wurde, damit seine Mutter ungest\u00f6rt ihren Rendezvous&#8216; nachgehen konnte, das muss man sich im Kopf ausmalen. Unser Hotel, das Aureus, ist quasi um die Ecke des fiktiven Spielzeugladens, ein noch relativ neues Haus mit einem potemkinschen Einschlag: Von au\u00dfen t\u00e4uschen drei Fassaden mehrere Geb\u00e4ude vor, dahinter verbirgt sich ein einziger, daf\u00fcr recht geschmackvoll sanierter und modern eingerichteter Komplex.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3414\/3177715087_f483e01bdc.jpg\" alt=\"Danzig, Spendhaus\" \/><\/p>\n<p>Vor der T\u00fcr des Aureus liegt das Spendhaus, ein ehemaliges Armenhaus aus dem 18. Jahrhundert, mit zwei interessanten Inschriften: Die eine erz\u00e4hlt, in schn\u00f6rkeliger Fraktur, von den Gr\u00fcndung des Geb\u00e4udes durch wohlt\u00e4tige Spender aus der Danziger B\u00fcrgerschaft, die andere, zweisprachig, erinnert an Hans Wichmann, einen SPD-Politiker aus den Drei\u00dfiger Jahren, der (m\u00f6glicherweise an dieser Stelle?) von den Nazis entf\u00fchrt und sp\u00e4ter ermordet aufgefunden wurde.<\/p>\n<p>Direkt gegen\u00fcber vom Spendhaus und gut sichtbar aus unserem Hotelzimmer: das schwarzrot geklinkerte Geb\u00e4ude der Polnischen Post. Es macht, trotz seiner Gr\u00f6\u00dfe, einen eher melancholischen und zur\u00fcckhaltenden Eindruck, als wollte es ablenken von den dramatischen Ereignissen, die hier im September 1939 stattfanden. Zeitgleich mit mit den Sch\u00fcssen auf die Westerplatte attackierten deutsche Einheiten das Geb\u00e4ude. Die Insassen des Geb\u00e4udes hatten nicht wirklich eine Chance, 14 von ihnen starben im Gefecht oder an Verletzungsfolgen, 39 wurden festgenommen und hingerichtet. Verglichen mit dem, was in den folgenden Jahren an Vernichtungswut \u00fcber Europa und die Welt fegen sollte, mag das Gefecht um die Post nur wie ein kleines Scharm\u00fctzel wirken. Aber die Brachialit\u00e4t, mit der die deutschen Einheiten vorgingen, war eine deutliche Ank\u00fcndigung dessen, was da noch kommen sollte. Von dieser Brachialit\u00e4t spricht auch das Denkmal zu Ehren der get\u00f6teten Postbeamten, das wie eine vergessene Theaterkulisse auf dem Platz vor der Post steht. An der Post selbst gibt es eine bescheidenere Tafel mit den Namen der Opfer: Neben den vielen polnischen sind dort auch einige deutsch klingende Nachnamen zu lesen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3119\/3178567920_04da28e8f0.jpg\" alt=\"Danzig, Denkmal f\u00fcr die get\u00f6teten Postbeamten\" \/><\/p>\n<p>Von der Post aus hat man nur ein paar Schritte in die Rechtstadt zu gehen, und fast k\u00f6nnte man sagen, es ist ein Gang vom Krieg in die Kulisse. Kann man in der Alstadt die Verw\u00fcstungen von 1945 noch an einigen Baul\u00fccken und unvollst\u00e4ndig wirkenden Stra\u00dfenz\u00fcgen erkennen, so scheint in der Rechtstadt jede Spur des Krieges gezielt und mit gro\u00dfer Akribie und Sorgfalt getilgt worden zu sein. Der Wiederaufbau ist so umfassend erfolgt, dass man auf den ersten Blick tats\u00e4chlich glauben k\u00f6nnte, hier sei nie etwas in Schutt und Asche gelegt worden, und jeder Reisef\u00fchrer, den man in die Hand nimmt, wird auf die beeindruckende Leistung hinweisen, die damit vollbracht wurde, und auf die Anerkennung, die polnischen Stadtplaner und Kunsthistoriker daf\u00fcr erhalten haben.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3118\/3177799451_194f735e09.jpg\" alt=\"Danzig, Brama Zielona\" \/><\/p>\n<p>Eine beinah komplett zerst\u00f6rte Stadt beinah komplett wieder aufzubauen (und nicht etwa die Verw\u00fcstung des Krieges symbolisch fortzusetzen, um aus Danzig eine Art modernes Karthago oder Tenochtitlan zu machen), ist ja auch eine bemerkenswerte Leistung. Wenn man genauer hinschaut, sieht man freilich, dass eine authentische Rekonstruktion allenfalls bei einigen herausragenden Geb\u00e4uden wie dem Rathaus, dem Zeughaus oder dem Artushof angestrebt wurde. An anderen Stellen hat man sich eher damit begn\u00fcgt, Stra\u00dfenz\u00fcge in stilisierter Form wieder auferstehen zu lassen. Mit der Authentizit\u00e4t ist das eh so eine Sache: Auf welche Epoche bezieht man sich dabei? In Danzig hat man die Wiederaufbauma\u00dfnahmen auch unter ideologischen Gesichtspunkten vorgenommen: Das b\u00fcrgerliche 19. Jahrhundert ist aus der Rechtstadt fast v\u00f6llig verschwunden, Neugotik oder Jugendstil sucht man beinah vergeblich. Das ist vor allem von konservativen Kunsthistorikern gerne moniert worden, wenn nicht gar als eigener Beleg f\u00fcr die Geschichtsklitterung kommunistischer Politik gewertet worden. Als ob ideologiefreie Authentizit\u00e4t im westeurop\u00e4ischen Denkmalschutz jemals angestrebt, geschweige denn m\u00f6glich gewesen w\u00e4re. Und insgesamt muss man sagen, dass die ideologische Komponente in den nachgebauten Fassaden sehr subtil und zur\u00fcckhaltend eingebracht worden ist.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3341\/3178899828_890480e021.jpg\" alt=\"Danzig, Hotel Krolewski und Baltische Philharmonie\" \/><\/p>\n<p>Es gibt von Eichendorff (der hier einige Jahre gelebt hat) <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/?id=5&#038;xid=524&#038;kapitel=103&#038;cHash=796aa7f40bindanzig#gb_found\">ein ber\u00fchmtes Gedicht<\/a> \u00fcber die Stadt, als &#8222;zauberhaft versteinete M\u00e4rchenwelt&#8220;, in der &#8222;dunkle Giebel, hohe Fenster,\/T\u00fcrme wie aus Nebel sehn&#8220; und &#8222;bleiche Statuen wie Gespenster\/Lautlos an den T\u00fcren stehn&#8220;. Die Doppelb\u00f6digkeit dieses Gedichts geht einem so richtig auf, wenn man in einer frostigen, klaren Januarnacht durch die schneebedeckten und einsamen Gassen knirscht. Denn die M\u00e4rchenwelt, die Eichendorff sieht, ist keine idyllische Zauberlandschaft, sondern eine leere Geisterstadt, \u00fcber die die Geschichte hinweg gegangen ist und die nur noch steinerne und stumme Zeugen aufbieten kann. Die &#8222;tr\u00e4umerische&#8220; Atmosph\u00e4re, die ihr attestiert wird, ist nichts anderes als die Unf\u00e4higkeit, diese Zeugen zum Sprechen zu bringen. Auch der T\u00fcrmer aus der letzten Strophe vermag nicht mehr als ein altes Lied anzustimmen und f\u00fcr die vorbeiziehenden Schiffer zu beten. Aber es gibt immerhin den Mond, der daran Gefallen findet, und den Dichter, der die Spuren lesen und erl\u00f6sen kann.<\/p>\n<p>Die Vision einer toten Stadt schrieb Eichendorff zu einer Zeit, als Danzigs \u00d6konomie tats\u00e4chlich am Boden lag. Dass eine Stadt auch so vollst\u00e4ndig ausgel\u00f6scht werden k\u00f6nnte, dass nicht mal mehr Gespenster \u00fcbrig bleiben, hat er wohl nicht geahnt. Den Wiederaufbau Danzigs k\u00f6nnte man vielleicht auch als den Versuch sehen, Geschichte zumindest als Kulisse gegenw\u00e4rtig zu machen, sozusagen eine H\u00fclle zu bieten, in der Phantome \u00fcberhaupt erst auferstehen und dann vom Betrachter zum Sprechen gebracht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3321\/3178913188_0079406bb9.jpg\" alt=\"Danzig, Mariacka\" \/><\/p>\n<p>Viele polnische Schriftstellern und Regisseuren haben eine besondere Affinit\u00e4t zum Phantastischen. Vielleicht liegt das daran, dass man viele Stationen polnischer Geschichte auch in Topoi des phantastischen Films oder Romans erz\u00e4hlen. Kann man es den Polen verdenken, wenn sie sich, eingezw\u00e4ngt zwischen zwei unberechenbare Gro\u00dfm\u00e4chte, \u00e4hnlich f\u00fchlen m\u00f6gen wie die Einwohner Tokios in den japanischen Science-Fiction-Filmen, die auch jedes Mal damit rechnen m\u00fcssen, dass Godzilla und Mothra aufmarschieren, um ihre Stadt als Schauplatz irgendeines finalen Endkampfes platt zu machen? Und bei neueren Autoren wie Stefan Chwin und Pawel Huelle scheint Danzig mit seiner Geschichte eine \u00e4hnliche Rolle zu spielen wie die versunkenen Indianerfriedh\u00f6fe in amerikanischen Horrorfilmen: Als etwas, das unerledigt unter dem Pflaster und in den Mauern der H\u00e4user schlummert und nicht wirklich vorbei gehen kann. In Chwins Roman <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3499226235?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3499226235\">Tod in Danzig<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3499226235\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><br \/>\n etwa wirkt der Protagonist Hanemann wie ein Untoter, der seine Stadt untergehen sieht, aber selbst nicht sterben oder einfach weggehen kann. Also lebt er weiter, auch wenn er wenig mehr tut, als die neu ankommenden Menschen durch seine blo\u00dfe Nachbarschaft daran zu erinnern, dass es Geschichte, Tragik, Ver\u00e4nderung und Verlust gibt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3389\/3178919292_af63098af4.jpg\" alt=\"Danzig, Mariacka\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230; ich geno\u00df diese Nachmittage in der farbigen, immer etwas musealen, st\u00e4ndig mit diesen oder jenen Kirchenglocken l\u00e4rmenden Altstadt. Grass, Die Blechtrommel Altstadt und &#8222;Altstadt&#8220; ist nicht ganz das gleiche in Danzig, sagt uns der Reisef\u00fchrer. 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