{"id":854,"date":"2009-01-26T19:31:01","date_gmt":"2009-01-26T16:31:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=854"},"modified":"2009-01-26T19:31:01","modified_gmt":"2009-01-26T16:31:01","slug":"biskupia-gorka","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2009\/01\/26\/biskupia-gorka\/","title":{"rendered":"Biskupia G\u00f3rka"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3491\/3179057604_48030c2506.jpg\" alt=\"Biskupia G\u00f3rka\" \/><\/p>\n<p>Biskupia G\u00f3rka liegt nur ein paar Schritte von der Danziger Innenstadt entfernt. Touristen kommen hier aber nur selten hin. Warum auch? Das Viertel hat nichts von der Musealit\u00e4t der wiederhergestellten Innenstadt. Die Hausfassaden sind heruntergekommen, holzkohlengeschw\u00e4rzt und offenbar seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr verputzt worden. Wie sonst k\u00f6nnte man an einigen Fassaden noch deutsche Inschriften erkennen: Hier gab es mal eine &#8222;Milch-Verkaufsstelle&#8220;, eine Hausnummer weiter wurde Seife verkauft oder hergestellt, und in einem anderen Haus war mal eine B\u00e4ckerei.<\/p>\n<p>So ein Viertel besucht man nat\u00fcrlich nur, wenn man mal sehen will, wie die Normalen Menschen so leben. Wobei wir als reflektierte Touristen nat\u00fcrlich auch <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B000001E8P?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=B000001E8P\">Common People<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=B000001E8P\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><br \/>\n geh\u00f6rt haben und wissen, dass es die Normalen Menschen nicht unbedingt m\u00f6gen, wenn ihr Normales Leben als Exponat begafft wird.<!--more--><\/p>\n<p>Immerhin wird ein Besuch in Biskupia G\u00f3rka sogar vom Reisef\u00fchrer empfohlen, der gratis an der Hotelrezeption ausliegt: Ein &#8222;must see for those wanting a trip back in time&#8220;, <a href=\"http:\/\/www.inyourpocket.com\/poland\/gdansk\/sightseeing\/placesofinterest\/venue\/16200-Biskupia_Gorka.html\">sagt die Brosch\u00fcre<\/a>, warnt aber zugleich, die Gegend sei &#8222;renowned for its hostile natives&#8220;. Nun denn: &#8222;Everybody hates a tourist\/Especially one who thinks it&#8217;s all such a laugh&#8220;.<\/p>\n<p>Die Neugier ist trotzdem geweckt, vor allem auch, weil es ein herrlicher Wintertag ist und die Sonne derma\u00dfen verschwenderisch \u00fcber der Stadt strahlt, als wollte sie selbst den gottverlassensten Winkel noch ausleuchten. An so einem herrlichen Tag kann doch niemand feindselig gesinnt sein, wenn man nur mal eben vorbeischauen will auf der Suche nach einem bisschen Authentizit\u00e4t.<\/p>\n<p>In der Tat ist von Feindseligkeit nicht viel zu sp\u00fcren: Haust\u00fcren stehen fast einladend offen, \u00e4ltere Damen debattieren angeregt, stolze V\u00e4ter ziehen ihren Nachwuchs auf Schlitten durch die Gegend, zwei Teeniem\u00e4dchen springen laut kichernd eine verschneite Treppe hinunter. Es riecht nach Holzkohle, intensiver als sonst in der Stadt. Die Reise in die Vergangenheit, die der Reisef\u00fchrer versprochen hat, gelingt freilich nur teilweise: Daf\u00fcr brandet der L\u00e4rm der Danziger Durchgangsstra\u00dfen zu heftig ums Viertel, und daf\u00fcr sind die parkenden Autos zu neu und zu viele. Und trotz des heruntergekommenen \u00c4u\u00dferen wirkt das Viertel nicht elend, da habe ich in L\u00fcttich, Glasgow oder Neapel schon deprimierendere Stra\u00dfenz\u00fcge gesehen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3132\/3179054410_150d8dc706.jpg\" alt=\"Biskupia G\u00f6\u00b2rka\" \/><\/p>\n<p>Von einem Viertel kann man allerdings nicht wirklich reden: Eigentlich gibt es nur zwei Stra\u00dfen, die Ulica Biskupia, die bergan f\u00fchrt, und die Ulica Na Stoku, die sich unten um den Fu\u00df des Berges entlang schl\u00e4ngelt. Vor allem in der Na Stoku sieht man viele L\u00fccken in der Bebauung, die der Krieg gerissen haben d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Biskupia G\u00f3rka hie\u00df fr\u00fcher Bischofsberg: Der Name kommt, so weit ich wei\u00df, daher, dass das Areal einmal die Enklave des katholischen Bischofs in der mehrheitlich protestantischen Stadt war. Bauliche Zeugnisse gibt es daf\u00fcr nicht, aber eine andere religi\u00f6se Minderheit hat sich hier bemerkbar gemacht, eine der vielen ethnischen und sozialen Gruppierungen, die f\u00fcr die Geschichte der Stadt bedeutend waren: Die Mennoniten bauten im 19. Jahrhundert am Fu\u00df des Berges eine kleine Kirche, die heute noch steht, inzwischen allerdings von einer Pfingstlergemeinde genutzt wird.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt ist der H\u00fcgel ein Mikrokosmos der Danziger Geschichte. Vor allem wegen der exponierten Lage: Von hier oben hat man eine sch\u00f6ne Aussicht \u00fcber die Stadt, nicht ganz so spektakul\u00e4r wie vom benachbarten Hagelsberg (heute Grodzisko) am Hauptbahnhof, aber doch reizvoll genug f\u00fcr viele Maler und Fotografen. Davon zeugen viele Stadtansichten, die von hier oben angefertigt wurden. Ein Observatorium gab es ebenfalls mal auf dem Bischofsberg, und die Aussicht war auch von strategischer Bedeutung, wie man an den Festungsanlagen sehen kann. Die verbliebenen Geb\u00e4ude sind vor nicht allzulanger Zeit renoviert worden und beherbergen inzwischen eine <a href=\"http:\/\/www.gwsh.gda.pl\/\">Privatschule<\/a>, ausgenommen ist nur ein etwas abgeschrabbeltes Wohnhaus, das ein bi\u00dfchen verloren im glei\u00dfenden Gelbanstrich der Schule steht.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3115\/3178209019_47cda2778c.jpg\" alt=\"Biskupia G\u00f3rka\" \/><\/p>\n<p>Einige Bereiche des Berges sind Sperrgebiet: Eine Polizeikaserne besetzt die Anh\u00f6he, und daneben steht die Ruine eines Glockenturms. Hier gab es fr\u00fcher eine Jugendherberge, die nach Paul Beneke benannt war. Beneke ist eine der schillerndsten Gestalten im Danziger Pantheon, und dass man ihn zum Namenspatron einer Jugendherberge w\u00e4hlte, sagt einiges \u00fcber das Selbstverst\u00e4ndnis der hiesigen B\u00fcrgerschaft: F\u00fcr die war er ein Seeheld, ein k\u00fchner Hanseadmiral, der der englischen Konkurrenz Paroli bot. Aus englischer und italienischer Perspektive war er dagegen ein besonders dreister Pirat. Sein prominentestes Beutest\u00fcck h\u00e4ngt heute noch in Danzig: Das J\u00fcngste Gericht von Hans Memling, das eigentlich f\u00fcr eine Medici-Kirche in Florenz bestimmt war. Wie man diesen Fall von Beutekunst ideologisch verbr\u00e4mte, l\u00e4sst sich am besten nachlesen in den <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/?id=5&#038;xid=728&#038;kapitel=15&#038;cHash=ba46a5f78c2\">Bildern aus der deutschen Vergangenheit<\/a> von Gustav Freytag: Der \u00dcberfall auf das Handelsschiff, das den Memling transportierte, wird dort zu einem exemplarischen Konflikt zwischen welscher Hoffart und deutscher Rechtschaffenheit. Auch wenn dem anonymen Chronisten, den Freytag vorschiebt, kein besserer Streitanlass einf\u00e4llt als dass der italienische Kapit\u00e4n halt ein bisschen schnippisch geantwortet hat.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3393\/3178226843_5da52948b9.jpg\" alt=\"Ul. Biskupia\" \/><\/p>\n<p>Dank der sch\u00f6nen Aussicht war der Bischofsberg ein beliebtes Ausflugsziel, aber selten zogen die Menschen aus einem so d\u00fcsteren Anlass herauf wie am 4. Juli 1946. Da fand hier oben eine \u00f6ffentliche Hinrichtung statt, eine Exekution, die bewusst als Abrechnung inszeniert wurde. Elf Menschen, die als Kriegsverbrecher verurteilt worden waren, sollten hier geh\u00e4ngt werden. Alle elf hatten Leitungsfunktionen im Konzentrationslage inne: Der als &#8222;KZ-Kommandant&#8220; bezeichnete Johann Pauls (er geh\u00f6rte zur Lagerleitung, hatte aber m.W. nicht die Funktion eines Kommandanten), f\u00fcnf Aufseherinnen, f\u00fcnf polnische H\u00e4ftlinge, die als Kapos gewirkt hatten.<\/p>\n<p>Die Hinrichtung war unmi\u00dfverst\u00e4ndlich als symbolischer Akt der Rache gemeint: Jedem Verurteilten wurde ein eigener Henker zugeteilt, der den entscheidenden Sto\u00df geben sollte. Diese Henker waren allesamt ehemalige H\u00e4ftlinge des Lagers. Sie zogen f\u00fcr diesen Anlass sogar noch einmal ihre H\u00e4ftlingskleidung an. Wie wurden sie f\u00fcr dieses Amt ausgew\u00e4hlt? Hatten sie sich freiwillig gemeldet oder hatte man nach ihnen recherchiert? Waren einige vielleicht sogar gezwungen worden, daran teilzunehmen? Und was hatte f\u00fcr die Wahl der Hinrichtungsmethode den Ausschlag gegeben? Die Verurteilten wurden von einem langsam anfahrenden Laster gesto\u00dfen, einer nach dem anderen, so dass die nachfolgenden Todeskandidaten (und die Zuschauer) den Todeskampf deutlich mitbekamen.<\/p>\n<p>Als sollte die Barbarei des Nazi-Terrors durch eine konzentrierte barbarische Zeremonie \u00f6ffentlich gebannt werden. (Aber &#8222;zu welcher Ruhe kann man kommen, wenn man Zeuge eines solchen Geschehens war&#8220;, um es mit <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/_em_cms\/_globals\/print.php?em_ssc=MSwwLDEsMCwxLDAsMSww&#038;em_cnt=1659502&#038;em_loc=105&#038;em_ref=\/in_und_ausland\/panorama\/&#038;em_ivw=fr_magazin\">Clint Eastwood<\/a> zu fragen.)<\/p>\n<p>Seither ist Biskupia G\u00f3rka &#8211; jedenfalls so weit ich wei\u00df &#8211; kaum noch Schauplatz von Ereignissen gewesen, denen gr\u00f6\u00dferes \u00f6ffentliches Interesse zu Teil wurde. Der Bischofsberg ist Peripherie, fast so, als h\u00e4tte man ihn mit den Exekutionen vom 4. Juli auch noch als Unort gebannt. Nicht nur die Touristen, auch die Danziger, erz\u00e4hlt man uns, gehen hier nicht unbedingt hin. Und so bleibt der H\u00fcgel heute noch weitgehend allein mit seinen Geschichten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Biskupia G\u00f3rka liegt nur ein paar Schritte von der Danziger Innenstadt entfernt. Touristen kommen hier aber nur selten hin. Warum auch? Das Viertel hat nichts von der Musealit\u00e4t der wiederhergestellten Innenstadt. Die Hausfassaden sind heruntergekommen, holzkohlengeschw\u00e4rzt und offenbar seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr verputzt worden. 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