{"id":864,"date":"2009-02-04T17:25:16","date_gmt":"2009-02-04T14:25:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=864"},"modified":"2009-02-04T17:25:16","modified_gmt":"2009-02-04T14:25:16","slug":"birminghams-apostrophe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2009\/02\/04\/birminghams-apostrophe\/","title":{"rendered":"Birminghams Apostrophe"},"content":{"rendered":"<p>Um es mit Max Goldt zu sagen: &#8222;Mich interessiert diese Mode, an Apostrophen zu mosern, \u00fcberhaupt nicht&#8220;. Gleichwohl fand ich <a href=\"http:\/\/www.timesonline.co.uk\/tol\/news\/uk\/article5614962.ece\">diese Meldung<\/a> aus Birmingham am\u00fcsant: Dort wird von Amts wegen zuk\u00fcnftig auf den Gebrauch von Apostrophen in Ortsnamen verzichtet, aus King&#8217;s Heath wird Kings Heath. W\u00e4hrend also bei uns eine fr\u00f6hliche Proliferation von Apostrophen und Elisionen zu beobachten ist, macht&#8217;s die Stadtverwaltung von Birmingham gerade andersherum: Weg mit dem Auslassungszeichen, runter mit dem Hochkomma, nieder mit dem Oberstrich. <!--more-->Folgten die entsprechenden aufgeregten Leserbriefe und Blogkommentare derjenigen, die sich als Kustoden der englischen Sprache erachten, wobei das Verschwinden der Apostrophe in Birmingham lustigerweise aus fast den gleichen Gr\u00fcnden beklagt wird wie hierzulande das \u00dcberhandnehmen.<\/p>\n<p>Nun scheint die Stadtverwaltung weniger eine komplette Neuerung eingef\u00fchrt, sondern eher einer Praxis sanktioniert zu haben, die in der Stadt schon seit l\u00e4ngerem ge\u00fcbt wurde, nur eben nicht konsistent und offenbar mit gelegentlichen Diskussionen. Martin Mullaney, bloggender Stadtrat des nun also definitv Kings Heath hei\u00dfenden Viertels, erw\u00e4hnt <a href=\"http:\/\/martinmullaney.blogspot.com\/2009\/01\/use-of-possessive-apostrophes-in-place.html\">in seinem Blog<\/a>, dass sein Wahlbezirk schon seit den F\u00fcnfzigern offiziell eigentlich ohne Apostroph geschrieben wird, was aber &#8211; wie man <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/lumpy_golightly\/361695823\/\">auf diesem Foto<\/a> sehen kann &#8211; nicht immer beachtet wurde.<\/p>\n<p>In den meisten englischsprachigen L\u00e4ndern ist der Verzicht auf Apostrophen ohnehin l\u00e4ngst gang und g\u00e4be: US-amerikanischen Toponyme werden offiziell grunds\u00e4tzlich ohne Apostroph geschrieben (von genau f\u00fcnf Ausnahmen abgesehen, sagt die englische Wikipedia, nennt allerdings nur Martha&#8217;s Vineyard &#8211; was sind die anderen vier?). In Australien gilt seit einigen Jahren das Gleiche: &#8222;With the emergency services using computer databases there was a need for nationwide consistency&#8220;, sagt Mullaney und meint: &#8222;It would be tragic if the ambulance couldn&#8217;t find your street, if you forgot to include the possessive apostrophe when calling 999.&#8220; (Ob das eine reale Gefahr ist, lass ich mal dahingestellt. Oder gab es tats\u00e4chlich schon mal den Fall, das ein Notarzt ein Haus wegen eines fehlenden Apostrophs nicht gefunden hat?). Gro\u00dfbritannien leistet sich dagegen noch den Luxus der Uneinheitlichkeit: So gibt es King&#8217;s Lynn ebenso wie St Albans.<\/p>\n<p>In Birmingham soll es nun Konsistenz und Einheitlichkeit geben, sagt Mullaney. Au\u00dferdem sind auf st\u00e4dtischen Schildern offenbar schon so viele Apostrophen entfernt, \u00fcberpinselt oder gar nicht erst angebracht worden, dass die Wiedereinf\u00fchrung &#8222;astronomische Kosten&#8220; verursachen w\u00fcrde, behauptet er. Interessanter finde ich Mullaneys drittes Argument, n\u00e4mlich dass der Apostroph grammatisch und historisch obsolet geworden sei, weil er keiner realen Gegebenheit mehr entspricht. Da sich Kings Heath nicht mehr im Besitz des K\u00f6nigs befinde, habe auch die Possessivanzeige durch den Apostroph keine Berechtigung mehr.<\/p>\n<p>Mullarney unterschl\u00e4gt hier allerdings, dass nicht alle &#8222;possessiven&#8220; Toponyme auf Besitzt\u00fcmer verweisen m\u00fcssen. Das Viertel Druids Heath mag sich nie im Besitz eines (oder mehrerer) Druiden befunden haben, sondern lediglich Treffpunkt oder Aufenthaltsort gewesen sein. Aber lassen wir mal au\u00dfen vor, ob das Argument nun wirklich eine Rolle gespielt hat oder eher als wissenschaftlich klingende Legitimierung einer pragmatischen Entscheidung dient. (Und ob es \u00fcberhaupt ein Argument ist, denn warum m\u00fcsste der Name eines Ortes durch seine aktuellen Gegebenheiten gedeckt sein?)<\/p>\n<p>Interessant ist aber das semantische Gewicht, das bei einer solchen Interpretation einem kleinen grammatischen Zeichen beigemessen wird. Die Tilgung des Apostrophs ist damit ein fast republikanischer Akt: Gest\u00fcrzt wird ein winziges, nichtsdestoweniger sperriges Denkmal, das an eine \u00fcberwunden geglaubte Zeit erinnert, als das, was heute ein Wohnviertel ist, tats\u00e4chlich noch Privatbesitz einer einzelnen Person sein konnte. Der Apostroph, k\u00f6nnte man mit Derrida sagen, ist so etwas wie eine hauntologische Spur, die auf die Geschichte dieses Ortes verweist.<\/p>\n<p>Die Tilgung des Apostrophs ist nat\u00fcrlich nicht gleichbedeutend mit der L\u00f6schung dieser Spur. Die Schreibweisen von Ortsnamen haben sich zu allen Zeiten und Orten ver\u00e4ndert. Aber man kann am Beispiel von Birmingham ganz h\u00fcbsch sehen, dass nicht nur grammatische oder \u00e4sthetische Gr\u00fcnde eine Rolle spielen, sondern auch soziale Aspekte. Paradox ist allenfalls, dass die Toponyme in Birmingham ihre possessive Qualit\u00e4t zu einem Zeitpunkt einb\u00fc\u00dfen, wo in vielen Orten Westeuropas \u00f6ffentliche R\u00e4ume wieder reprivatisiert werden &#8230;<\/p>\n<p>(Man k\u00f6nnte der Stadt Birmingham im \u00fcbrigen auch raten, gleich N\u00e4gel mit K\u00f6pfen zu machen und das ebenso \u00fcberfl\u00fcssige Leerzeichen mit zu tilgen. Aber Kingsheath w\u00e4re dann vielleicht doch <a href=\"http:\/\/twitter.com\/citizensheep\/status\/1091580449\">zu zweideutig<\/a>.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um es mit Max Goldt zu sagen: &#8222;Mich interessiert diese Mode, an Apostrophen zu mosern, \u00fcberhaupt nicht&#8220;. Gleichwohl fand ich diese Meldung aus Birmingham am\u00fcsant: Dort wird von Amts wegen zuk\u00fcnftig auf den Gebrauch von Apostrophen in Ortsnamen verzichtet, aus King&#8217;s Heath wird Kings Heath. 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