{"id":887,"date":"2009-03-10T19:58:32","date_gmt":"2009-03-10T16:58:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=887"},"modified":"2010-04-19T12:37:54","modified_gmt":"2010-04-19T09:37:54","slug":"unter-wasser","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2009\/03\/10\/unter-wasser\/","title":{"rendered":"Unter Wasser"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.image-web.org\/news\/index.htm\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3615\/3341108103_6b901d08fd_o.jpg\" alt=\"Firenze \u00e8 sommersa\" \/><\/a><\/p>\n<blockquote><p>Unzeitgem\u00e4\u00df ist auch diese Betrachtung, weil ich etwas, worauf die Zeit mit Recht stolz ist, ihre historische Bildung, hier einmal als Schaden, Gebreste und Mangel der Zeit zu verstehen versuche, weil ich sogar glaube, da\u00df wir alle an einem verzehrenden historischen Fieber leiden und mindestens erkennen sollten, da\u00df wir daran leiden.<\/p>\n<p>&#8211; <em>Nietzsche<\/em><\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Sie sollten j\u00e4hrlich ins Museum gehen, aber nicht jeden Tag.<\/p>\n<p>&#8211; <em>Marinetti<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>W\u00e4hrend ein gro\u00dfer Teil des K\u00f6lner Archivs noch im Grund- und Regenwasser verrottet, begegnet mir dies: Ein Bild des abgesoffenen Doms von Florenz, Plakat f\u00fcr eine <a href=\"http:\/\/www.image-web.org\/events\/2009030701.ROTTEMETROPOLITANE\/Invito.pdf\">Reihe von Veranstaltungen<\/a> unter dem Titel <em>Firenze \u00e8 sommersa<\/em>, Florenz ist untergegangen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3575\/3344064438_5664fb6685_m.jpg\" alt=\"K\u00f6lner Dom\" \/><\/p>\n<p>Der Dom von Florenz unter Wasser &#8211; das erinnert mich an ein \u00e4hnliches Motiv, mit dem vor Jahren der <em>Spiegel<\/em> eine der <a href=\"http:\/\/wissen.spiegel.de\/wissen\/dokument\/dokument-druck.html?id=21113442&#038;top=SPIEGEL\">ersten Reportagen zum Klimawandel<\/a> illustrierte: F\u00fcrs Titelbild wurde der K\u00f6lner Dom unter Wasser gesetzt. (Ausgerechnet die KVB hat dieses Motiv vor einiger Zeit f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.kvb-koeln.de\/german\/news\/klimaschutz.html\">eine Werbekampagne von ausgesuchter D\u00e4mlichkeit<\/a> recycelt.)<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3405\/3343237543_e5780ce75a_m.jpg\" alt=\"KVB-Kampagne\" \/><\/p>\n<p>Das Plakat von Florenz verweist allerdings weniger auf die Erderw\u00e4rmung, sondern auf ein anderes Ereignis, auf das in Zusammenhang mit dem Einsturz des K\u00f6lner Stadtarchivs auch schon hier und da angespielt worden ist: Das katastrophale <a href=\"http:\/\/it.wikipedia.org\/wiki\/Alluvione_di_Firenze_del_4_novembre_1966\">Arno-Hochwasser von 1966<\/a>. 2006 j\u00e4hrte sich das Ereignis zum 40. Mal, und viele italienische Medien brachten Features zum Thema, in denen man unter anderem lernen konnte, wie lange so eine Katastrophe nachwirkt: So gebe es immer noch Lagerhallen voller Archivg\u00fcter, die auf ihre Restaurierung warteten, konnte man lesen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3331\/3344119062_5e4e6c7fb9.jpg\" alt=\"Firenze sommersa\" \/><br \/>\n<font size=1>Superstudio, <em>Firenze sommersa<\/em>. (Quelle: <a href=\"http:\/\/www.cristianotoraldodifrancia.it\/superstudio\/01.htm\">Cristiano Toraldo di Francia<\/a>).<\/font><\/p>\n<p>Der Titel der Veranstaltung zitiert allerdings nicht nur die Katastrophe selbst, sondern auch die sarkastische Aufbereitung, die die Architektengruppe <a href=\"http:\/\/www.designmuseum.org\/design\/superstudio\">Superstudio<\/a> einige Jahre sp\u00e4ter vornahm. 1972, nur sechs Jahre nach der Flut, machte die Gruppe den Vorschlag, doch gleich die gesamte florentinische Innenstadt unter Wasser zu setzen. Nur die Domkuppel sollte noch sichtbar bleiben.<\/p>\n<p>Eine <em>tabula rasa<\/em>-Geste, \u00e4hnlich Le Corbusiers Idee, die Pariser Innenstadt zu planieren und durch moderne Hochh\u00e4user zu ersetzen, aber zugleich auch etwas anderes, denn die angestrebte \u00dcberflutung w\u00e4re ja weniger eine Vernichtung als eine Arch\u00e4ologisierung. Gedacht war das als Spitze gegen den kleinkr\u00e4merischen Konservatismus des Mainstream-Denkmalschutzes und gegen die Musealisierung der Innenst\u00e4dte &#8211; gegen eine &#8222;Restaurierung&#8220;, deren N\u00e4he zur politischen Restauration offensichtlich war. <\/p>\n<p>Das war aber nicht die einzige Sto\u00dfrichtigung dieser Spitze: Formuliert wurde der Vorschlag auch aus der Entt\u00e4uschung \u00fcber eine moderne Architektur, die jeden Impetus zur Formulierung radikaler Utopien verloren hatte. Es war eine Reaktion auf die institutionelle und strukturelle Sklerose der italienischen Nachkriegsgesellschaft. Die Mitglieder von Superstudio waren allesamt jung, als sie die Gruppe 1966, im Jahr der Flut, ins Leben riefen. Gemessen an den damals \u00fcblichen Karrierebahnen waren sie also noch einige Jahrzehnte von Positionen entfernt, in denen sich wirklich etwas bewegen lie\u00df. Ihre Reaktion bestand darin, eine radikalere Vision von dem zu formulieren, was Architektur sein sollte: Ein konzeptionelles, kritisches Nachdenken \u00fcber die Fundamente der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Den nachhaltigsten Ausdruck fand diese Vision im <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/artanddesign\/2003\/mar\/31\/architecture.artsfeatures\">Monumento continuo<\/a>: Eine gerasterte Superstruktur, die die Welt \u00fcberlagert und in eine neutrale Oberfl\u00e4che verwandelt, so wie eine industrialisierte Architektur die St\u00e4dte mit immer gleichen Formen anf\u00fcllt und wie die Globalisierung zur Standardisierung und Nivellierung lokaler Besonderheiten f\u00fchrt. Die Superstruktur verweist aber zugleich ironisch auf das revolution\u00e4ren Ideale des 20. Jahrhunderts: Auf die kompromisslose Feier der Moderne, wie sie der italienische Futurismus vormachte, und auf das kommunistische Ideal einer Welt, die allen die gleichen Voraussetzungen bietet. (Zur gleichen Zeit versuchte die chinesische Kulturrevolution gerade die praktische Umsetzung einer <em>tabula-rasa<\/em>-Strategie.) Au\u00dferdem: Ist der standardisierende Blick, die Reduktion der Welt auf Ma\u00df und Zahl nicht eine Grundvoraussetzung, um \u00fcberhaupt in der Architektur neue Welten entwerfen zu k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>In diesem Kontext steht auch das Arno-Projekt: Die Wasseroberfl\u00e4che ist hier die Superstruktur, eine gleichm\u00e4\u00dfige und neutrale Oberfl\u00e4che, unter der die Vergangenheit verschwindet wie die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Baiae\">Villen von Baiae<\/a>. Die Domkuppel darf vermutlich nur deshalb dar\u00fcber hinausragen, weil sie selbst an eine Architektur erinnert, die etwas Gr\u00f6\u00dferes vorhatte als nur die Produktion gleichf\u00f6rmiger Dutzendware oder die Stabilisierung der bestehenden Verh\u00e4ltnisse. Aber vielleicht ist sie auch Mahnmal f\u00fcr ein Land, das Entwicklung und die Dynamik mit der Renaissance abgehakt zu haben glaubt. Das Bild von der Stadt unter Wasser entsprach in diesem Sinne auch den konkreten Erfahrungen der jungen Architekten, bzw. dem Gef\u00fchl, unter der Oberfl\u00e4che eines schweren und erdr\u00fcckenden institutionellen Apparats zu agieren. Sp\u00e4ter schlug die Gruppe auch mal vor, die Kan\u00e4le von Venedig zuzubetonieren: Die Superstruktur als Mittel, um den Kampf mit den Elementen ein f\u00fcr alle mal zu erledigen.<\/p>\n<p>Es ist eine besondere Qualit\u00e4t der Projekte von Superstudio, dass sie Doppelb\u00f6digkeit und Widerspr\u00fcchlichkeit aller architektonischen Konzepte auf die Spitze getrieben und explizit gemacht haben. Dieser radikale Impuls einer Architektur, die sich selbst immer wieder in Frage stellt und ihre Grundlagen \u00fcberdenkt, ist mittlerweile nat\u00fcrlich selbst l\u00e4ngst teil des etablierten Diskurses geworden. Ebenso ist das von Superstudio formulierte Programm eines &#8222;Anti-Designs&#8220; &#8211; Gebrauchsgegenst\u00e4nde sollten rein nach ihrer Zweckm\u00e4\u00dfigkeit gestaltet werden und auf alle modischen Attribute oder Status-Symbole verzichten &#8211; im Kanon der Design-Konzeptionen angekommen: Die <a href=\"http:\/\/www.zanotta.it\/Catalog\/showproducts.asp?Area=collezione&#038;CatCodeName=catalogo&#038;CollectionID=21&#038;ProductID=63&#038;PageNumber=1&#038;FotoPageNumber=&#038;DisegnoPageNumber=1&#038;FindPageNumber=1&#038;FindText=\">Quaderna-M\u00f6bel<\/a>, die die Gruppe f\u00fcr den M\u00f6belhersteller Zanotta entwarf, und die das Konzept der Superstruktur in die Warenwelt \u00fcbertragen, sind selbst teure Design-Ikonen (und werden auch heute noch als solche hergestellt und verkauft). 1978 l\u00f6ste sich Superstudio auf, seither sind auch die Macher an verschiedenen Orten der Architektur- und Design-Welt angekommen, die sie einmal kritisiert haben. (Was nicht hei\u00dfen soll, dass sie nichts mehr zu sagen h\u00e4tten &#8211; dass das Gegenteil der Fall ist, sieht man zum Beispiel an der interessanten Website von <a href=\"http:\/\/www.cristianotoraldodifrancia.it\/\">Cristiano Toraldo di Francia<\/a>, wo es auch einige Informationen \u00fcber das Superstudio gibt.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unzeitgem\u00e4\u00df ist auch diese Betrachtung, weil ich etwas, worauf die Zeit mit Recht stolz ist, ihre historische Bildung, hier einmal als Schaden, Gebreste und Mangel der Zeit zu verstehen versuche, weil ich sogar glaube, da\u00df wir alle an einem verzehrenden historischen Fieber leiden und mindestens erkennen sollten, da\u00df wir daran leiden. &#8211; Nietzsche Sie sollten [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-887","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/887","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=887"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/887\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1136,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/887\/revisions\/1136"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=887"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=887"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=887"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}