{"id":890,"date":"2009-03-12T19:07:32","date_gmt":"2009-03-12T16:07:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=890"},"modified":"2009-03-12T19:07:32","modified_gmt":"2009-03-12T16:07:32","slug":"die-politik-der-weissen-rose","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2009\/03\/12\/die-politik-der-weissen-rose\/","title":{"rendered":"Die Politik der Wei\u00dfen Rose"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3468\/3348264177_d3ccdfc79f_o.jpg\" alt=\"Die wei\u00dfe Rose\" \/><\/p>\n<p>Udo Zimmermanns Oper <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B000028AZA?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=B000028AZA\">Wei\u00dfe Rose<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=B000028AZA\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> ist ein problematisches Werk. Das gilt vor allem f\u00fcr die Neufassung von 1986, die vor einigen Tagen von der <a href=\"http:\/\/www.junge-oper-koeln.de\/\">Jungen Kammeroper K\u00f6ln<\/a> neu aufgef\u00fchrt wurde.<!--more--><\/p>\n<p>Zimmermanns Oper macht die letzten Lebensmomente der Geschwister Scholl zum Sujet, aber nicht in einer linearen Erz\u00e4hlung, sondern in einer Folge traumartiger Bilder, die ihr Material teils aus den Aufzeichnungen der Scholls nehmen, teils aus der Bibel oder Schriften von Bonhoeffer und R\u00f3zewicz. Es geht weniger um eine chronologische, auch nicht um eine argumentative Herleitung der Geschichte, sondern um den Entwurf einer &#8222;psychologischen Landkarte&#8220; der Scholls in den letzten Stunden ihres Lebens (um die <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Wei%C3%9Fe_Rose_(opera)\">englische Wikipedia<\/a> zu zitieren).<\/p>\n<p>In der ersten Fassung von 1967 hatte Zimmermann noch auf eine nacherz\u00e4hlerische Gestaltung gesetzt und neben den beiden Scholls andere Protagonisten auftreten lassen. Die Form der Neufassung begr\u00fcndete er so:<\/p>\n<blockquote><p>Die Scholls hatten einen Glauben, der so tief in ihnen verankert war, dass sie ganz unabh\u00e4ngig von den politischen Umst\u00e4nden wussten, was sie tun mussten. Ihr Ethos verbot ihnen mit einer L\u00fcge zu leben, sie mussten ein Wagnis eingehen, und wenn es das Todes-Wagnis war.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wissen, was man tun muss, unabh\u00e4ngig von den Umst\u00e4nden: Die Entscheidung, die Au\u00dfenwelt aus der Handlung auszublenden und das St\u00fcck als introspektive Meditation zweier zum Tode Verurteilter zu fassen, machen es so problematisch, und es ist die Frage, ob eine solche Interpretation die historischen Protagonisten der <em>Wei\u00dfen Rose<\/em> nicht ein weiteres Mal entm\u00fcdigt. Engagement ist in Zimmermanns Interpretation eine subjektive Entscheidung, die sich vor allem aus pers\u00f6nlichen Beobachtungen und Erlebnissen speist. Die politischen Verh\u00e4ltnisse haben, da wo sie doch explizit auftauchen, mehr den Charakter einer nicht fassbaren, dunklen Macht (etwa in der Arie &#8222;Sie haben ihr die Haare geschoren&#8220;). Die kammermusikalische Form verst\u00e4rkt das noch, weil sie das Pers\u00f6nliche und Intime als etwas behauptet, dass sich den \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden entgegen setzen lie\u00dfe, ohne von ihnen kontaminiert zu werden.<\/p>\n<p>Der nationalsozialistische Terror ist, so gesehen, ein quasi mythisches Ereignis, dass sich schicksalhaft kreuzt mit dem individualistischen Bem\u00fchen, &#8222;seinen&#8220; Weg zu gehen. Diese Mystifizierung des Dritten Reiches verschr\u00e4nkt Zimmermanns Oper dann leider doch mit einer unangenehmen Traditionslinie. Allenfalls kann er ein bi\u00dfchen philosophischen Trost damit stiften, dass ein paar es wenigstens versucht haben.<\/p>\n<p>Aber das Sterben, mit dem die Scholls sich auseinandersetzen m\u00fcssen, ist etwas Anderes als der Tod in den <em>Kindertodtenlieder<\/em>. Dass es ein &#8222;Wagnis&#8220; war, nicht mehr mit einer &#8222;L\u00fcge&#8220; leben zu wollen, war nicht blo\u00df Schicksal, und das Engagement der Scholls nicht blo\u00dfes Sich-gegen-die-Welt-stemmen.<\/p>\n<p>Mir scheint, Enke Eisenberg, Regisseurin der K\u00f6lner Auff\u00fchrung, hat diese Problematik gesehen: Sie l\u00e4sst mit dem Richter Freisler einen der wesentlichen Verantwortlichen des Regimes wieder auftreten. Vor allem die neu gestaltete Eingangsszene, in der Freisler mit berserkerndem Furor gegen die fast sprachlosen Angeklagten w\u00fctet, erinnert eindrucksvoll daran, dass es eben nicht ein namenloses Schicksal war, dem die Scholls zum Opfer gefallen sind, sondern die absolute Diskussionsverweigerung eines totalit\u00e4ren Regimes.<\/p>\n<p>Freisler bleibt auch f\u00fcr den Rest der Inszenierung st\u00e4ndig pr\u00e4sent, aber seine Pr\u00e4senz verliert dann leider doch rasch an Intensit\u00e4t. Er wirkt eher wie ein spielverderberischer D\u00e4mon, der die traurigen Reminiszenzen der Geschwister mit allerlei Alfanzereien zu sabotieren versucht. An einigen Stellen bekommt man eher den Eindruck, Eisenberg wollte eine Art umgedrehtes <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B000AXSKB8?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=B000AXSKB8\">H\u00e4nsel und Gretel<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=B000AXSKB8\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/>abliefern, etwa wenn sie die Scholls und Freisler miteinander Fangen spielen l\u00e4sst &#8230;<\/p>\n<p>Dass dieser Freisler auch etwas Comic-haftes hat (und manchmal ein bi\u00dfchen wie der Joker aus <em>Batman<\/em> r\u00fcberkommt), und die beiden Scholls in Kost\u00fcm und Gestik ein wenig an pfadfindernde Teenager erinnern, die sich aus einem TKKG-Roman verirrt haben, mag dem Versuch geschuldet sein, das St\u00fcck als Jugendoper zu formatieren. Aber wenn etwas dadurch dokumentiert wird, dann eher die Schwierigkeit, Zimmermanns Oper zu etwas Verallgemeinerbarem zu machen. Ob die Oper \u00fcberhaupt als Jugendoper funktionieren kann, zumindest wenn man sich darunter ein irgendwie didaktisch oder p\u00e4dagogisch gemeintes Medium vorstellt, bleibt in der K\u00f6lner Auff\u00fchrung unbeantwortet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Udo Zimmermanns Oper Wei\u00dfe Rose ist ein problematisches Werk. Das gilt vor allem f\u00fcr die Neufassung von 1986, die vor einigen Tagen von der Jungen Kammeroper K\u00f6ln neu aufgef\u00fchrt wurde.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-890","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/890","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=890"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/890\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":893,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/890\/revisions\/893"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=890"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=890"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=890"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}