{"id":894,"date":"2009-10-20T12:40:05","date_gmt":"2009-10-20T09:40:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=894"},"modified":"2009-10-27T19:35:24","modified_gmt":"2009-10-27T16:35:24","slug":"vom-rauschen-dass-der-teufel-lasst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2009\/10\/20\/vom-rauschen-dass-der-teufel-lasst\/","title":{"rendered":"Vom Rauschen, das der Teufel l\u00e4sst"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2674\/4023565029_71d679c65c.jpg\" alt=\"Wach sind nur die Geister\" \/><\/p>\n<p>Eine Ausstellung mit dem sch\u00f6nen Titel <a href=\"http:\/\/www.hmkv.de\/dyn\/d_programm_ausstellungen\/detail.php?nr=3685\">Wach sind nur die Geister<\/a> ist k\u00fcrzlich in Dortmund zu Ende gegangen, und ich hatte die Gelegenheit, noch einen Tag des letzten Wochenendes zu erwischen. (Wer jetzt noch hin will, muss etwas warten und einen l\u00e4ngeren Weg auf sich nehmen, n\u00e4mlich ins polnische Torun, wo die Ausstellung im n\u00e4chsten Jahr zu sehen sein soll.)<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2579\/4023654523_a00c318a6e.jpg\" alt=\"Ph\u00f6nixhalle Dortmund\" \/><\/p>\n<p>Die Geister, die da im Titel gerufen wurden \u2013 (ein Alexander-Kluge-Zitat, glaube ich) \u2013 die konnte man schon bei der Anfahrt ahnen: Gibt es einen angemesseneren Ort f\u00fcr eine Ausstellung \u00fcber die Hartn\u00e4ckigkeit des Irrationalen im Zeitalter neuer Medien und Technologien als ein halbverwaistes Industriegel\u00e4nde? Der alte Hochofen von Ph\u00f6nix-West w\u00e4re eine gute Kulisse f\u00fcr jeden Mad-Max- oder Waterworld-Verschnitt. Rostige Bauteile quietschen und knarren im Herbstwind, als wollten sie Kontakt aufnehmen wie die toten Seelen bei einer spiritistischen Sitzung. Zugleich machen die Baustellen, Schautafeln und \u201eRuhr.2010\u201c-Transparente Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die aber nat\u00fcrlich, weil sie irgendwie aus der Vorgeschichte dieses Ortes abgeleitet werden muss, von dieser Vergangenheit nicht wirklich loskommt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2606\/4023408449_0969704154.jpg\" alt=\"Ph\u00f6nix-West\" \/><\/p>\n<p>Das Ph\u00f6nix-West-Areal in Dortmund ist ein urbaner Raum in der Warteschleife, aber immerhin schon mit <a href=\"http:\/\/www.phoenixdortmund.de\/de\/home\/\">einer eigenen Website<\/a>: \u201eGestern noch eine verbotene Stadt f\u00fcr die Stahlindustrie\u201c, morgen vielleicht \u201eeiner der gr\u00f6\u00dften Innovationsstandorte in Deutschland\u201c mit allem, was so dazugeh\u00f6rt, einschlie\u00dflich \u201eWohnen im Gr\u00fcnen\u201c. Die Ausstellung selbst fand in der Ph\u00f6nix-Halle statt, dem ausgeweideten Rumpf eines Fabrik- oder Lager-Geb\u00e4udes. Hinter den Ausstellungsw\u00e4nden sieht man noch deutlich den br\u00f6ckelnden Putz, die rostigen Stahltr\u00e4ger und die staubverblindeten Fensterscheiben des alten Geb\u00e4udes. Mitten im Raum h\u00e4ngt ein gro\u00dfer Haken, als wollte man damit irgend etwas auspendeln. Hier sollte es also darum gehen, warum wir auch in der Moderne vom \u00dcbersinnlichen nicht lassen wollen und &#8222;trotz unserer Aufgekl\u00e4rtheit in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden den jeweils neuen Medien und Technologien irrationale F\u00e4higkeiten\u201c zu schreiben, wie es in der Ausstellungsbrosch\u00fcre hie\u00df.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr hatte man sich eine Art Schutzpatron gesucht: Friedrich J\u00fcrgenson, ein schwedischer Renaissancemensch (im englischen Sinn dieser Redensart), Arch\u00e4ologe, Maler, Operns\u00e4nger, und \u201eEntdecker\u201c der \u201eTonbandstimmen\u201c. So bezeichnete er akustische Ph\u00e4nomene, die er auf Tonb\u00e4ndern vorfand, als Signale von Verstorbenen zu identifizieren glaubte und durch gezielte Aufnahme- und Abh\u00f6rtechniken systematisieren wollte. Ich hatte von ihm vorher noch nie geh\u00f6rt, wohl aber von <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Konstantin_Raudive\">Konstantin Raudive<\/a>, einem ehemaligen Assistent C.G. Jungs, der (wohl von J\u00fcrgenson inspiriert) ebenfalls zu diesem Thema forschte und vor Jahren mal <a href=\"http:\/\/www.subrosa.net\/online\/main_dr_catalogue_soundworks_detail.php?AlbumID=45\">Thema eines Musikprojekts<\/a> war. (Und ich hatte mir einige Tracks davon extra vor dem Besuch auf der Ausstellung noch mal auf den iPod geladen.)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2554\/4024356108_cbae2c17b3.jpg\" alt=\"Friedrich J\u00fcrgenson\" \/><br \/>\n<font size=1>Friedrich J\u00fcrgenson, <em>Audioscopic Research Archive 1959 &#8211; 1987<\/em><\/font><\/p>\n<p>J\u00fcrgenson war schon im Eingangsbereich der Ausstellung pr\u00e4sent: Da befand sich ein Regal mit Tonb\u00e4ndern, Notizheften und Aufnahmeger\u00e4ten aus seinem Besitz. (Erinnerte mich ein bisschen an die aufgebahrten Zettelk\u00e4sten der <a href=\"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=478\">Arno-Schmidt-Ausstellung in Marbach<\/a>.) Insgesamt schlug die Ausstellung allerdings einen weiteren Bogen: Die vorhandenen Kunstwerke und Dokumente nahmen auch auf andere irrationale, \u00fcbersinnliche oder jenseitige Ph\u00e4nomene Bezug, und das oft auch auf durchaus ironische und respektlose Weise (was in der weihevollen Diktion des Ausstellungsf\u00fchrers gelegentlich etwas verloren ging): Zum Beispiel der Beitrag der Br\u00fcder Ajemian, die die Idee des Backmaskings w\u00f6rtlich nahmen, das St\u00fcck \u201eInto The Void\u201c von Black Sabbath r\u00fcckw\u00e4rts transkribierten und in dieser Version von einem Kammerorchester in einer Kirche auff\u00fchren lie\u00dfen. Selbst das spiritistische Aufnahmestudio <a href=\"http:\/\/www.cmvonhausswolff.net\/\">C.M. von Hausswolffs<\/a> (der im \u00fcbrigen Pr\u00e4sident einer <a href=\"http:\/\/www.fargfabriken.se\/fjf\/\">J\u00fcrgenson Foundation<\/a> ist), in dem Radar, Sonar, Oszillograph und \u00dcberwachungskameras das Tonbandger\u00e4t abgel\u00f6st haben, wirkte wie ein ironischer Kommentar auf den Versuch, das \u00dcbersinnliche gleichzeitig mit modernsten Methoden kartographieren und trotzdem als \u00dcbersinnliches\/Jenseitiges behaupten zu wollen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2626\/4023595671_14d26ab14e.jpg\" alt=\"C.M. von Hausswolff\" \/><br \/>\n<font size=1>C.M. von Hausswolff, <em>The Complete Operations of Spirit Communications II<\/em> (detail)<\/font><\/p>\n<p>Und es ist ja auch kurios, dass die diversen \u201eGeistwesen\u201c tats\u00e4chlich so anpassungsf\u00e4hig und aufgeschlossen sind, jedes technologische Update mitzumachen und sich dort in irgendeiner Form zu manifestieren. (Ich w\u00fcrde mich nicht wundern, wenn es schon eine iPhone-App gibt, mit der man SMS aus dem Jenseits tracken oder auf einer Google Map plotten kann &#8211; eine Applikation, mit der man Phantom-St\u00e4dte sichtbar machen kann, gibt es immerhin schon &#8230;) Andererseits: So akribisch der Versuchsaufbau auch d\u00fcrchgef\u00fchrt wird, nie gelingt es, die T\u00fcr ins Jenseits mehr als nur einen Spalt aufzusto\u00dfen und den Geistern mehr als nur aphoristische Sentenzen abzuringen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2652\/4024305166_d62f18b937.jpg\" alt=\"Lucas &#038; Jason Ajemian\" \/><br \/>\n<font size=1>Lucas &#038; Jason Ajemian, <em>From Beyond<\/em> (detail)<\/font><\/p>\n<p>Es ist eine sonderbare Paradoxie, in der sich der Geisterforscher befindet: Einerseits versucht er das Unerkl\u00e4rliche erkl\u00e4rbar zu machen, dem Jenseits sein Jenseitiges wenigstens ein St\u00fcck weit zu nehmen. Andererseits darf die Distanz zwischen dieser und der anderen Welt auch nicht v\u00f6llig zusammenbrechen, sonst w\u00e4re die Geisterwelt ja einfach nur eine Fortsetzung des Allt\u00e4glichen. Das Unperfekte der Geisteraufnahmen &#8211; die \u201eschlechte\u201c Qualit\u00e4t der Akustik, die Unsch\u00e4rfe der Videobilder \u2013 sind gewisserma\u00dfen der Beleg daf\u00fcr, dass es trotzdem noch eine Demarkationslinie gibt, die allenfalls durchl\u00e4ssig gemacht, aber nicht \u00fcberschritten werden kann.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2702\/4023529193_f6c5a4170c.jpg\" alt=\"Sam Ashley\" \/><br \/>\n<font size=1>Sam Ashley, <em>Ghost Detector<\/em> (detail)<\/font><\/p>\n<p>Was J\u00fcrgenson und Raudive interessant macht, ist weniger Ihre Neugier auf das Jenseitige und \u00dcbersinnlichen, sondern die besondere Rolle, die gerade die Auseinandersetzung mit Technologie und ihren M\u00f6glichkeiten dabei spielt. Es ist eine besondere Spielart von Ingenieursoptimismus in dieser akribischen Auseinandersetzung mit Aufnahme-, Filter-, R\u00fcckkopplungsmechanismen wiederfindet, in der Hoffnung, so aus dem Chaotischen und Zuf\u00e4lligen von Ger\u00e4uschen die entscheidenden Momente herauszupr\u00e4parieren, wie ein Arch\u00e4ologe aus einem Steinhaufen einen Tempel erstehen l\u00e4sst. Es ist kein Zufall, dass es dabei Parallelen gibt zu einigen Arbeitsweisen moderner Musik, bei Aposteln des Glitch wie Pan Sonic oder Oval, die den technischen Fehler zum \u00e4sthetischen Prinzip machen, oder bei Noise oder Improv, wo die Kakophonie oder der L\u00e4rm zur Leinwand werden, auf der sich Klang und Ger\u00e4usch in ihren eigentlichsten Formen ausbreiten sollen.<\/p>\n<p>Zuf\u00e4lligerweise hatte ich auf der Fahrt zur Ausstellung ein Buch von Dominic Fox dabei, <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/1846942179?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=1846942179\">Cold World<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=1846942179\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><br \/>\n. Darin geht es eigentlich um ein anderes Thema &#8211; das politische Potential von Melancholie und Dysphorie \u2013 aber eine Passage fand ich in diesem Kontext nicht uninteressant. Fox schildert darin die Klang\u00e4sthetik norwegischer Black Metal Bands, den \u201eausgezehrten Necro-Sound\u201d, \u201coriginally an artefact of the limited means of production and distribution available [but soon] established as a token of authenticity\u201d. Authentizit\u00e4t entsteht demnach durch das Ausloten des Unperfekten und Diffusen, des Rauschens, Klickens und Zischens, das der Teufel bei aller Perfektionierung des Sounds doch immer wieder auf Magnetb\u00e4ndern, Compact-Discs oder Festplatten hinterlassen kann. Dazu die Texte, deren Botschaften von gurgelnden und kreischenden Stimmen fast unkenntlich gemacht werden, aber trotzdem Botschaften sein wollen.<\/p>\n<p>Nicht minder interessant ist die Frage, warum dieser Spalt zur anderen Welt trotzdem immer wieder ge\u00f6ffnet werden muss, und ob das Licht, das aus ihm herausf\u00e4llt, nicht mehr \u00fcber unsere Wirklichkeit aussagt als \u00fcber das, was man jenseits finden k\u00f6nnte. Tim Heckers Installation \u201eRadio Havana \/ Radio Marti\u201c zum Beispiel \u00fcberlagerte das Programm eines staatlichen kubanischen Senders mit dem einer Anti-Castro-Station in den USA. Ein ganz reales Stimmengewirr, das in seinem Chaos aus Pop, Propaganda und Polemik Geister und Mythen zum Vorschein bringt, die von ganz anderer Qualit\u00e4t sind als das, was Spiritisten in der Regel so finden.<\/p>\n<blockquote><p>Was ist ein Gespenst? Ein toter Mensch, der nicht angemessen betrauert wurde, der uns nachgeht und besch\u00e4ftigt, der sich weigert, auf die \u201aandere Seite\u2019 zu gehen, dorthin, wo die teuren Verblichenen einen f\u00fcr uns ausreichenden Abstand halten, damit wir unser eigenes Leben leben k\u00f6nnen, ohne sie zu vergessen, aber auch ohne ihren Tod zu sterben \u2013 ohne in der Wiederholung ihrer letzten Momente gefangen zu sein<\/p>\n<p>&#8211; Quentin Meillassoux<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Ausstellung mit dem sch\u00f6nen Titel Wach sind nur die Geister ist k\u00fcrzlich in Dortmund zu Ende gegangen, und ich hatte die Gelegenheit, noch einen Tag des letzten Wochenendes zu erwischen. 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