{"id":897,"date":"2009-10-15T17:35:59","date_gmt":"2009-10-15T14:35:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=897"},"modified":"2009-10-15T17:35:59","modified_gmt":"2009-10-15T14:35:59","slug":"eine-geschichte-zweier-stadte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2009\/10\/15\/eine-geschichte-zweier-stadte\/","title":{"rendered":"Eine Geschichte zweier St\u00e4dte"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3518\/4013598441_6ff2e7ca44_o.jpg\" alt=\"China Mi\u00e9ville, The City &#038; The City\" \/><\/p>\n<p>Was macht eine Stadt zur Stadt? Wie wird aus einer Ansammlung von H\u00e4usern, Stra\u00dfen und Menschen eine geographische Einheit, ein Objekt der Identifikation, ein Bezugspunkt f\u00fcr patriotische und heimatliche Gef\u00fchle? <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/0230741916?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=0230741916\">The City &#038; The City<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=0230741916\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> von <a href=\"http:\/\/www.panmacmillan.com\/authors%20Illustrators\/displayPage.asp?PageTitle=Individual%20Contributor&#038;ContributorID=69950\">China Mi\u00e9ville<\/a> ist ein brillianter dystopischer Kriminalroman, ein eleganter Mix aus <em>hard-boiled<\/em> und <em>police procedural<\/em>. <em>Police procedural<\/em> ist das Sub-Genre, dessen Name im Deutschen oft unscharf als \u201ePolizei-Krimi\u201c wiedergegeben wird. Das \u201eProzedurale\u201c, das detaillierte Aufdr\u00f6seln der Ermittlungsvorg\u00e4nge, in denen Wahrheit freigelegt und konstruiert wird, ist aber mindestens ebenso wichtig wie das Milieu, in dem sie stattfinden, und verschr\u00e4nkt das Genre mit dem phantastischen Realismus eines Kafka oder Borges, wo b\u00fcrokratische, literarische oder philosophische Strukturen bis in ihre absurdesten Ver\u00e4stelungen forciert werden. In Mi\u00e9villes Roman setzt ein polizeiliches Ermittlungsverfahren zugleich Prozesse in Gang, die ein komplexes politisches Gebilde in Einsturzgefahr bringen.<!--more--><\/p>\n<p>Ausl\u00f6ser der Geschichte ist ein Mord: In einem heruntergekommenen Vorort einer fiktiven osteurop\u00e4ischen Stadt wird die Leiche einer Frau gefunden. Ein Routinefall, scheint es, aber schon bei der Feststellung der Identit\u00e4t des Opfers verstrickt sich der ermittelnde Inspektor Tyador Borl\u00fa in das sonderbare politische Geflecht seines Umfelds. Denn Bes&#378;el, seine Stadt, hat einen Nachbarn, Ul Qoma, und beide Metropolen sind auf komplexe und prek\u00e4re Art und Weise miteinander verbunden: Ein gro\u00dfer Teil ihres Territoriums liegt weder eindeutig in der einen noch in der anderen Stadt. <em>Crosshatched<\/em> (w\u00f6rtlich: kreuzschraffiert) nennen sich diese Zonen \u00fcberlappender Souver\u00e4nit\u00e4t, in denen Bes&#378;el und Ul Qoma weniger neben- als eher durcheinander existieren.<\/p>\n<p>Eine Gemengelage,die zahlreiche diplomatische, politische und juristische Probleme mit sich bringt, zumal beide St\u00e4dte in einem etwas angespannten Verh\u00e4ltnis zu einander stehen: Einerseits das relativ pluralistische, aber etwas heruntergekommene Bes&#378;el, auf der anderen Seite Ul Qoma, eine Art China im Kleinen, mit einer deutlich strikteren politischen Struktur, daf\u00fcr befl\u00fcgelt durch einen wirtschaftlichen und technologischen Boom. Um die diffizile Situation im Gleichgewicht zu halten, haben die St\u00e4dte und ihre Bewohner einen ebenso bizarren wie raffinierten <em>modus vivendi<\/em> entwickelt, der ihrem Alltag eine weitgehende Normalit\u00e4t und Funktionsf\u00e4higkeit erm\u00f6glicht: Sie ignorieren sich gegenseitig. Das muss man ganz w\u00f6rtlich nehmen: Wer als Einwohner Bes&#378;els in einer kreuzschraffierten Zone unterwegs ist, in der sich auch Ul Qomanis aufhalten, wird geflissentlich versuchen, sie, ihre H\u00e4user, ihre Autos zu \u00fcbersehen bzw. gar nicht erst bewusst wahrzunehmen. Dieses gegenseitige <em>Unseeing<\/em> und <em>Unsensing<\/em> haben die Menschen beider St\u00e4dte zu einiger Perfektion entwickelt (und sie verlangen es auch von den wenigen Ausl\u00e4ndern, die als Touristen, Gastarbeiter oder Gesch\u00e4ftsleute in die Stadt gelassen werden): Die Identifikation mit der eigenen Stadt ist somit weniger eine territoriale, sondern eine psychologische Funktion, ein halb-bewusster, halb-unbewusster Vorgang, der jeden Tag aufs Neue gelebt werden muss.<\/p>\n<blockquote><p>The early years of a Bes&#378; (and presumably an Ul Qoman) child are intense learnings of cues. We pick up styles of clothing, permissible colours, ways of walking and holding oneself, very fast. Before we were eight or so most of us could be trusted not to breach embarassingly and illegally, though licence of course is granted children every moment they are in the street.<\/p><\/blockquote>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3643\/3622113352_cb81c2f0b7.jpg\" alt=\"L\u00fcttich\" \/><br \/>\n<font size=1><em>Alterity<\/em> in L\u00fcttich. <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/clausmoser\/3621300505\/\">Quelle<\/a>.<\/font><\/p>\n<p>Das System scheint im Alltag einigerma\u00dfen gut zu funktionieren, die uneinheitliche Bebauung einer Stra\u00dfe wird zum Beispiel nur vage als <em>alterity<\/em> registriert, ohne weiter wahrgenommen zu werden. Aber nat\u00fcrlich f\u00fchrt es auch zu einigen skurrilen Situationen, etwa wenn die Polizei der einen Stadt durch eine Stra\u00dfe rast, die in der anderen eine Fu\u00dfg\u00e4ngerzone ist. Oder wenn in einer Seitengasse ein vertrauliches Verh\u00f6r durchgef\u00fchrt wird, w\u00e4hrend rings um die Protagonisten als schattenhafte Umrisse das rege Treiben einer Gesch\u00e4ftsviertels tobt:<\/p>\n<blockquote><p>In Bes&#378;el the area was pretty unpeopled, but not elsewhere across the border, and I had to unseeing dodge many smart young businessmen and -women. Their voices were muted to me, random noise. That aural fade comes from years of Bes&#378; care. When I reached the tar-painted front where Corwi waited with an unhappy-looking man, we stood together in a near-deserted part of Bes&#378;el city, surrounded by a busy unheard throng.<\/p><\/blockquote>\n<p>Es ist nicht schwer, diese seltsame(n) Doppelkommune(n) als Metaphern f\u00fcr real existierende politische Situationen zu deuten: Von den komplexen ethnischen und nationalen Abgrenzungen im Balkan \u00fcber das prek\u00e4re Nebeneinander <a href=\"http:\/\/strangemaps.wordpress.com\/2009\/03\/30\/270-palestines-island-paradise-now-with-a-word-from-its-creator\/\">Israels und Pal\u00e4stinas<\/a> zu fast nur noch touristisch relevanten Ph\u00e4nomenen wie der kuriosen belgisch-niederl\u00e4ndischen Doppelstadt <a href=\"http:\/\/bldgblog.blogspot.com\/2008\/07\/baarle-hertog.html\">Baarle<\/a> (wo sich aus Kriminalf\u00e4lle aber durchaus noch interessante Zwickm\u00fchlen der Zust\u00e4ndigkeit ergeben, die denen von Beszel und Ul Qoma <a href=\"http:\/\/www.24oranges.nl\/2008\/02\/26\/murder-on-the-border\/\">nicht un\u00e4hnlich sind<\/a>). Und nat\u00fcrlich ist die allt\u00e4gliche Praxis der Einwohner von Bes&#378;el und Ul Qoma nicht so weit entfernt von der Art und Weise, wie viele St\u00e4dter heutzutage die wachsende Komplexit\u00e4t ihres Umfelds erfahren: Als heterogenes Patchwork unterschiedlicher Entwicklungsgeschwindigkeiten, sozialer, politischer und kultureller Ausdifferenzierungen, als Gleichzeitigkeit von Dynamik, Stasis und Verfall. Das t\u00e4glich <em>Unseeing<\/em> von Menschen, Vierteln oder Strukturen der eigenen Stadt ist ja gar kein so absurder Vorgang. Offizielle und private Grenzziehungen \u00fcberlagern sich und stehen bisweilen sogar im Widerspruch zu einander: Vor einigen Monaten lie\u00dfen britische Wissenschaftler von Schulkindern Landkarten ihres Schulwegs anfertigen und entdeckten dabei eine geheime Topographie aus beanspruchten, neutralen und umk\u00e4mpften Zonen. In den Augen der Kinder waren \u00f6ffentliche Pl\u00e4tze und Stra\u00dfen nichts allgemein Zug\u00e4ngliches, sondern repr\u00e4sentierten entweder \u201eBesitzt\u00fcmer\u201c der eigenen Banden und Cliquen oder No-Go-Areas, in denen rivalisierende Gruppen ihre Anspr\u00fcche durchsetzten und Grenz\u00fcberschreitungen gef\u00e4hrlich werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2646\/4014363284_9cef21f9c9.jpg\" alt=\"Baarle-Hertog\" \/><br \/>\n<font size=1>Wohnh\u00e4user und Grenzen in Baarle. (<a href=\"http:\/\/enclaves.webs.com\/westerneurope.htm\">Quelle.)<\/a><\/font><\/p>\n<p>In Bes&#378;el und Ul Qoma sind Grenz\u00fcberschreitungen eine existentielle Bedrohung, weil sie das Selbstverst\u00e4ndnis beider St\u00e4dte aus dem Gleichgewicht bringen k\u00f6nnten. Eine eigenartige Organisation sorgt deshalb daf\u00fcr, dass das System wechselseitigen Aus-dem-Weg-Gehens in Gang bleibt. Sie hei\u00dft wie das Delikt, das sie sanktionieren soll: <em>The Breach<\/em>. Die Unklarheit ihrer politischen und juristischen Legitimation ist eines der Geheimnisse, das den Plot des Romans in Gang h\u00e4lt, aber es gibt keinen Zweifel, dass sie ihr Ressort mit umfassenden Kompetenzen verwalten kann:<\/p>\n<blockquote><p>The powers of Breach were always wrathful and as Old Testament as they had the powers and right to be. That terrible presence might appear and disappear a unificationist for even a somatic breach, a startled jump at a misfiring Ul Qoma car.<\/p><\/blockquote>\n<p><em>Breach<\/em> ist ein Delikt, dem keine Absicht zu Grund liegen muss \u2013 es kann einem ebenso gut einfach zusto\u00dfen, etwa wenn man \u00fcber den Knall eines Autos erschrickt, dass sich in der Stadt befindet, die man eigentlich nicht wahrnehmen darf. F\u00fcr die Notwendigkeit eines Einschreitens von <em>Breach<\/em> (der Organisation) macht das keinen Unterschied, und in keiner der beiden St\u00e4dte gibt es eine echte M\u00f6glichkeit, dagegen Berufung einzulegen. Es ist ein Delikt, in dem der Zufall eine schicksalshafte Dimension bekommt, so wie \u00d6dipus auch keine reelle Chance hat, den Mord und den Inzest zu vermeiden, der ihm vom Orakel prophezeit ist, auch wenn die Umst\u00e4nde, die dazu f\u00fchren, von Zuf\u00e4lligkeiten umstellt sind. Und wie die Erinnyen muss <em>Breach<\/em> bei einem Versto\u00df unweigerlich aktiv werden und daf\u00fcr sorgen, dass das Delikt m\u00f6glichst r\u00fcckstandslos getilgt wird. Aber da die Macht von <em>Breach<\/em> unaufl\u00f6slich an die Verfolgung dieses Delikts gekn\u00fcpft ist (was logischerweise impliziert, den Alltag fortw\u00e4hrend beobachten zu m\u00fcssen, aber nur unter diesem einen Aspekt auswerten zu k\u00f6nnen), gilt f\u00fcr sie etwas Paradoxes: Die Macht ist unbegrenzt, aber eingeschr\u00e4nkt &#8211; und selbst wiederum abh\u00e4ngig von einem System von \u201earcane checks and balances\u201c, die zwischen <em>Breach<\/em>, Bes&#378;el und Ul Qoma eingerichtet sind.<\/p>\n<blockquote><p>The powers of the Breach are almost limitless. Frightening. What does limit Breach is solely that those powers are highly circumstantially specific. The insistence that these circumstances be rigorously policed is a necessary precaution for the cities.<\/p><\/blockquote>\n<p>Unausweichlichkeit und Bedingtheit der Macht von <em>Breach<\/em> haben f\u00fcr den ermittelnden Inspektor Borl\u00fa ganz praktische und vertrackte Konsequenzen: Einerseits darf er Indizien, die ihm aus der Nachbarstadt mitgeteilt werden, aber eindeutig auf unzul\u00e4ssigen Wahrnehmungen beruhen, nicht , ohne selbst zum Breacher zu werden.<\/p>\n<blockquote><p>My informant should not have seen the posters. They were not in his country. He should never have told me. He made me accessory.<\/p><\/blockquote>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm1.static.flickr.com\/219\/460032124_0843f86cf3_m_d.jpg\" alt=\"Ciudad Bol\u00edvar\" \/><br \/>\n<font size=1>Kampf der Poster an einer Wand in Venezuela. <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/nicholaslaughlin\/460032124\/\">Quelle<\/a>.)<\/font><\/p>\n<p>Andererseits gibt es auch keine M\u00f6glichkeit, <em>Breach<\/em> in Ermittlungen einzubinden, selbst wenn ein Fall grenz\u00fcberschreitende Ausma\u00dfe annimmt: Wenn dabei die \u201ehochspezifischen Umst\u00e4nde\u201c eines <em>Breachs<\/em> nicht ber\u00fchrt werden, gibt es f\u00fcr diese Organisation auch keinen Grund einzuschreiten. Denn bei aller Differenz gibt es l\u00e4ngst legitimierte Durchl\u00e4ssigkeiten und Interaktionen zwischen Bes&#378;el und Ul Qoma. Mehr noch: Der Roman spielt zu einer Zeit, wo sich beide St\u00e4dte gerade in einem Klima der Entspannung befinden \u2013 schlie\u00dflich l\u00e4sst der Druck der Globalisierung auch so ein merkw\u00fcrdiges Staatengebilde nicht unber\u00fchrt. Das hindert die verantwortlichen Politiker und Beh\u00f6rden nicht daran, das prek\u00e4re Nebeneinander funktionsf\u00e4hig und am Leben zu halten. Die Schilderung der b\u00fcrokratischen und diplomatischen Mechanismen, die daf\u00fcr sorgen sollen, und die elegante Verflechtung mit dem kriminalistischen Plot geh\u00f6ren zu den St\u00e4rken dieses Buchs. Mi\u00e9ville hat \u2013 neben den Fantasy-Romanen, die ihn ber\u00fchmt gemacht haben \u2013 eine <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/1931859337?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=1931859337\">Dissertation zum internationalen Recht aus marxistischer Perspektive<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=1931859337\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> geschrieben, und man merkt dem Roman an, welchen Spass es gemacht haben muss, sich ein solches Staatengebilde mit allen juristischen und diplomatischen Implikationen auszumalen.<\/p>\n<p>Und dann soll es ja noch eine dritte Stadt geben, Orciny, ein merkw\u00fcrdiges Gebilde, das wie eine hartn\u00e4ckige Verschw\u00f6rungstheorie in den K\u00f6pfen einiger Protagonisten herumspukt und dessen Existenz oder Nicht-Existenz zu einer der Schl\u00fcsselfragen des Buches wird.<\/p>\n<blockquote><p>Orciny&#8217;s the third city. It&#8217;s between the other two. It&#8217;s in the dissensi, disputed zones, places that Bes&#378;el thinks are Ul Qoma&#8217;s and Ul Qoma Bes&#378;el&#8217;s. When the old commune split, it didn\u2019t split into two, it split into three. Orciny&#8217;s the secret city. It runs things.<\/p><\/blockquote>\n<p>In keiner der beiden St\u00e4dte wird dieser Mythos besonders gerne gesehen. Eine Erfindung von Dichtern und Troubadouren, hei\u00dft es, aber eine Erfindung wozu? Als Metapher oder als Konkurrenz f\u00fcr <em>Breach<\/em>? Als <em>Tertium datur<\/em>, als m\u00e4rchenhafter dritter Weg zwischen den Inkompatibilit\u00e4ten der beiden realen St\u00e4dte? Gab es \u00fcberhaupt eine \u201calte Kommune\u201d, einen gemeinsamen Ur-Kern, aus dem die St\u00e4dte entstanden? Ist das Nebeneinander von Bes&#378;el oder Ul Qoma Resultat einer Spaltung oder einer Verschwisterung? Die Gr\u00fcndungsmythen beider St\u00e4dte enthalten mehr dunkle Flecken als Gewissheiten, sie sind so unsichtbar und schattenhaft, wie man die Passanten und Ger\u00e4usche der jeweiligen Nachbarstadt t\u00e4glich machen muss.<\/p>\n<blockquote><p>If split there was. That beginning was a shadow in history, an unkown &#8211; records effaced and vanished for a century either side. Anything could have happened. All we know is nomads on the steppes, then those black box centuries of urban instigation &#8211; certain events, and there have been films and stories and games based on speculation (all making the censor at least a little twitchy) about that dual birth &#8211; then history comes back and there are Bes&#378;el and Ul Qoma. Was it a schism or conjoining?<\/p><\/blockquote>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3482\/3978818850_fbfddd4294.jpg\" alt=\"Li\u00e8ge Guillemins\" \/><br \/>\n<font size=1>Noch mehr <em>Alterity<\/em> in L\u00fcttich. (Siehe auch <a href=\"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=818\">hier<\/a>.)<\/font><\/p>\n<p>Diese Unklarheit k\u00f6nnte freilich gerade auch einer der stabilisierenden Faktoren dieses Staatengebildes sein: Das Vakuum, in dem ideologische Spekulationen und Behauptungen ungehindert vorangetrieben werden k\u00f6nnen. Die praktische Umsetzung der staatstragenden Ideologien scheint es vorauszusetzen, dass die Gr\u00fcnde ihrer Entstehung undurchsichtig werden.<\/p>\n<p>In den Fokus der Ermittlungen ger\u00e4t eine arch\u00e4ologische Ausgrabungsst\u00e4tte in Ul Qoma, in der merkw\u00fcrdige Dinge zu Tage gef\u00f6rdert werden, die aber fast nur von ausl\u00e4ndischen Arch\u00e4ologen bearbeitet wird. Die wenigen einheimischen Teilnehmer scheinen sich mehr in einer Art Kontrollfunktion zu sehen, als gelte es, darauf zu achten, dass nur Artefakte zu Tage gef\u00f6rdert werden und nichts weiter. Ein amerikanischer Arch\u00e4ologe wird zu einer Schl\u00fcsselfigur: Er hatte die Existenz Orcinys einmal behauptet, hat das aber mittlerweile widerrufen. Vielleicht wei\u00df er aber einfach mehr, als er zugibt?<\/p>\n<p>Die Wahrheiten und Mythen, die im Zuge des Romans enth\u00fcllt, ent- und verworfen werden, sind, so gesehen, auch Metaphern f\u00fcr den Prozess des Schreibens und Lesens selbst. Mit gro\u00dfem Geschick dosiert Mi\u00e9ville die Enth\u00fcllungen und Erl\u00e4uterungen, aber auch die L\u00fccken, die unklaren und nicht aufgehen wollenden Reste seiner Geschichte. Man k\u00f6nnte einige Dialoge zu konstruiert, einige Figuren zu klischeehaft empfinden. Aber diese Konstruiertheit und Klischeehaftigkeit sind m\u00f6glicherweise auch bewusst eingesetzte Stilmittel, um falsche F\u00e4hrten auszulegen oder Absurdit\u00e4ten um so deutlicher sichtbar zu machen. Um das noch weiter auszuf\u00fchren, m\u00fc\u00dfte man zu einigen Spoilern greifen, und damit t\u00e4te man einem Roman unrecht, in dem \u2013 so viel sei verraten \u2013 nicht jedes R\u00e4tsel eine L\u00f6sung findet, oder besser gesagt: Nicht jede L\u00f6sung ein R\u00e4tsel abschlie\u00dft. In einem der letzten S\u00e4tze des Romans hei\u00dft es: &#8222;We are all philosophers here where I am.&#8220; Das ist, \u00fcber den Kontext der Erz\u00e4hlung hinaus, vielleicht auch ein ad\u00e4quates Fazit f\u00fcr ein Buchs, in dem es darum geht, wie wir den Ort, an dem wir uns befinden, und die Objekte und Ph\u00e4nomene um ihn herum organisieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was macht eine Stadt zur Stadt? Wie wird aus einer Ansammlung von H\u00e4usern, Stra\u00dfen und Menschen eine geographische Einheit, ein Objekt der Identifikation, ein Bezugspunkt f\u00fcr patriotische und heimatliche Gef\u00fchle? The City &#038; The City von China Mi\u00e9ville ist ein brillianter dystopischer Kriminalroman, ein eleganter Mix aus hard-boiled und police procedural. Police procedural ist das [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-897","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/897","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=897"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/897\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1043,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/897\/revisions\/1043"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=897"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=897"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=897"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}