{"id":928,"date":"2009-05-14T19:52:33","date_gmt":"2009-05-14T16:52:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=928"},"modified":"2009-05-14T19:52:33","modified_gmt":"2009-05-14T16:52:33","slug":"no-sensations","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2009\/05\/14\/no-sensations\/","title":{"rendered":"No Sensations"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3339\/3515441260_d114ee544c.jpg\" alt=\"IMG\" \/><\/p>\n<p>Sonic Youth als museales Objekt: Bis vergangenen Sonntag war die Ausstellung <a href=\"http:\/\/www.kunsthalle-duesseldorf.de\/d\/ausstellung\/rueckschau\/2009\/01\/index.html\">Sensational Fix<\/a> in D\u00fcsseldorf. Ich habe grade noch den letzten Tag erwischt, und um es gleich zu sagen: Es hat sich auch nicht wirklich gelohnt. Nicht, weil die Ausstellung besonders mi\u00dfraten w\u00e4re. Sondern einfach nur deshalb, weil sie merkw\u00fcrdig beliebig und gleichg\u00fcltig gegen\u00fcber dem wirkte, was sie zu zeigen vorgab, n\u00e4mlich den Crossover von Popkultur, Punk und Avant-\u00c4sthetik, den Sonic Youth seit mehr als zwanzig Jahren repr\u00e4sentieren.<!--more--><\/p>\n<p>Ich muss allerdings gestehen, dass ich auch ein bisschen voreingenommen war. Just in den Tagen vor dem Ausstellungsende f\u00fchrten ein paar englische Blogs (<em>cum grano salis<\/em> aus dem Umfeld der Zeitschrift <a href=\"http:\/\/www.thewire.co.uk\">The Wire<\/a> eine heftige Debatte \u00fcber Sonic Youth. Darin ging es weniger um die Musik, sondern mehr um die besondere Funktion der Band als semi-offizielle Repr\u00e4sentanten der amerikanischen Alternativ-Kultur, als die Band, die \u2013 zumindest in der g\u00e4ngigen Interpretation \u2013 den Br\u00fcckenschlag zwischen Feuilleton, Street Cred und Starbucks hinbekommt.<\/p>\n<p>Ist Sonic Youth also eine &#8222;Portal&#8220;-Band, <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/music\/musicblog\/2009\/apr\/07\/sonic-youth-underground-influences\">wie Simon Reynolds meint<\/a>, die durch ihre Zitierfreudigkeit den Blick in eine <em>underground wonderworld<\/em> frei gibt? Oder eine Band, die in einem modernistisch eingef\u00e4rbten Formalismus stagniert und das <em>avant<\/em> in Avantgarde nur noch als Geste vorf\u00fchrt, als Produkteigenschaft ohne Substanz oder innere Notwendigkeit?<\/p>\n<p>Am deutlichsten findet sich die letzte Position im Blog von <a href=\"http:\/\/k-punk.abstractdynamics.org\/archives\/011115.html\">k-punk<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Sonic Youth are &#8218;art&#8216; in all the worst senses (they possess a certain insitutional prestige, a certain standing and position, a cetain set of meta-rationales for what they do); but they are not art in the sense that there is a compelling reason for them to exist &#8211; there is no more at stake here than just another cool leisure product with all the right credentials.<\/p><\/blockquote>\n<p>k-punk zitiert au\u00dferdem Ray Brassier:<\/p>\n<blockquote><p>There&#8217;s a perfect sociocultural congruence between SY as individuals and their audience: that burgeoning of a vast college educated middle class audience for &#8222;alternative rock&#8220; in the 80s and 90s: graduates wanting something a little bit artier and recherche than pop, metal or hardcore, but nothing too foreboding or intimidating: SY fitted the bill perfectly<\/p><\/blockquote>\n<p>Erinnert mich vage an eine alte <em>Sounds<\/em>-Kritik, in der, glaube ich, Fischer-Z als Band beschrieben wurde, die auch konservativen Rock-Gem\u00fctern das Pl\u00e4tschern in der New Wave erm\u00f6glichte. Positivere W\u00fcrdigungen von Sonic Youth gab es dagegen bei <a href=\"http:\/\/blissout.blogspot.com\/2009\/05\/k-punk-diatribe-against-sonic-youth-as.html\">Simon Reynolds<\/a> und <a href=\"http:\/\/zonestyxtravelcard.blogspot.com\/2009\/04\/chthonic-use.html\">Zone Styx Travelcard<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>If Sonic Youth are guilty of postmodern curatorial pastiche, it&#8217;s not from &#8217;85 onwards with &#8218;rock&#8216; history as their palette, it&#8217;s over the last decade, and the palette is their own back catalogue.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und <a href=\"http:\/\/zonestyxtravelcard.blogspot.com\/2009\/05\/thurston-moore-and-his-precursors.html\">hier<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Sonic Youth may have ended up sounding terminally like themselves, but they are formally innovative, which even in the 80s is some achievement. And while they are unashamedly fans of other bands, writers and painters, as well as being musicians themselves, it\u2019s not at all clear to me that they were the first to be so, nor the group who made it acceptable. [&#8230;] I think SY\u2019s undisguised fandom is something they carry over from punk, a demolition of the fourth wall of the stage of performance which is designed to have a liberatory, anti-hierarchical effect, putting the band down among the audience.<\/p><\/blockquote>\n<p>Allen Positionen gemeinsam ist aber, dass sich die Bedeutung der Band vor allem den ersten Jahren ihrer Existenz verdankt, wobei es dann nur eine Frage des Blickwinkels ist, ob man <em>Bad Moon Rising<\/em>, <em>Sister<\/em> oder <em>Daydream Nation<\/em> als ma\u00dfgebliches Album definiert.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3326\/3515450034_fecd9e7433.jpg\" alt=\"Guitar\" \/><\/p>\n<p>Ich kann in beiden Positionen einige richtige Aspekte finden, und der Besuch der Ausstellung war auch ein bisschen der Versuch, vor Ort nachzupr\u00fcfen. Immerhin ist Sonic Youth auch f\u00fcr das musikalische und k\u00fcnstlerische Koordinatensystem, in dem ich mich am liebsten bewege, ein Fixpunkt. Andererseits habe ich tats\u00e4chlich seit Goo kein Album mehr mit besonderer Aufmerksamkeit durchgeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Dass Sonic Youth immer schon eine kuratorische Band war, ist keine Frage: Das Verwalten, Ausstellen und Rekontextualisieren aller m\u00f6glichen Versatzst\u00fccke aus Avantgarde und Popkultur ist ja so etwas wie das Leitmotiv der gesamten SY-Karriere. Die Alben haben durchweg etwas Museales: Die Kunst-Cover, die diversen Songs \u00fcber Maler oder Pop-Idole, das Experimentieren mit diversen Kompositions- und Auff\u00fchrungspraxen aus dem modernen Kanon usw. Museen haben freilich, sofern kein rigides Programm dahinter liegt, manchmal auch etwas Beliebiges: Alles sch\u00f6n bunt hier, der Wal-Mart genauso wie die Manson Family.<\/p>\n<p>Als Sonic Youth auftauchte, konnte ich mit dieser Haltung einiges anfangen: Die Reformulierung von Rock, wie sie die ganzen Pr\u00e4-Grunge-Bands betrieben, war auch zugleich ein Aufsp\u00fcren und Neuentdeckung der Historizit\u00e4t musikalischer Formen (was Punk mit seiner Jahr-Null-Attit\u00fcde eher negiert hatte). Es ist ja kein Zufall, dass Hip-Hop ungef\u00e4hr zeitgleich entstand und via Sampling etwas \u00c4hnliches versuchte. Nostalgie und Hauntologie als Waffen gegen das angeblich Ende der Geschichte.<\/p>\n<p>Bei Sonic Youth ist dieses Aufsaugen von Zitaten und Einfl\u00fcssen seltsamerweise in eine Art musikalischem Wertkonservatismus gem\u00fcndet. Insofern liegt es tats\u00e4chlich nahe Sonic Youth mit den Prog-Rock-Bands der 70er zu vergleichen: Auch da gab es eine Tendenz vom formalen Experiment zum experimentellen Formalismus. Darin liessen sich dann auch alle m\u00f6glichen Einfl\u00fcsse einbetten, aber ohne dass \u00fcber dieses Einbetten hinaus noch irgendwas behauptet wurde. (Diese Tendenz hat SY im \u00fcbrigen auch fr\u00fch eingestanden, wenn auch eher mit ironischem Augenzwinkern: In den Liner Notes zur 12&#8243; <em>Master-Dik<\/em> druckte die Band ein w\u00fctendes Pamphlet aus Zine <em>Maximum Rock&#8217;n&#8217;Roll<\/em>, in dem Sonic Youth als 90er-Version von Yes und H\u00fcsker D\u00fc als REO Speedwagon beschimpft wurden.)<\/p>\n<p>Auf der Ausstellung sieht das dann so aus: Die Punk- und Noise-Roots der Band sind im Eingangsbereich in einer Art Schneewittchen-Sarg unterbracht: In einem Glaskasten findet sich ein buntes Sammelsurium aus Fanzines, Flyern und \u00e4hnlichen Paraphernalia, aufbereitet wie ein paar ethnologische Fundst\u00fccke, die mit der Gegenwart kaum noch etwas zu tun haben d\u00fcrfen. Daf\u00fcr finden sich an der Seitenwand die Gitarren der Band, ausgestellt wie die Fetische einer \u00c4sthetik, die sich vom neoliberalen Konsumismus nicht in der Sache entscheidet, sondern nur noch in den Waren, die sie fetischisiert. Noise Rock ist, so gesehen, keine Haltung, sondern ein Lifestyle.<\/p>\n<p>Diese Problematik setzt sich auch durch die \u00fcbrige Ausstellung fort. Es gibt kaum einen Versuch, das Format an sich zu reflektieren und etwas zu produzieren, das sich mit dem musealen <em>Event<\/em> an sich auseinandersetzt. Am ehesten tut das noch Christian Marclay in seinem mit Vinyl-Schallplatten angef\u00fcllten Zimmer: Da wird man ganz unmittelbar auf den zerbrechlichen, unsicheren Untergrund aufmerksam gemacht, auf dem sich jedes Archivieren und Kuratieren bewegt. (Nach dem Einsturz des K\u00f6lner Stadtarchivs hat die Installation noch mal zus\u00e4tzlich Brisanz.)<\/p>\n<p>Die \u00fcbrigen Bilder, Multiples und Fotografien wirken dagegen eher beliebig zusammengestellt: Ein geschm\u00e4cklerisches Mixtape, zusammengestellt von jemandem, dessen Geschmack man ja durchaus teilen mag, der einen aber auch nicht wirklich mehr \u00fcberraschen kann. Aber Geschmack ist so eine unverbindliche Kategorie, \u00fcber die man bekanntlich nicht streiten soll, die man aber gegebenenfalls bewundern soll, wenn sie Kenntnisreichtum und Vielseitigkeit signalisiert. Die ausgestellten Namen \u2013 Kelly, Pettibon, Genzken, Ginsberg, Patti Smith \u2013 haben l\u00e4ngst die Patina <em>postmoderner Klassiker<\/em> angesetzt, und es ist tats\u00e4chlich die Frage, wie viel sie dar\u00fcber hinaus noch zu sagen haben. Oder ob man nicht andere Dinge bei ihnen zum Sprechen bringen m\u00fcsste als nur die immanenten Querverweise und Zitate.<\/p>\n<p>Wenn man aus der Ausstellung etwas lernen soll \u00fcber die Bedeutung des Modells Sonic Youth, dann steht es eher f\u00fcr eine Umkehrung der Perspektive, den Avantgarde und Rock mal gemeinsam hatten. Kein lautstarker Sturm mehr auf irgendwelche Bastillen, nicht mal ein z\u00e4her Marsch durch die Institutionen, stattdessen ein R\u00fcckzug des Experiments ins Private. Avantgarde als Hobby, Dissidenz als pers\u00f6nliche Meinung. Man muss also kein schlechtes Gewissen haben, wenn einen das doch nicht mehr so interessiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonic Youth als museales Objekt: Bis vergangenen Sonntag war die Ausstellung Sensational Fix in D\u00fcsseldorf. Ich habe grade noch den letzten Tag erwischt, und um es gleich zu sagen: Es hat sich auch nicht wirklich gelohnt. Nicht, weil die Ausstellung besonders mi\u00dfraten w\u00e4re. 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