{"id":935,"date":"2009-06-16T15:14:01","date_gmt":"2009-06-16T12:14:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=935"},"modified":"2009-06-16T15:14:01","modified_gmt":"2009-06-16T12:14:01","slug":"saint-vincent-in-luttich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2009\/06\/16\/saint-vincent-in-luttich\/","title":{"rendered":"Saint-Vincent in L\u00fcttich"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3324\/3622129984_cf71b38548.jpg\" alt=\"Saint-Vincent\" \/><\/p>\n<p>In L\u00fcttich steht direkt an einer der belebtesten Kreuzungen diese bemerkenswerte Kirche. Das m\u00e4chtige Art-D\u00e9co-Portal sieht aus wie ein \u00fcberdimensionaler Radioapparat: Hier funkt Gott. In der Junisonne leuchten die Au\u00dfenw\u00e4nde des Baus, als w\u00e4ren sie aus einem fremdartigen, nicht wirklich irdischen Material hergestellt: Das l\u00e4sst vermuten, das hier gleich eine \u00fcberaus wichtige Nachricht erschallen soll, die auch den l\u00e4rmenden Stra\u00dfenverkehr verstummen lassen wird.<!--more--><\/p>\n<p>Es ist ein merkw\u00fcrdiger Bau, ein kurioser Hybrid aus archaischer Wucht und moderner Eleganz, ein fast postmodern anmutendes Verwursten aller Stile, die zum Zeitpunkt der Erbauung gerade herumlagen. Nur dass man in der Postmoderne mehr Glas und dekorative Blecherkerchen reingezimmert h\u00e4tte. Bei allem hat die Kirche aber auch etwas Kulissenhaftes &#8211; so etwa wie das Portal sahen in den fr\u00fchen Science-Fiction-Filmen die Bauten der Zukunft aus: Ein vage futuristisches Neo-Gothic, dem man auf den ersten Blick nicht anmerken kann, ob sich dahinter ein Geldspeicher verbirgt oder das Arcanum eines d\u00e4monischen Gangsters, der es auf die Weltherrschaft abgesehen hat.<\/p>\n<p>Ein vergleichsweise bescheidenes Schildchen am Eingang verr\u00e4t uns den Namen der Kirche: Nicht Saint-Fantomas, sondern Saint-Vincent. Das Internet ist sparsam mit Informationen zu diesem Bauwerk. Auf der <a href=\"http:\/\/www.saintvincent.be\/page77538.htm\">Website der Kirchengemeinde<\/a> bricht die Geschichte im 17. Jahrhundert einfach ab. Immerhin erf\u00e4hrt man dort, dass die Kirche an einer besonders prek\u00e4ren Stelle steht: Hier sto\u00dfen zwei enge Flu\u00dft\u00e4ler zusammen, was dem Platz eine besondere strategische Bedeutung verleiht, ihn aber auch besonders gef\u00e4hrdet bei Hochwasser macht.<\/p>\n<p>An anderen Stellen lesen wir, dass Saint-Vincent eine Stahlbetonkirche ist und 1930 errichtet wurde. 1930 war ein bedeutendes Jahr f\u00fcr L\u00fcttich: Die Stadt veranstaltete zum zweiten Mal nach 1905 eine Gro\u00dfausstellung, die als Weltausstellung gedacht war. Anla\u00df war das 100. Jubil\u00e4um der belgischen Staatsgr\u00fcndung, weswegen &#8211; wohl aus Proporzgr\u00fcnden &#8211; noch eine Parallellveranstaltung im fl\u00e4mischen Antwerpen durchgef\u00fchrt wurde. Es gab auch eine thematische Trennung zwischen beiden St\u00e4dten: W\u00e4hrend in Antwerpen vor allem Seefahrt und Kolonien pr\u00e4sentiert wurden, ging es in L\u00fcttich haupts\u00e4chlich um Gro\u00dfindustrie, Wissenschaften und wallonische Kunst.<\/p>\n<p>Diese Trennung ist vermutlich der Grund, warum die Ausstellung von 1930 nicht im offiziellen Kanon der Weltausstellungen gef\u00fchrt wird (den das <a href=\"http:\/\/www.bie-paris.org\/\">Bureau international des Exhibitions<\/a> sanktioniert). Sie war als Veranstaltung wohl auch eher ein Flop, berichtet <a href=\"http:\/\/fr.wikipedia.org\/wiki\/Exposition_internationale_de_1930\">die franz\u00f6sische Wikipedia<\/a>: Das Interesse der Industrie und der \u00d6ffentlichkeit war m\u00e4\u00dfig, das Wetter schlecht und das Timing ungl\u00fccklich, da die Weltwirtschaftskrise begann und das \u00fcberschw\u00e4ngliche Abfeiern einer globalisierten \u00d6konomie nicht mehr richtig in die Zeit passte &#8230;<\/p>\n<p>Immerhin sorgte die Ausstellung daf\u00fcr, dass ein paar wichtige Infrastrukturma\u00dfnahmen umgesetzt wurden, die durch den Ersten Weltkrieg aufgeschoben worden waren, vor allem im Bereich des Schiffs- und Eisenbahnverkehrs und des Hochwasserschutzes. Wie wichtig der war, hatte sich erst 1926 gezeigt, als die Stadt und ihr dicht besiedeltes und industrialisiertes Umland von heftigen \u00dcberschwemmungen getroffen wurde.<\/p>\n<p>Saint-Vincent liegt im Viertel F\u00e9tinne, ein Viertel, das \u00fcbrigens im wesentlichen zur Zeit der ersten Weltausstellung 1905 angelegt wurde. W\u00e4hrend der Ausstellung 1930 diente die Kirche zun\u00e4chst auch als Ausstellungspavillon (wozu ihr kulissenhafter Charakter ja ganz gut passte). Architekt war ein Robert Toussaint. Auch \u00fcber ihn gibt es nicht viel in Erfahrung zu bringen: Gelebt hat er von 1900 bis 1975, und er scheint vor allem im Kirchenbau aktiv gewesen zu sein. Er taucht aber noch einmal im Umfeld einer Gro\u00dfausstellung auf. 1939 n\u00e4mlich entschlie\u00dft man sich in L\u00fcttich, ungeachtet des Flops von 1930, eine weitere Weltausstellung durchzuf\u00fchren, diesmal aufgrund der Fertigstellung des Albert-Kanals, der L\u00fcttich mit Antwerpen verbindet (und dessen Bau 1930 begonnen wurde). Diese dritte L\u00fctticher Expo widmet sich folglich dem Wasser und der Hydrotechnik: Eine sch\u00f6ne Dokumentation dazu (auf franz\u00f6sisch, aber mit vielen Bildern) findet sich auf den <a href=\"http:\/\/www.ps-federation-liege.be\/cms\/ilhs\/?pg_id=379\">Webseiten der Parti socialiste von L\u00fcttich<\/a>.<\/p>\n<p>Toussaint ist hier zust\u00e4ndig f\u00fcr die Errichtung des <em>Gay Village Mosan<\/em>, ein Areal mit einem kuriosen Namen, den Sie hier aber bitte nur als &#8222;fr\u00f6hliches Maas-D\u00f6rfchen&#8220; \u00fcbersetzen: Es handelte sich um eine Art Wallonien <em>en miniature<\/em>, einen kleinen Themenpark mit nachgebauten wallonischen Sehensw\u00fcrdigkeiten.<\/p>\n<p>Die 1939er Austellung endete ebenfalls im Fiasko, freilich in einem ungleich dramatischeren als der Mi\u00dferfolg von 1930. Am 1. September erfolgte der deutsche Angriff in Polen, und in L\u00fcttich entschied man aufgrund der ernsten politischen Situation, die Ausstellung vorzeitig zu schlie\u00dfen. Wenig sp\u00e4ter wurde Belgien selbst angegriffen, u.a. am <a href=\"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=681\">Fort Eben-Emael<\/a>, das zum Schutz des Albertkanals errichtet worden war.<\/p>\n<p>Der Krieg hat L\u00fcttich bis heute gezeichnet. Die Stadt ist immer noch ein arg unaufger\u00e4umtes Konglomerat aus vereinzelten Spuren der Vergangenheit und aus hier und da hingestreuten Wohn- und Gesch\u00e4ftsh\u00e4usern, die mal als zukunftstr\u00e4chtige Architektur gegolten haben m\u00f6gen, deren Zukunft aber nie wirklich stattgefunden hat. Ein st\u00e4dtebauliches Chaos, aber ein melancholisches Chaos, weil man zugleich den Willen sehen kann, dagegen anzugehen, ebenso wie die Phasen der Ersch\u00f6pfung und der Apathie. Es gibt wenige Orte in Westeuropa, an denen man so anschaulich erkl\u00e4ren kann, was mit Steampunk gemeint ist, wie das L\u00fctticher Maasufer. (Sympathischerweise hat die Stadt den Radweg entlang der Maas an einigen Stellen mit geschwungenen Catwalks ausgestatt. Dort kann man sich \u00fcber den Fluss schwingen wie die Schauspieler \u00fcber die eleganten Rampen und Br\u00fccken in <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B00008OE34?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=B00008OE34\">Metropolis<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=B00008OE34\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/>.)<\/p>\n<p>Saint-Vincent ist in diesem Ensemble ein ganz ad\u00e4quater Schlu\u00dfstein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In L\u00fcttich steht direkt an einer der belebtesten Kreuzungen diese bemerkenswerte Kirche. Das m\u00e4chtige Art-D\u00e9co-Portal sieht aus wie ein \u00fcberdimensionaler Radioapparat: Hier funkt Gott. 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