{"id":937,"date":"2009-06-17T17:05:34","date_gmt":"2009-06-17T14:05:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=937"},"modified":"2009-07-16T18:57:11","modified_gmt":"2009-07-16T15:57:11","slug":"sublime-frequencies","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2009\/06\/17\/sublime-frequencies\/","title":{"rendered":"Sublime Frequencies"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2456\/3634660745_955fc346a3_m.jpg\" alt=\"Doueh\" \/><\/p>\n<p>Gro\u00dfes Konzert gestern im K\u00f6lner Stadtgarten: Das <a href=\"http:\/\/www.sublimefrequencies.com\">Sublime Frequencies<\/a>-Label brachte zwei Interpreten aus der arabischen Welt: Die Group Doueh mit ihrer seltsamen und nicht wirklich klassifizierbaren M\u00e9lange aus W\u00fcsten-Psychedelia und traditioneller Tanzmusik, und den frenetischen Dabke-Dancefloor des Syrers Omar Souleyman.<\/p>\n<p><em>Sublime Frequencies<\/em> ist das Label von Alan Bishop, Mitglied der legend\u00e4ren <a href=\"http:\/\/www.suncitygirls.com\/\">Sun City Girls<\/a>, und Hisham Mayet. Beide sind Arch\u00e4ologen des Untergrunds, der sich unter der Oberfl\u00e4che der &#8222;Weltmusik&#8220; verbirgt: Die Platten, die auf ihrem Label erscheinen, sind keine vermeintlich authentischen Urmusiken, keine offiziell sanktionierte Klassik, kein massenkompatibler Mainstream und noch weniger westlich verw\u00e4sserte Sound-Tapeten mit exotischen Ingredienzen. Auf Sublime Frequencies finden sich die hybriden, rumpeligen, kitschigen oder schrillen Bricolagen, die aus der Kollison der Kulturen entstehen, dort wo der Wille, etwas zu machen, mit begrenzten Mitteln fertig werden muss.<!--more--><\/p>\n<p>Die \u00c4sthetik des Labels ist eher Punk als Ethnologie. Das Anti-Design der Plattencover zum Beispiel zitiert die krude Gestaltung vieler Cassetten und CDs aus der Dritten Welt, aber erinnert auch an das handfeste Copy-and-Paste der Punk- und Fanzine-Kultur. Die Platten wirken oft wie Mixtapes, zusammengestellt aus Privatarchiven, und mit bereitwillig in Kauf genommenen Defiziten in Aufnahmtechnik und Akustik &#8211; &#8222;Fidelity be damned!&#8220;. Man hat dem Label darum bisweilen Oberfl\u00e4chlichkeit vorgeworfen. Ich sehe darin eher den Versuch, Exotik als etwas Herausforderndes zu behaupten, eine subversive Spur von Unberechenbarkeit und Geheimnis zu legen in einer musikalischen Landschaft, in der alles gefunden, ausprobiert und entdeckt worden zu sein scheint.<\/p>\n<p>Das wird schon deutlich in dem Anti-Dokumentarfilm <em>Palace Of The Winds<\/em>, der das Konzert er\u00f6ffnet: Ein unkommentiertes und unbehauenes Protokoll einer Reise durch die marokkanische Provinz, durch spr\u00f6de und seltsame Landschaften, und durch St\u00e4dte und D\u00f6rfer, in denen die Zeit nicht stehengeblieben, sondern in ein z\u00e4hes Parallelluniversum abgeglitten ist. Dazu immer wieder laute, scheppernde und rauhe Musik aus Hinterhofstudios und von privaten Feiern. Seltsame Musik ist das: Billig, zebrechlich, trotzdem kraftvoll, hypnotisch und intensiv. Eine lange Sequenz mit bizarren Bildern von einem Stra\u00dfenmarkt, auf dem es getrocknete Cham\u00e4leons zu geben scheint, wird von einem s\u00e4genden W\u00fcstenblues begleitet, in dem ein Kehlkopfs\u00e4nger mit einer Hydra aus E-Gitarre und Handtrommel zu ringen scheint.<\/p>\n<p>Die Group Doueh, die ebenfalls im Film vorkommt, ist ein fabelhaftes Beispiel f\u00fcr die Momente, nach denen Bishop und Mayet suchen: Gitarrist Doueh ist ein eigenwilliger Stilist, der Spurenelemente aus Rock-, Blues- und Reggae mit seiner lokalen Musiktradition verschmilzt. Hendrix sei sein gro\u00dfes Vorbild, hei\u00dft es im Covertext, und tats\u00e4chlich legt er zwischendurch auch mal ein Solo mit der Gitarre \u00fcber und hinter dem Kopf hin. Eher sch\u00fcchtern als spektakul\u00e4r, aber sympathisch. Live klingt die Band allerdings bei weitem nicht so spr\u00f6de und rauh wie auf den CD-Aufnahmen, die Sublime Frequencies ver\u00f6ffentlicht hat: Das liegt vor allem an einem \u00fcberaus pr\u00e4senten Keyboard, das funkige Bl\u00e4ser-Riffs unter den muskul\u00f6sen Gesang pumpt und die Handtrommeln durch vorprogrammierte Rhythmen ersetzt.<\/p>\n<p>Druckvoll und energiegeladen ist der Auftritt trotzdem. Aber man merkt daran, dass die Anti-Weltmusik des Sublime-Labels auch nicht ganz ohne Mystifizierung auskommt, auch wenn die Akzente anders liegen als beim Mainstream der Weltmusik. Vor dem Konzert erz\u00e4hlt Mayet, er habe Douehs Musik eines Tages zuf\u00e4llig beim Scrollen durch marokkanische Radiosender geh\u00f6rt und sei sofort begeistert gewesen. Aufnehmen konnte er nur ein Fragment, und als er sich damit auf die Suche nach dem sonderbaren Gitarristen machte, blieb das zun\u00e4chst erfolglos: Im Norden hatte man keine Ahnung und r\u00fcmpfte eher die Nase \u00fcber die rohen Kl\u00e4nge aus dem S\u00fcden. Und die Reise entlang der marokkanischen K\u00fcste brachte auch keine hei\u00dfe Spur. Erst im Provinzst\u00e4dtchen Dakhla lotste ihn jemand in ein Aufnahmestudio: Dort k\u00f6nne man ihm sicher weiterhelfen. Dem Betreiber des Studios spielte er die Aufnahme vor, und der grinste breit: &#8222;Das bin ich. Das ist meine Musik.&#8220;<\/p>\n<p>Eine h\u00fcbsche, nat\u00fcrlich auch \u00fcberaus romantische Anekdote, die Expedition zum Savant isol\u00e9 aus der W\u00fcste \u2013 Mr Doueh, I presume?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3373\/3634660751_d893548cf2_m.jpg\" alt=\"Omar Souleyman\" \/><\/p>\n<p>Omar Souleyman ist ein etwas anderes Kaliber: Der braucht Sublime Frequencies nicht, um ein Star zu werden, der ist schon einer. Zumindest in der Dabke-Szene, einer fr\u00f6hlichen Dancefloor-Subkultur aus Syrien. Hier sind es nicht Blues, Rock und Psychedelia, sondern House, Techno und HipHop-Beats, die sich mit traditionellen Formen vermischt und einen frenetischen, extrem tanzbaren Bastard hervorgebracht haben. Angeblich hat Souleyman \u00fcber 500 Cassetten ver\u00f6ffentlicht, und auf YouTube lassen sich einige Videos von Auftritten im syrischen TV finden. Auch hier zeigt sich, dass es neben der trashigen Seite dieser Musik, die auf den Sublime-Ver\u00f6ffentlichungen von Souleyman zu finden ist, auch glatter produzierte und fast elegante Varianten gibt. Man vergleiche zum Beispiel das hektische Leih Jani mit <a href=\"http:\/\/fr.truveo.com\/Omar-Souleyman-Dabke-Halay-Chaoui-Syria-Hassake\/id\/3514967280\">diesem Song<\/a>, der sogar ein bisschen an Urban Soul erinnert. (Das grandiose Video, in dem ein eher unbeholfener Souleyman einen Strandfelsen herunterklettern muss, um einer lokalen Sch\u00f6nheit ein paar Ratschl\u00e4ge f\u00fcr\u2019s Leben zu geben, ist ein Extra-Bonus.) <\/p>\n<p>Bemerkenswert an Souleymans Auftritt war die kuriose Besetzung: Neben dem S\u00e4nger selbst waren zwei Musiker auf der B\u00fchne, ein Keyboarder und ein Saz-Spieler. Und dann war da noch ein dritter Mann, der ab und zu mal ein Laptop im Hintergrund kontrollierte, dann und wann Souleyman ins Ohr fl\u00fcsterte und ansonsten einfach mitklatschte. Vorgestellt wurde er schlie\u00dflich als <\/p>\n<blockquote><p>Mahmoud Harbi, a long-time collaborator and the man responsible for much of the poetry sung by Souleyman. [He] accompanies Omar for an unforgettable onstage collaboration as they perform the Ataba, a traditional form of folk poetry, where Omar&#8217;s unaccompanied freestyle &#8222;mawal&#8220; singing stands in a league of its own.<\/p><\/blockquote>\n<p>Leider erl\u00e4utert der Text nicht, wie Ataba und Mawal genau funktionieren. Was bekommt Souleyman ins Ohr gefl\u00fcstert? Verse? Stichworte? Und wie werden diese Texte variiert und gesungen?<\/p>\n<p>Sei\u2019s drum. Grandioses Konzert. Ich hoffe, den Musikern hat es genau so Spass gemacht wie dem Publikum.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gro\u00dfes Konzert gestern im K\u00f6lner Stadtgarten: Das Sublime Frequencies-Label brachte zwei Interpreten aus der arabischen Welt: Die Group Doueh mit ihrer seltsamen und nicht wirklich klassifizierbaren M\u00e9lange aus W\u00fcsten-Psychedelia und traditioneller Tanzmusik, und den frenetischen Dabke-Dancefloor des Syrers Omar Souleyman. 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