{"id":945,"date":"2009-08-24T17:35:42","date_gmt":"2009-08-24T14:35:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=945"},"modified":"2009-08-24T17:35:42","modified_gmt":"2009-08-24T14:35:42","slug":"am-vigiljoch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2009\/08\/24\/am-vigiljoch\/","title":{"rendered":"Am Vigiljoch"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3584\/3823143284_da6e585bcf.jpg\" alt=\"Vigiljoch\" \/><\/p>\n<p>Wir waren gar nicht anspruchsvoll: F\u00fcr den Start hatten wir uns eine leichte Tour ausgesucht, nicht zu anspruchsvoll, aber ein bisschen alpines Gef\u00fchl sollte schon dabei aufkommen. Die Tour vom Vigiljoch zur Naturnser Alm, die der antiquarisch eingekaufte Rother als mittelschwer ausgeflaggt hatte, schien genau das Richtige zu sein.<\/p>\n<p>Die Fahrt zum Startpunkt war nicht weit, nur ein paar Kilometer nach Lana, einem der wenigen Orte in S\u00fcdtirol, deren Name auf deutsch genauso lautet wie auf italienisch. Es gibt dort au\u00dferdem, erz\u00e4hlt uns der Reisef\u00fchrer, einen bedeutenden Altar von Hans Schnatterpeck, den wir zwar nicht gesehen haben, aber &#8222;Schnatterpeckaltar&#8220; ist so ein h\u00fcbsches Wort, deswegen sei das hier erw\u00e4hnt.<!--more--><\/p>\n<p>Von Lana aus kommt man mit technischen Hilfsmitteln sehr bequem auf eine schon recht respektable H\u00f6he: Eine Kabinenseilbahn bef\u00f6rdert einen auf \u00fcber 1.400 Meter, dann kann man in einen kleinen Sessellift umsteigen, mit dem man noch einmal fast 400 Meter nach oben gelangt. Die Kabinenseilbahn gilt als eine der \u00e4ltesten in Europa (die &#8222;zweit\u00e4lteste Schwebeseilbahn&#8220; laut Eigenwerbung) und ist vor wenigen Jahren modernisiert worden, auf Initiative des Meraner Unternehmers Ulrich Ladurner.<\/p>\n<p>Ladurner, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer eines <a href=\"http:\/\/www.schaer.com\">Unternehmens, das glutenfreie Lebensmittel produziert<\/a>, ist auch verantwortlich f\u00fcr den Bau des <a href=\"http:\/\/www.vigilius.it\">Vigilius Mountain Resort<\/a>, das sich direkt neben der Bergstation der Seilbahn befindet. Das Vigilius geh\u00f6rt sicher zu den interessantesten Hotelbauten der vergangenen Jahre. Entworfen wurde es von <a href=\"http:\/\/www.matteothun.com\/\">Matteo Thun<\/a>, Sottsass-Sch\u00fcler und Mitbegr\u00fcnder der Memphis-Gruppe, und es geh\u00f6rt in eine ganze Reihe neuer, ehrgeiziger Bauten, die in den vergangenen zehn, f\u00fcnfzehn Jahren in S\u00fcdtirol errichtet worden sind. (Leider versagte der Akku meiner Kamera, weswegen ich keine Bilder machen konnte, aber im Internet gibt&#8217;s ja <a href=\"http:\/\/images.google.de\/images?q=vigilius%20mountain%20resort\">genug Ersatz<\/a>.) <\/p>\n<p>Es gibt da einige bemerkenswerte Versuche, eine Art dritten Weg zu einer genuin &#8222;alpinen&#8220; Architektur zu entwickeln, zwischen der sterilen Pseudo-Folklore, die in vielen touristisch erschlossenen Alpend\u00f6rfen dominiert, und dem r\u00fccksichtslosen Instant-Modernismus, aus dem zahlreiche Retorten-Skistationen hochbetoniert wurden. Das Vigilius steht sichtbar f\u00fcr ein neueres Denken, das Natur und Landschaft nicht mehr \u00fcberw\u00e4ltigen m\u00f6chte, sondern einen offeneren und lebendigen Dialog damit versucht.<\/p>\n<p>Das ist freilich kein massentourismuskompatibles Denken, und die Zielgruppe Vigilius sind denn auch eher auf die Verantwortungsbewussten unter den Besserverdienenden, die den &#8222;Luxus der Einfachheit&#8220; sch\u00e4tzen, auf &#8222;W\u00e4rme und Unmittelbarkeit der Materialien Holz, Lehm, und Leinen&#8220; hingewiesen werden m\u00f6chten und guten Service als &#8222;nat\u00fcrliche Herzlichkeit der Menschen, die hier f\u00fcr Sie da sind&#8220; beschrieben haben wollen. Der Jargon der Nachhaltigkeit, den Website und Werbeprospekt verstr\u00f6men, kommt nicht ohne den Echtheits-Kitsch aus, den diese Zielgruppe so liebt (&#8222;Authentisch und offen wie der Berg sind auch seine Menschen&#8220;). Aber bei aller Skepsis: Ich fand den Bau durchaus beeindruckend, vor allem den G\u00e4stetrakt, ein &#8222;<a href=\"http:\/\/www.vigilius.it\/de\/das-vigilius\/oekologie-auszeichnungen\/14-0.html\">liegender Baumstamm<\/a>&#8222;, der sich wie die Logen eines Theaters in den Hang schmiegt. Eine neobuddhistische Austerit\u00e4t, die aber beidem &#8211; dem Geb\u00e4ude und der Landschaft drumherum &#8211; ganz gut bekommt. Der Trakt, in dem die Restaurants untergebracht sind, wirkt etwas bem\u00fchter, vielleicht weil er etwas zu deutlich als Zitat der landestypischen Hof- und Hotelarchitektur stehen soll.<\/p>\n<p>Der altmodische Sessellift, den man gleich oberhalb des Vigilius erreicht, steht in angenehmem Kontrast zur alpinen Moderne des Hotels. Ein herrlich altmodisches Ding, einsitzige Gondelchen aus Billigmetall mit ausgeblichener rosa Plastikumrandung und erstaunlich rudiment\u00e4rer Verriegelung: Darin quietscht und schaukelt man ganz gem\u00fctlich bergan.<\/p>\n<p>Von der Bergstation des Sesselliftes sind es nur ein paar Schritte bis zur prominentesten Sehensw\u00fcrdigkeit des Vigiljochs: Die kleine Kapelle Sankt Vigilius, die sehr pittoresk auf einem kleinen H\u00fcgelchen liegt. Eine Kirche, die nicht nur religi\u00f6se Kultst\u00e4tte, sondern auch politisches Symbol war, denn hier \u00fcber&#8217;s Joch verlief die Grenze des Erzbistums Trient, und quasi zu F\u00fc\u00dfen der Kapelle liegt Schlo\u00df Tirol, Sitz der Grafen von Tirol, deren Beziehungen zum Tridentiner Bistum oft angespannt waren.<\/p>\n<p>Vigilius war einer der ersten Bisch\u00f6fe des Erzbistums. Er war aber vor allem auch ein eifriger Missionar und ein M\u00e4rtyrer, zu einem Zeitpunkt, als beides schon sehr staatstragende Bet\u00e4tigungen waren, n\u00e4mlich im 4. Jahrhundert. Nicht weit von hier soll er zu Tode gekommen sein, im Rendenatal, wo man Vigils missionarischen Bem\u00fchungen offenbar lange widerstand:<\/p>\n<blockquote><p>Eine einzige Bergschlucht blieb jetzt dem unerm\u00fcdeten evangelischen S\u00e4manne zur Anpflanzung \u00fcbrig: Randena, ein kleines Seitenth\u00e4lchen von Judikarien, welches die Sarka bew\u00e4ssert, die sich bald darauf in den Gardsee ergie\u00dft. Dort warfen sich noch Viele nieder vor einem aus Erz gegossenen, auf Steinen erh\u00f6hten Gotte, und betheten in ihm ihre Leidenschaften an. Lange bem\u00fchte sich Viglius vergebens. Nun war der Schlu\u00df gefa\u00dft : fallen soll er der sch\u00e4ndliche G\u00f6tze, dessen Sturz auch die Befehle des Kaisers wollten.\n<\/p><\/blockquote>\n<p>So schreibt der Zisterzensierpater Kasimir Schnitzer in seinem Buch zur Geschichte des Bistums. Schnitzer l\u00e4sst im \u00dcbrigen keinen Zweifel daran, dass das missionarische Unterfangen als religi\u00f6ses Selbstmordkommando zu verstehen ist: Kurz zuvor waren drei Gesandte Vigils w\u00e4hrend der Missionierung eines benachbarten Tals umgebracht worden (was Schnitzer ausf\u00fchrlich und detailliert schildert), und Vigil selbst wird durch ein Zeichen Gottes auf sein eigenes Schicksal hingewiesen:<\/p>\n<blockquote><p>Einem Seraph gleich, der Erde ganz entr\u00fcckt, stand der bew\u00e4hrte Diener Gottes am Altare. Staunend h\u00f6rten ihn die Umstehenden w\u00e4hrend der heiligsten Handlung laut bethen: &#8222;Ich danke dir Christus, da\u00df ich, was ich lange gesucht, endlich gefunden habe; ich sehe mit meinen Augen an deiner Rechten, was du mir bereitet hast.&#8220; Wie Rauchwolken stieg das vereinte Gebeth f\u00fcr das Gedeihen des bevorstehenden Unternehmens aus den Herzen zum Himmel auf. Gest\u00e4rkt durch die heiligsten Geheimnisse, und durch das Gesicht, das ihm dabey ward, entri\u00df sich Vigilius den Armen der Seinen, zu folgen dem Rufe des Herrn.<\/p><\/blockquote>\n<p>Es kommt wie es kommen muss: Dem Gottesmann gelingt es zwar, das G\u00f6tzenbild (eine Statue Saturns, hei\u00dft es an anderer Stelle) &#8222;mit mehr denn nat\u00fcrlicher Mannskraft zu Boden&#8220; zu sto\u00dfen, &#8222;das steinerne Fu\u00dfgestell&#8220; zu ersteigen und &#8222;die einzige wahre Heilslehre, die Lehre vom Kreuze, zu verk\u00fcnden&#8220;.<\/p>\n<blockquote><p>Aber jetzt st\u00fcrmten die etwa schon lauernden G\u00f6tzendiener unter wildem Geschrey mit Stangen und Gabeln auf ihn los; mit Steinen und Knospen (Holzschuhe mit eisernen N\u00e4geln) waren sie auf ihn zu. Von einem schweren Steine am Kopfe getroffen, sank er hin in t\u00f6dlicher Ohnmacht. Noch sammelte er seine letzten Kr\u00e4fte; schon ganz bluttriefend richtete er sich auf, zu bethen f\u00fcr die Unwissenden, und legte dann sein Haupt unter den gewaltsamsten St\u00f6\u00dfen auf ewig zur Ruhe. So gab der gute Hirt endlich auch sein Leben f\u00fcr seine Schafe. Von seinen Begleitern wurde keiner verletzet.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Heiligsprechung Vigils folgte rasch, und bis heute gilt er als eine der zentralen Heiligengestalten der lokalen Kirche. Darauf weisen nicht zuletzt die zahlreichen Ortsnamen hin, die auf Vigil lauten. Die Exponiertheit des Vigiljochs l\u00e4sst vermuten, dass sich hier schon in vorchristlicher Zeit eine Kultst\u00e4tte befunden haben k\u00f6nnte &#8211; wem k\u00f6nnte man einen solchen Ort besser \u00fcberantworten als einem K\u00e4mpfer f\u00fcr den rechten Glauben. Zumal Heiden- und Ketzertum aus der Region nicht dauerhaft verbannt waren: Im Hohen Mittelalter, etwa zu der Zeit, als das Kirchlein errichtet wurde, gab es zum Beispiel die Laienbewegung der Apostelbr\u00fcder, die in Oberitalien einige Anh\u00e4nger gewinnen konnte und sogar eine Art Guerrilla-Krieg zu f\u00fchren begann.<\/p>\n<p>Schnitzer erw\u00e4hnt \u00fcbrigens noch eine kuriose Anekdote, um die Popularit\u00e4t des Heiligen zu unterstreichen: Es habe nach dem Tod Vigils Streit gegeben zwischen den Tridentinern und den Brescianern, schreibt er: &#8222;Beyde wollten sich die H\u00fclle des Heiligen eigen machen.&#8220; Fast w\u00e4re es dar\u00fcber &#8222;zu Gewaltth\u00e4tigkeiten&#8220; gekommen, &#8222;h\u00e4tten die erstern ihre Nachbarn nicht durch Anbiethung eines silbernen Gef\u00e4\u00dfes zum Nachgeben gebracht&#8220;.<\/p>\n<p>Wo sich dieses Gef\u00e4\u00df nun befindet, wei\u00df ich nicht. Das Kirchlein auf dem Vigiljoch kann man besichtigen, den Innenraum mit ein paar interessanten Fresken aus dem 13.\/14. Jahrhundert allerdings nur durch ein Gitter betrachten.<\/p>\n<p>Wir zogen darum auch rasch weiter zur Naturnser Alm. Der Weg ist gut ausgeschildert und leicht zu finden: Das erste St\u00fcck zieht sich etwas, es geht bergauf durch den Wald, bis man an einem Abzweig auf einem schmaleren Pfad durch abwechslungsreicheres Gel\u00e4nde gef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p>Wir hatten gutes Wetter erwischt, allerdings war es sehr dunstig, und als Panorama gab es nur die blaugrauen Silhouetten der umliegenden Berge. Etwa nach einer Stunde erreichten wir die Alm &#8211; wenig herausgeputzt, einfach und zweckm\u00e4\u00dfig eingerichtet, aber mit einer herrlichen Aussicht, die wir im Dunst freilich eher erahnen mussten. An den zahlreichen Tischen und Liegest\u00fchlen konnte man sehen, dass man hier auch auf gr\u00f6\u00dfere Besucherzahlen eingestellt ist, aber au\u00dfer uns waren nur einige Mountainbiker und ein paar Wanderer anwesend. Und ein Gr\u00fcppchen r\u00fcstiger alter M\u00e4nner, das vor der Alm sass. Zwei von ihnen hatten Instrumente dabei, und als wir uns wieder auf den R\u00fcckweg machten, weil ein paar dunkle Wolken \u00fcber den Bergen zusammenzogen, wurden wir von einem kleinen Liedchen begleitet: Sehr ungeschminkte und bodenst\u00e4ndige alpine Folklore, als wollten die Musiker ihre eigene Version von Authentizit\u00e4t umsetzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir waren gar nicht anspruchsvoll: F\u00fcr den Start hatten wir uns eine leichte Tour ausgesucht, nicht zu anspruchsvoll, aber ein bisschen alpines Gef\u00fchl sollte schon dabei aufkommen. 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