{"id":947,"date":"2009-06-24T21:00:56","date_gmt":"2009-06-24T18:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=947"},"modified":"2009-06-24T21:00:56","modified_gmt":"2009-06-24T18:00:56","slug":"die-katze-uber-dem-abgrund","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2009\/06\/24\/die-katze-uber-dem-abgrund\/","title":{"rendered":"Die Katze \u00fcber dem Abgrund"},"content":{"rendered":"<p><em>Slavoj Zizek \u00fcber den Iran: Einer der bisher besten und einleuchtendsten Texte \u00fcber die Ereignisse dort. Erschienen ist er u.a. <a href=\"http:\/\/itself.wordpress.com\/2009\/06\/24\/will-the-cat-above-the-precipice-fall-down\/\">hier<\/a> in einer englischen Version, es gibt auch mehrere andere, \u00fcblicherweise vertrauensw\u00fcrdige Quellen, die ihn gebracht haben. Es hei\u00dft, der Text sei von Mainstream-Publikationen (ger\u00fcchteweise der <em>New York Times<\/em>) abgelehnt worden. Das Folgende ist eine Quick-and-Dirty-\u00dcbersetzung. Korrekturen bitte in die Kommentare. Der Text ist gemeinfrei, wer ihn kopieren m\u00f6chte, kann das gerne tun.<\/em><\/p>\n<p>Wenn sich ein autorit\u00e4res Regime seiner endg\u00fcltigen Krise n\u00e4hert, dann folgt seine Aufl\u00f6sung in der Regel zwei Schritten. Vor dem tats\u00e4chlichen Kollaps findet ein mysteri\u00f6ser Bruch statt: Pl\u00f6tzlich wissen alle Menschen, dass das Spiel vorbei ist, sie haben einfach keine Angst mehr. Es ist nicht einfach so, dass das Regime seine Legitimierung verliert, die Machtaus\u00fcbung selbst wird als impotente Panikreaktion wahrgenommen. Wir kennen alle die klassische Szene aus den Zeichentrickfilmen: Die Katze erreicht einen Abgrund, aber sie l\u00e4uft weiter und ignoriert die Tatsache, dass es unter ihren F\u00fc\u00dfen keinen Boden mehr gibt; sie f\u00e4llt erst dann, wenn sie nach unten schaut und die Tiefe bemerkt. Das Regime, das seine Autorit\u00e4t verliert, ist wie eine Katze \u00fcber dem Abgrund: Damit es st\u00fcrzt, muss man es nur daran erinnern, nach unten zu schauen &#8230;<!--more--><\/p>\n<p>In <em>Shah of Shahs<\/em>, einem klassischen Bericht \u00fcber die Khomeini-Revolution, hat Ryszard Kapuscinski den exakten Moment dieses Bruchs festgehalten: An einer Kreuzung in Teheran weigerte sich ein einziger Demonstrant, einen Mucks zu tun, als er von einem br\u00fcllenden Polizist aufgefordert wurde, sich zu bewegen. Der blamierte Polizist zog sich einfach zur\u00fcck; innerhalb weniger Stunden wu\u00dfte ganz Teheran von diesem Ereignis, und obwohl die Stra\u00dfenk\u00e4mpfe wochenlang weiter gingen, wu\u00dfte irgendwie jeder, das Spiel ist aus. Passiert jetzt etwas \u00c4hnliches?<\/p>\n<p>Es gibt viele Versionen zu den Ereignissen in Teheran. Einige sehen die Proteste als Kulmination einer prowestlichen &#8222;Reformbewegung&#8220;, vergleichbar mit den &#8222;orange-farbenen&#8220; Revolutionen in der Ukraine, in Georgien, usw. &#8211; eine s\u00e4kulare Reaktion auf die Khomeini-Revolution. Sie unterst\u00fctzen die Proteste als ersten Schritt in Richtung eines neuen, liberal-demokratischen, s\u00e4kularen Iran, frei von moslemischem Fundamentalismus. Ihnen stehen die Skeptiker entgegen, die glauben, dass Ahmadinejad tats\u00e4chlich gewonnen hat: Er ist die Stimme der Mehrheit, w\u00e4hrend die Unterst\u00fctzung f\u00fcr Mussawi aus den Mittelklassen und ihrer goldenen Jugend kommt. Kurz gefasst: Machen wir uns keine Illusionen und akzeptieren wir die Tatsache, dass der Iran mit Ahmadinejad einen Pr\u00e4sidenten hat, den er verdient. Dann gibt es die, die Mussawi als Mitglied des klerikalen Establishments, mit allenfalls kosmetischen Abweichungen zu Ahmadinejad, ablehnen: Auch Mussawi will das Atomenergieprogramm fortsetzen, er ist gegen die Anerkennung Israels, au\u00dferdem geno\u00df er, in seiner Zeit als Premierminister w\u00e4hrend der Jahre des Kriegs mit dem Irak, die volle Unterst\u00fctzung Khomeinis.<\/p>\n<p>Der traurigste Fall sind schlie\u00dflich die linksorientierten Anh\u00e4nger Ahmadinejads: Was f\u00fcr sie haupts\u00e4chlich zur Debatte steht, ist die iranische Unabh\u00e4ngigkeit. Ahmadinejad hat gewonnen, weil er f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit des Landes einstand, die Korruption der Elite offenlegte und den \u00d6lreichtum einsetzte, um die Einkommen der armen Mehrheit verbesserte &#8211; das ist, sagt man uns, der wahre Ahmadinejad, der sich hinter dem eines den Holocaust leugnenden Fanatikers verbirgt, wie es die westlichen Medien zeichnen. Dieser Anschauung nach sind die aktuellen Ereignisse im Iran im wesentlichen eine Wiederholung der Absetzung Mossadeghs 1953 &#8211; ein vom Westen finanzierter Coup gegen den legitimen Pr\u00e4sidenten. Diese Anschauung ignoriert nicht nur Fakten wie die hohe Wahlbeteiligung &#8211; 85 Prozent statt der sonst \u00fcblichen 55 Prozent -, die nur als Ausdruck einer Protestwahl erkl\u00e4rt werden kann. Sie erweist sich auch als blind gegen\u00fcber der echten Demonstration eines \u00f6ffentlichen Willens, weil sie in bevormundender Weise annimmt, dass ein Ahmadinejad gut genug sei f\u00fcr die r\u00fcckst\u00e4ndigen Iraner &#8211; sie sind noch nicht reif genug, um von einem s\u00e4kularen Linken regiert zu werden.<\/p>\n<p>So gegens\u00e4tzlich diese Versionen auch sein m\u00f6gen, sie alle lesen die iranischen Proteste entlang der Achse &#8222;islamische Hardliner gegen prowestliche liberale Reformer&#8220;, weswegen es ihnen so schwer f\u00e4llt, Mussawi einzuordnen: Ist er ein vom Westen gest\u00fctzter Reformer, der mehr pers\u00f6nliche Freiheit und Marktwirtschaft w\u00fcnscht, oder ein Mitglied der klerikalen Establishments, dessen schlu\u00dfendlicher Erfolg das Wesen des Regimes nicht entscheidend \u00e4ndern w\u00fcrde? Diese extremen Schwankungen zeigen, dass sie alle das wahre Wesen der Proteste nicht erkennen.<\/p>\n<p>Die gr\u00fcne Farbe, die die Mussawi-Anh\u00e4nger \u00fcbernommen haben, die &#8222;Allah akbar!&#8220;-Rufe, die in der Abendd\u00e4mmerung von den D\u00e4chern Teherans erschallen, zeigen deutlich, dass die Aktivit\u00e4ten als Wiederholung der Khomeini-Revolution von 1979 gesehen werden, als R\u00fcckkehr zu den Wurzeln, als Entflechtung der Korruption, die die Revolution sp\u00e4ter befiel. Diese R\u00fcckkehr zu den Wurzeln betrifft nicht nur die Programmatik; sie betrifft sogar noch mehr die Handlungsweisen der Menschen: Die emphatische Einheit des Volks, die allumgreifende Solidarit\u00e4t, die kreative Selbstorganisation, die Improvisation in den Artikulationsarten der Proteste, die einzigartige Mischung aus Spontaneit\u00e4t und Disziplin, wie der omin\u00f6se Marsch der Tausend in v\u00f6lligem Schweigen. Womit wir es zu tun haben, ist eine authentische und umfassende Erhebung aller entt\u00e4uschen Anh\u00e4nger der Khomeini-Revolution.<\/p>\n<p>Es gibt einige wichtige Schlu\u00dffolgerungen, die aus dieser Einsicht gezogen werden m\u00fcssen. Erstens, Ahmadinejad ist nicht der Held der islamistischen Armen, sondern tats\u00e4chlich ein korrumpierter islamo-faschistischer Populist, eine Art iranischer Berlusconi, dessen Mischung aus clownesken Posen und skrupelloser Machtpolitik sogar bei der Mehrheit der Ayatollahs f\u00fcr Unbehagen sorgt. Sein demagogisches Verteilen von Brotkr\u00fcmeln an die Armen sollte uns nicht t\u00e4uschen: Hinter ihm stehen nicht nur die Organe der polizeilichen Repression und ein nach sehr westlichen Ma\u00dfst\u00e4ben gestalteter PR-Apparat, sondern eine starke reiche Oberschicht, die das Ergebnis der Korruption des Regimes ist. (Die Revolution\u00e4ren Garde des Iran ist keine Miliz der Arbeiterklasse, sondern ein Megakonzern und der Punkt, an dem sich der meiste Reichtum des Landes angesammelt hat.)<\/p>\n<p>Zweitens, es gilt eine klare Unterscheidung zwischen den beiden wichtigsten Gegenkandidaten Ahmadinejads zu ziehen, Mehdi Karroubi und Mussawi. Karroubi ist vor allem ein Reformer, der im wesentlichen eine iranische Version der Identit\u00e4tspolitik bef\u00fcrwortet, indem er allen einzelnen Gruppierungen Gef\u00e4lligkeiten verspricht. Mussawi ist etwas ganz anderes: Sein Name steht f\u00fcr die authentische Wiederbelebung des popul\u00e4ren Traums, der die Khomeini-Revolution am Leben hielt. Auch wenn dieser Traum eine Utopie war, sollte man doch in ihm die echte Utopie der Revolution selbst erkennen. Das bedeutet Folgendes: Die Khomeini-Revolution von 1979 kann nicht auf die Macht\u00fcbernahme von Hardline-Islamisten reduziert werden &#8211; sie war sehr viel mehr. Jetzt ist die Zeit, um sich an den unglaublichen \u00dcberschwang des ersten Jahrs nach der Revolution zu erinnern, mit einer atemberaubenden Explosion politischer und sozialer Kreativit\u00e4t, organisatorischen Experimenten und Debatten zwischen Studenten und einfachen Menschen. Die blo\u00dfe Tatsache, dass diese Explosion erstickt werden mu\u00dfte, belegt, dass die Khomeini-Revolution ein authentisches politisches Ereignis war, eine kurzzeitige \u00d6ffnung, die ungeahnte Kr\u00e4fte sozialer Transformation frei lie\u00df, ein Moment, in dem &#8222;alles m\u00f6glich schien&#8220;. Was folgte, war eine schrittweise Schlie\u00dfung, in dem das islamische Establishment die Macht und die politische Kontrolle \u00fcbernahm. Um es in Freudschen Termini auszudr\u00fccken: Die Protestbewegung von heute ist die R\u00fcckkehr dessen, was die Khomeini-Revolution verdr\u00e4ngt hatte.<\/p>\n<p>Und das bedeutet zu guter Letzt, dass der Islam ein echtes befreiendes Potenzial besitzt &#8211; um einen &#8222;guten&#8220; Islam zu finden, muss man nicht ins 10. Jahrhundert zur\u00fcck gehen, wir haben ihn genau hier, vor unseren Augen.<\/p>\n<p>Die Zukunft ist ungewi\u00df &#8211; aller Wahrscheinlichkeit nach werden die Machthaber die popul\u00e4re Explosion im Schach halten, und die Katze wird nicht in den Abgrund fallen, sondern wieder Boden unter die F\u00fc\u00dfe bekommen. Es wird jedoch nach all dem nicht mehr das gleiche Regime sein, sondern nur ein korrumpiertes, autorit\u00e4res Herrschaftssystem unter anderen. Wie alles auch immer ausgehen mag, so ist es doch von zentraler Bedeutung, sich bewusst zu machen, dass wir Zeugen eines gro\u00dfen emanzipatorischen Ereignisses sind, das nicht in den Rahmen eines Kampfes zwischen prowestlichen Liberalen und antiwestlichen Fundamentalisten passt. Wenn unser zynischer Pragmatismus dazu f\u00fchrt, dass wir die F\u00e4higkeit zur Erkenntnis dieser emanzipatorischen Dimension verlieren, dann treten wir im Westen tats\u00e4chlich in eine postdemokratische \u00c4ra und machen uns bereit f\u00fcr unsere eigenen Ahmadinejads. Die Italiener kennen seinen Namen schon: Berlusconi. Andere stehen schon Schlange.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Slavoj Zizek \u00fcber den Iran: Einer der bisher besten und einleuchtendsten Texte \u00fcber die Ereignisse dort. Erschienen ist er u.a. hier in einer englischen Version, es gibt auch mehrere andere, \u00fcblicherweise vertrauensw\u00fcrdige Quellen, die ihn gebracht haben. 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