{"id":968,"date":"2009-07-27T18:22:33","date_gmt":"2009-07-27T15:22:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=968"},"modified":"2011-10-25T17:59:19","modified_gmt":"2011-10-25T14:59:19","slug":"vom-indeschen-ozean","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2009\/07\/27\/vom-indeschen-ozean\/","title":{"rendered":"Vom Indeschen Ozean"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3215\/3755135375_cfef9fbeaf.jpg\" alt=\"Tagebau Inden\" \/><\/p>\n<p>Hier entsteht ein Tegernsee. Ab 2030 soll die Grube des Tagebaus Inden geflutet werden, um einen See von 1.160 Hektar Gr\u00f6\u00dfe zu bilden. Das wird etwas dauern: Fr\u00fchestens 2060 soll der angestrebte Pegelstand erreicht werden, der See w\u00e4re damit der gr\u00f6\u00dfte See Nordrhein-Westfalens (zumindest vorl\u00e4ufig, dazu gleich) und etwa so gro\u00df wie der Tegernsee, wie regionale Medien vorrechnen. Tats\u00e4chlich w\u00e4re er sogar etwas gr\u00f6\u00dfer und eher vergleichbar mit dem Edersee, aber Tegernsee liest sich wohl besser in den Immobilienprospekten der Zukunft.<!--more--> (Der WDR sieht hier sogar einen <a href=\"http:\/\/www.wdr.de\/themen\/wirtschaft\/wirtschaftsbranche\/energie\/kohleland_nrw\/umwelt\/braunkohle\/081205.jhtml?rubrikenstyle=panorama\">neuen Chiemsee<\/a> entstehen, aber da hat man sich <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liste_der_Seen_in_Deutschland\">doch geh\u00f6rig vertan<\/a>.)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2591\/3755154437_cbac77aba7.jpg\" alt=\"Tagebau Inden\" \/><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Indescher_See\">Indescher See<\/a> soll das Gew\u00e4sser laut Wikipedia hei\u00dfen, wenn nicht gar <a href=\"http:\/\/www.indeland.de\/media\/pdfs\/2\/2007-12-10_PM%20indeland%20Ausstellung.pdf\">Indemeer<\/a> oder <a href=\"http:\/\/www.wdr.de\/mediathek\/html\/\/...\/lokalzeit-aachen-tagebau.xml\">Indescher Ozean<\/a>. Ein ambitioniertes Projekt also, sicher nicht so grandios wie der Versuch, <a href=\"http:\/\/pruned.blogspot.com\/2009\/07\/artificial-desert-lake-of-turkmenistan.html\">die W\u00fcste aufzuf\u00fcllen<\/a>, aber doch spektakul\u00e4r genug. Zumal man es im Zusammenhang mit einem B\u00fcndel weitere Ma\u00dfnahmen zur Umgestaltung dieser Region sehen muss, aus denen eine m\u00f6glichst vielf\u00e4ltige und attraktive &#8222;Tagebaufolgelandschaft&#8220; entstehen soll. Tagebaufolgelandschaft klingt nat\u00fcrlich \u00e4u\u00dferst unsexy, also hat man sich den fluffigen Namen <a href=\"http:\/\/www.indeland.de\/\">Indeland<\/a> ausgedacht. Das ist kein Themenpark f\u00fcr Alternative Rocker, sondern das Label, mit dem die Landschaft rund um den Tagebau Inden sich und ihre weichen und harten Standortfaktoren in Zukunft vermarkten will.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2500\/3755877168_aab20fea2c.jpg\" alt=\"Tagebau Inden\" \/><\/p>\n<p>Der Name ist abgeleitet vom Fl\u00fc\u00dfchen Inde, und das war vor einigen Jahren schon einmal Gegenstand eines <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Inde_%28Fluss%29#Neues_Flussbett\">bemerkenswerten Projekts<\/a>: Ein Teils des Flusslaufs <a href=\"http:\/\/www.rwe.com\/web\/cms\/de\/4398\/rwe\/rwe-konzern\/sponsoring\/public\/\">wurde verlegt<\/a>, weil er dem Tagebau ausweichen mu\u00dfte, wobei man interessanterweise dem Flussbett einen m\u00e4andernden Verlauf gab und damit gewisserma\u00dfen fr\u00fchere Begradigungen zur\u00fcckkorrigierte. Eine k\u00fcnstliche Landschaft, in der die Natur selbst wirksam werden und sich entfalten soll.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2441\/3756028802_de6ae3fc7c.jpg\" alt=\"Tagebau Inden\" \/><\/p>\n<p>Ob dieses Konzept aufgeht, muss man sicher abwarten, zumindest spricht es f\u00fcr eine gestiegene Bereitschaft, sich mit \u00f6kologischen Fragen auseinanderzusetzen. Gilt das auch f\u00fcr ein Mega-Projekt wie den Indeschen Ozean? Die M\u00f6glichkeit eines Tegernsees vor der eigenen Haust\u00fcr, und die Vision von Badestr\u00e4nden, Windsurfern und Yachth\u00e4fen, das alles st\u00f6\u00dft zwar in der Region auf einige Resonanz. Aber urspr\u00fcnglich war mal ein anderes, weniger spektakul\u00e4res, daf\u00fcr vielldeicht nachhaltigeres Konzept vorgesehen, n\u00e4mlich Verf\u00fcllung des Tagesbaulochs mit Abraum und anschlie\u00dfende Rekultivierung. Das ist der RWE, die den Tagebau betreibt, mittlerweile wohl zu teuer geworden. Behauptet zumindest der BUND, der das Projekt als billige Radikall\u00f6sung <a href=\"http:\/\/www.bund-nrw.de\/themen_und_projekte\/braunkohle\/tagebaue_im_rheinland\/tagebau_inden\/\">heftig kritisiert<\/a>: &#8222;So tiefe Gew\u00e4sser sind f\u00fcr die \u00d6kologie verloren&#8220;, hei\u00dft es. Und: &#8222;Durch die Anlage eines Sees wird zuk\u00fcnftigen Generationen die M\u00f6glichkeit einer bedarfsgerechten Gestaltung genommen.&#8220;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3440\/3755922854_8d477fd9ae.jpg\" alt=\"Tagebau Inden\" \/><\/p>\n<p>Auch im benachbarten Rhein-Erft-Kreis gibt es Skepsis, weil &#8222;durch einen Indener See rund 800 Hektar Ackerfl\u00e4che verloren gingen&#8220;, wie der <a href=\"http:\/\/www.ksta.de\/html\/artikel\/1179819731938.shtml\"> K\u00f6lner Stadt-Anzeiger<\/a> schreibt: &#8222;Es k\u00f6nnte Druck auf landwirtschaftliche Fl\u00e4chen auch bei uns entstehen&#8220;, wird der Umweltdezernent des Kreises zitiert. (Die Fl\u00e4che ging nat\u00fcrlich schon durch den Tagebau selbst verloren, aber nach dem urspr\u00fcnglichen Rekultivierungskonzept h\u00e4tte man die betroffenen Landwirte auf dem neugewonnenen Boden wieder ansiedeln k\u00f6nnen.) Allerdings denkt man im Nachbarkreis vermutlich nicht ganz uneingenn\u00fctzig, denn dort hat man noch Gr\u00f6\u00dferes vor: Der Tagebau Hambach soll ebenfalls einmal geflutet werden und dann mit 40 Hektar den siebtgr\u00f6\u00dften See Deutschlands bilden (Das w\u00e4re dann, liebe Regionalmarketer, mehr in der Gr\u00f6\u00dfenklasse des Starnberger Sees). Dazu wird es allerdings kaum vor 2100 kommen, und vielleicht hat man ein bisschen Sorge, dass der Indesche Ozean bis dahin fremdenverkehrs- und standorttechnisch schon einiges Wasser abgegraben hat.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2619\/3756043298_3c456167cb.jpg\" alt=\"Indescher Ozean\" \/><\/p>\n<p>Seit dem Ungl\u00fcck in Nachterstedt ist freilich <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/die-welt\/vermischtes\/article4193814\/Der-Indesche-Ozean.html\">noch eine weitere Sorge hinzu gekommen<\/a>. Wie sicher ist so ein gro\u00dfer See \u00fcberhaupt? Muss man bef\u00fcrchten, dass sich das Motto der Indeland-Projektgesellschaft &#8211; <em>Landschaft in Bewegung<\/em> &#8211; auf ungewollte Weise bewahrheiten k\u00f6nnte? Die Neuseenlandschaft in den ostdeutschen Braunkohlerevieren galt bisher immer als Vorbild f\u00fcr die Konzepte, die hier in der Region umgesetzt werden sollen &#8211; ist jetzt doch etwas mehr Skepsis angebracht?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2622\/3755192087_94eda508b0.jpg\" alt=\"Goltsteinkuppe\" \/><\/p>\n<p>Da wird es in den n\u00e4chsten Monaten und Jahren sicher noch einige Diskussionen geben. In den Gemeinden, die zuk\u00fcnftige Anrainer des Sees sein werden, scheint die Akzeptanz allerdings relativ gro\u00df. Um die Akzeptanz f\u00fcr ein Projekt, dessen Realisierung so weit in der Zukunft liegt, noch weiter zu festigen, h\u00e4lt man es wie im Mittelalter, als es um den Bau der Kathedralen ging: Kaum einer der Stifter konnte ja damals die Fertigstellung des Baus miterleben, und damit sie wenigstens einen Abglanz der zuk\u00fcnftigen Pracht sehen konnten, lie\u00df man schon w\u00e4hrend der Erbauung Alt\u00e4re, Fresken oder Heiligenfiguren anbringen. So gibt es auch hier bereits kleine Alt\u00e4rchen und G\u00f6tzen, die den jetzt Lebenden eine Identifikation mit der sch\u00f6nen neuen Nachfolgelandschaft erm\u00f6glichen sollen. Am Tagebau Inden gibt es einen Aussichtspunkt, an dem Schautafeln von der zuk\u00fcnftigen Landschaft erz\u00e4hlen &#8211; bunt, ausf\u00fchrlich und kamera\u00fcberwacht, vielleicht bef\u00fcrchtet man, dass die Gegner ihre Argumente mit dem Edding \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnten.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3441\/3755331601_e7e1d4410a.jpg\" alt=\"Indemann\" \/><\/p>\n<p>Ein Maskottchen hat die neue Landschaft auch schon: Den<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.euregionale2008.eu\/de\/projekte\/indeland\/projekte\/indemann_freizeitzentrum_goltsteinkuppe\/index.html\">Indemann<\/a>, eine Stahlgeflecht-Figur mit erhobenem rechten Arm (aber noch im zul\u00e4ssigen Winkel), bei der man nicht richtig wei\u00df, ob sie in die Landschaft gr\u00fc\u00dft oder etwas wichtiges zeigt, oder vielleicht doch eine Sternenzerst\u00f6rer-Waffe gezogen hat. 36 Meter hoch steht sie auf der Goltsteinkuppe, einer Abraumhalde, die einmal am Rand des Indeschen Ozeans liegt, und ist gedacht als Landmarke, als begehbare, nachts bunt illuminierte &#8222;Medienskulptur&#8220; inmitten eines &#8222;Funsport&#8220;-Parkes, der freilich erst noch entstehen soll. Auch am Indemann wird momentan noch geh\u00e4mmert und geschraubt, und so wirkt die Figur eher wie eine etwas aktualisierte Variante des <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/The_Wicker_Man_%281973_film%29\">Wicker Man<\/a>. Und man kann nur hoffen, dass die Bewohner der Region nicht irgendwann auf \u00e4hnliche heidnische Rituale verfallen, um zu verhindern, dass die Landschaft zu sehr in Bewegung ger\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier entsteht ein Tegernsee. Ab 2030 soll die Grube des Tagebaus Inden geflutet werden, um einen See von 1.160 Hektar Gr\u00f6\u00dfe zu bilden. 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