{"id":976,"date":"2009-07-17T14:47:36","date_gmt":"2009-07-17T11:47:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=976"},"modified":"2009-07-17T17:21:07","modified_gmt":"2009-07-17T14:21:07","slug":"u-city","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2009\/07\/17\/u-city\/","title":{"rendered":"U-City"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3484\/3729321896_7acd7d0af0.jpg\" alt=\"New Songdo City\" \/><br \/>\n<font size=1>New Songdo City. Foto: <a href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Incheon_Skyline.jpg\">Wikimedia<\/a>.<\/font><\/p>\n<p>Vergessen Sie Dubai: Das neue Utopia liegt in S\u00fcdkorea und hei\u00dft New Songdo City: Eine Rei\u00dfbrettstadt auf 6 Quadratkilometer neugewonnenem Land, etwa 65 Kilometer s\u00fcdwestlich von Seoul, vor den Toren der Hafenstadt Incheon. Ein Projekt mit gigantischem Anspruch: Eine &#8222;brandneue Stadt&#8220; soll hier entstehen, verk\u00fcndet die <a href=\"http:\/\/www.songdo.com\/\">offizielle Website<\/a>,  ein &#8222;globaler Business-Hub&#8220;, mit der Welt verkn\u00fcpft \u00fcber ein &#8222;neues Aerotropolis&#8220;, das &#8222;ein Drittel der Weltbev\u00f6lkerung in 3,5 Stunden&#8220; erreichbar macht &#8211; zugleich aber auch eine der &#8222;gr\u00fcnsten St\u00e4dte der Erde&#8220; und &#8222;eine smarte und nachhaltige Welt&#8220;.<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3065\/2680008400_c9777cae88_d.jpg\" alt=\"New Songdo City\" \/><br \/>\n<font size=1>Foto: <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/a23h\/2680008400\/\">A23H<\/a>.<\/font><\/p>\n<p>Schaut man auf die Zahlen und Fakten, dann klingt die Euphorie der Eigenwerbung gar nicht mal so \u00fcberzogen: Zur Fertigstellung im Jahr 2015 sollen in New Songdo City rund 80.000 Wohnungen verf\u00fcgbar sein, 4,6 Millionen Quadratmeter B\u00fcrofl\u00e4che und knapp 1 Million Quadratmeter f\u00fcr den Handel. 65.000 Menschen sollen in New Songdo selbst wohnen, bis zu einer halben Million dort arbeiten. Die Stadt ist als Freihandelszone konzipiert, in der mehrere W\u00e4hrungen zugelassen und keine Steuern auf ausl\u00e4ndische Unternehmen erhoben werden, Englisch ist offizielle Verkehrssprache, um die Ansiedlung ausl\u00e4ndischer Institutionen wie Forschungszentren oder Bildungseinrichtungen wird aktiv gebuhlt. Zu den Landmarken der neuen Stadt geh\u00f6ren ein 610 Meter hoher Turm (Fertigstellung etwa 2012) ein 65st\u00f6ckiger Wolkenkratzer (der h\u00f6chste in S\u00fcdkorea) und die 12,3 km lange Incheon Bridge, die die k\u00fcnstliche Insel mit dem Festland verbindet (Er\u00f6ffnung: Oktober 2009). Nicht zu vergessen nat\u00fcrlich der &#8222;Jack Nicklaus Golf Course&#8220;, einer von nur 25 in der Welt, wie die st\u00e4dtische Website stolz vermeldet. Und was die versprochene Nachhaltigkeit angeht, so sind 40 Prozent der Stadt als &#8222;Gr\u00fcnfl\u00e4che&#8220; ausgelobt, was immer das in der konkreten Umsetzung bedeuten mag. Vermutlich sind da die Areale mit eingerechnet, in denen &#8222;architektonische Meisterwerke der ganzen Welt&#8220; nachgebaut werden sollen, etwa der Central Park von New York oder die Kan\u00e4le von Venedig.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2385\/2259853142_572b4c73eb_d.jpg\" alt=\"New Songdo City\" \/><br \/>\n<font size=1>Foto: <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/conbon\/2259853142\/sizes\/m\/\">Conbon33<\/a><\/font><\/p>\n<p>Auf $40 Milliarden Dollar sind die Kosten f\u00fcr das Megaprojekt veranschlagt, damit ist es, behauptet die <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/New_Songdo_City\">Wikipedia<\/a>, &#8222;das gr\u00f6\u00dfte private Entwicklungsprojekt, das jemals irgendwo in der Geschichte der Welt unternommen wurde&#8220;. (Privat deshalb, weil die Entwicklung von einem internationalen Joint Venture gesteuert wird, dem koreanischen Stahlgiganten POSCO und der amerikanischen Gesellschaft Gale International.)<\/p>\n<p>Ein Projekt dieser Art klingt in Zeiten der Finanz- und Immobilienkrise nach reiner Hybris. In der Tat gibt es hier und da vorsichtige <a href=\"http:\/\/www.independent.co.uk\/news\/world\/asia\/new-songdo-city-atlantis-of-the-far-east-1712252.html\">Zweifel an der Realisierbarkeit<\/a>, Incheons B\u00fcrgermeister Ahn Sang-soo gibt sich jedoch optimistisch: &#8222;Die aktuelle Krise wird uns nicht entmutigen.&#8220;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3354\/3637744255_1a2ef342a2_d.jpg\" alt=\"New Songdo City\" \/><br \/>\n<font size=1>Foto: <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/a23h\/3637744255\/\">A23H<\/a>.<\/font><\/p>\n<p>Interessant ist New Songdo City allerdings nicht nur wegen der Gigantomanie, die sich in den genannten Daten zeigt. Die neue Stadt will zugleich ein Modell liefern, wie eine zukunftsf\u00e4hige Polis gestaltet werden m\u00fcsste: N\u00e4mlich in Form einer <a href=\"http:\/\/www.we-make-money-not-art.com\/archives\/2005\/10\/public-recyclin.php\">ubiquitous city<\/a>, einer allgegenw\u00e4rtigen Stadt, in der &#8222;alle wichtigen Einrichtungen (Wohngeb\u00e4ude, medizinische, wirtschaftliche und Regierungsinstitutionen) miteinander Daten austauschen&#8220;:<\/p>\n<blockquote><p>Public recycling bins that use RFID to credit recyclers every time they toss in a bottle; pressure-sensitive floors in the homes of older people that can detect a fall and contact help; phones that store health records and can be used to pay for prescriptions.<\/p><\/blockquote>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3367\/3503282587_cd5d56215c_d.jpg\" alt=\"New Songdo City\" \/><br \/>\n<font size=1>Foto: <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/78663464@N00\/3503282587\/\">Nicolette Mastrangelo<\/a><\/font><\/p>\n<p>Florian R\u00f6tzer schildert in seinem Buch <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3764374624?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3764374624\">Vom Wildwerden der St\u00e4dte<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3764374624\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> noch ausf\u00fchrlicher einige der Features, die diese <em>U-City<\/em> auszeichnen sollen:<\/p>\n<blockquote><p>Die Idee ist, die Stadt von Anfang an mit einer Vielzahl von Computersystemen auszustatten, so da\u00df sich hier eine \u201edigitale Lebensweise\u201c, ein \u201eU-life\u201c ausbildet. [&#8230;] M\u00f6glichst alles soll mit Funkchips ausgestattet sein, w\u00e4hrend eine einzige Smart Card als Schl\u00fcssel nicht nur f\u00fcr die Wohnungst\u00fcr, sondern auch zum Bezahlen von Parkuhren, Kinos und vielem anderen dienen soll. [&#8230;] In den Wohnungen alter und kranker Menschen will man B\u00f6den mit Drucksensoren ausstatten, die einen Sturz bemerken und automatisch Hilfe rufen. Andere Sensoren sollen Daten zur Luft- oder Wasserqualit\u00e4t liefern.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die allgegenw\u00e4rtige Stadt ist, so gesehen, die f\u00fcrsorgliche Stadt, in der jedes Problem vorausgedacht und mit einem technischen Weg zur L\u00f6sbarkeit versehen ist. Das hat nat\u00fcrlich einen Preis, n\u00e4mlich eine zunehmende Transparenz der Privatsph\u00e4re:<\/p>\n<blockquote><p>Die dunklen Flecken schwinden, der \u00f6ffentliche und auch \u00fcberwachte Raum verschlingt den privaten und den Blicken entzogenen Raum. [&#8230;] <em>U-Cities<\/em> k\u00f6nnten m\u00f6glicherweise, wenn die Menschen \u00fcberhaupt so leben und arbeiten m\u00f6chten, zum Vorbild digitaler Lebenswelten werden; auf jeden Fall d\u00fcrften sie auch zum Modell f\u00fcr k\u00fcnftige Sicherheitsst\u00e4dte werden, in denen immer mehr Aktivit\u00e4ten der B\u00fcrger einschlie\u00dflich von deren Identifizierung und Lokalisierung \u00fcberwacht werden k\u00f6nnen. Fremde Menschen oder verd\u00e4chtiges Verhalten k\u00f6nnten in solchen transparenten St\u00e4dten schnell auffallen.<\/p><\/blockquote>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2617\/3729341370_617f82b65e_o.jpg\" alt=\"Code 46\" \/><br \/>\n<font size=1>Code 46<\/font><\/p>\n<p>Kurz: Ein Szenario, das in etwa dem \u00e4hnelt, was Michael Winterbottom in seinem (zu Unrecht etwas untergegangenen) <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B000AJ9VA6?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=B000AJ9VA6\">Code 46<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=B000AJ9VA6\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> abgebildet hat. Die Idee, dass nur eine transparente Stadt einer regierbare Stadt sei, ist nat\u00fcrlich schon wesentlich \u00e4lter und in der Science-Fiction-Literatur oft genug behandelt worden. Ebenso wie der Ingenieursoptimismus, aus dem sich die Idee speist, urbanes Leben sei etwas, dass sich mit einem Baukasten pr\u00e4konfigurierter Versatzst\u00fccke automatisch erzeugen lie\u00dfe: Man baue ein Theater, ein Kino, eine Opera und schon habe man Kultur.<\/p>\n<p>R\u00f6tzer geht es in seinem Buch vornehmlich um die Militarisierung der St\u00e4dte: Der orwell&#8217;sche Charakter einer Rei\u00dfbrett-Metropole wie New Songdo City ist insofern, m\u00fc\u00dfte man sagen, nichts Beil\u00e4ufiges, kein &#8222;Kollateralschaden&#8220;, der eher nebenher entsteht. New Songdo City ist paradoxerweise eine Stadt, die exemplarisch steht f\u00fcr die Krise des Urbanismus insgesamt, f\u00fcr eine Kapitulation vor der schieren Unm\u00f6glichkeit, das Modell Stadt zukunftsf\u00e4hig zu machen. Insgeheim deuten die Macher hinter New Songdo City das in ihren Werbebrosch\u00fcren auch an, wenn sie die Umweltverschmutzung, den Platzmangel und das Heer ungebildeter Arbeiter in anderen asiatischen St\u00e4dten beklagen: &#8222;It would seem a city that enjoys clean air&#8230; and a superior quality of life just doesn&#8217;t exist anymore.&#8220; Die einzige M\u00f6glichkeit, urbaner Probleme Herr zu werden, scheint eine Art Tabula rasa, die Flucht auf eine Insel, auf der man eine neue Stadt baut, aus der alles, was es an Problemen geben k\u00f6nnte, von vornherein ausgesperrt wird. Es ist die Aktualisierung der <a href=\"http:\/\/books.google.de\/books?id=jRAQAAAAYAAJ&#038;dq=schnabel+insel+felsenburg&#038;printsec=frontcover&#038;source=bl&#038;ots=h4V6J6say-&#038;sig=thy9aa_bmIHdWqkuKWbm_olLulg&#038;hl=de&#038;ei=I05gSqvwG8X6_AbF0bXRDg&#038;sa=X&#038;oi=book_result&#038;ct=result&#038;resnum=3\">Insel Felsenburg<\/a>, in der die Flucht aus dem kriegsverseuchten Europa auch die einzige M\u00f6glichkeit war, dem politischen Chaos zu entkommen, und die Umkehrung der Zukunftsvision, die noch in John Carpenters <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B000J104OM?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=B000J104OM\">Klapperschlange<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=B000J104OM\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> zu sehen war, wo es noch reichte, den Schmutz der Welt selbst auf die Insel zu sperren statt umgekehrt. (Mit dem wichtigen Unterschied nat\u00fcrlich, dass die Isolation der Felsenburger oder von Carpenters Manhattan nicht gew\u00fcnscht wird, der Rest der Welt bleibt ja maximal dreieinhalb Stunden entfernt, und das Modell dieser Insel der Gl\u00fcckseligen ist, zumindest in der Vorstellung des s\u00fcdkoreanischen Ministerpr\u00e4sidenten, grunds\u00e4tzlich auch als U-Nation denkbar.)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3231\/3151259812_1579a467d9_d.jpg\" alt=\"New Songdo City\" \/><br \/>\n<font size=1>Foto: <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/arcticpenguin\/3151259812\/\">arcticpenguin<\/a><\/font><\/p>\n<p>R\u00f6tzer weist zu Recht darauf hin, dass sich die Vollst\u00e4ndigkeit der technologischen Vernetzung, die sich die Stadt quasi wie ein Kettenhemd \u00fcberstreift, zugleich ihre Achillesferse sein d\u00fcrfte: Es gen\u00fcgt, nur eine Nahtstelle aufzurei\u00dfen, um die Laufmaschen durch&#8217;s System rennen zu lassen. Die Perfektion selbst ist das Sicherheitsrisiko. Aber das apokalyptische Potenzial dieser Konstruktion ist nicht allein das Interessante, sondern die Vorstellung, dass sich <em>governance<\/em> in einer Stadt der Zukunft nur erzeugen l\u00e4sst, wenn man das, was in ihr passiert, durch die Technologie m\u00f6glichst getreu abbildet. Gewollt ist quasi eine Verdopplung der Stadt, zwei parallele Welten, die miteinander durch Feeds und Datenstr\u00f6me verkn\u00fcpft sind und aufeinander reagieren. Die Stadt denkt sich selbst, und am Ende kommt vielleicht etwas \u00c4hnliches heraus wie das Szenario, das Geoff Manaugh k\u00fcrzlich f\u00fcr das Drehbuch von <a href=\"http:\/\/bldgblog.blogspot.com\/2009\/06\/nynex-embedded-angel-of-new-york-city.html\">Ghostbuster III<\/a> vorgeschlagen hat &#8230;<\/p>\n<p>Wie debuggt man eigentlich eine Stadt?<\/p>\n<p><font size=1>(HT: Hinweis auf Songdo via <a href=\"http:\/\/m.ammoth.us\/blog\/2009\/07\/songdos-tendril\/\">diesem Eintrag<\/a> bei <em>mammoth<\/em>.)<\/font><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>New Songdo City. Foto: Wikimedia. Vergessen Sie Dubai: Das neue Utopia liegt in S\u00fcdkorea und hei\u00dft New Songdo City: Eine Rei\u00dfbrettstadt auf 6 Quadratkilometer neugewonnenem Land, etwa 65 Kilometer s\u00fcdwestlich von Seoul, vor den Toren der Hafenstadt Incheon. 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