Tour de Web


Sehr zum Chagrin von mir und vielen anderen, die dem Radsport mit mehr als nur beiläufigem Interesse folgen, muss zu Beginn jeder Saison festgestellt werden, dass diese Disziplin in Sachen Internet immer noch in der Prähistorie steckt. Das hat vermutlich damit zu tun, dass es sich beim Radsport um eine im wesentlichen sehr provinzielle Veranstaltung handelt, die man in den Metropolen ja auch eher uncool findet und höchstens mal etwas skeptisch in Augenschein nimmt, wenn gerade Tour de France ist (aber dann auch eigentlich nur das Zeitfahren am vorletzten Tag).

Provinziell ist der Radsport in seiner ganzen Struktur: Die meisten Sportler und Verantwortlichen kommen aus eher ländlichen Gegenden – klar, Rennräder werden in der Stadt ja auch schneller geklaut als Du Shimano sagen kannst -, für die Sponsoren gilt meist das gleiche: Raiffeisenbanken, Baustoffhändler, Fremdenverkehrsverbände – multinationale Konzerne wie die Telekom oder Discovery Channel sind eher Ausnahmen. Dass auch die meisten Rennen auf dem Land stattfinden, liegt schon in der Natur der Sache begründet, einen Galibier findet man nun mal nicht in Paris oder Mailand, und wenn man sich den Städten mal nähert, geht es auch meistens eher durch die Gewerbegebiete in den Vororten, schließlich wollen die Sponsoren ja auch noch ins Bild gebracht werden. Wenn es im Radsport überhaupt Glamour gibt, dann ist das höchsten so ein nostalgischer Fünfziger-Jahre-Glamour, so der letzte Abglanz von Nierentisch-Exotik, der in Namen wie Nizza oder San Remo noch steckt.

Darum sehen die meisten Websites von Radsport-Veranstaltern und Teams auch eher so aus, als ob sie von einem rüstigen Rentner entworfen wurden, der gerade einen Volkshochschulkurs „HTML für Anfänger“ absolviert hat: Kilometerlange Text- und Statistikwüsten, Deep Linking bis zum Marianengraben, allerlei lustige Grafiken und mehr Frames als in einem Museum.

Wenn es überhaupt Websites gibt. Die Rundfahrt Etoile des Bessèges zum Beispiel, die zur Zeit läuft und die Saison in Frankreich einläutet, hat ebensowenig eine wie der GP Costa degli Etruschi, das erste wichtige Rennen in Italien. Obwohl bei beiden Veranstaltungen durchaus hochkarätige Sportler und Mannschaften am Start sind, beim Etruschi-GP zum Beispiel Sprinterkönig Alessandro Petacchi. Die Italiener haben, ist mein Eindruck, überhaupt am wenigsten Interesse daran, ihre Veranstaltungen über die Maßen bekannt zu machen, und in keinem europäischen Land ist es schwieriger, einigermaßen zeitnah an die Ergebnisse zu kommen.

Die Katar-Rundfahrt wiederum hat eine, aber das liegt auch daran, dass das Rennen vom Tour-de-France-Organisator Amaury betreut wird und auf der Tour-Website dokumentiert wird. Da gibt’s dann immerhin ein paar Berichte und Informationen, aber kein Multimedia, so dass man den grandiosen Auftritt von Weltmeister Tom Boonen (drei Siege in drei Etappen, plus der Sieg im Quasi-Prolog GP Doha) und die Fortsetzung des Schicksals von Erik Zabel, zum Bayer Leverkusen des Radsports zu werden, nur nachlesen kann, aber nicht wirklich sehen.

Andererseits ist das ja vielleicht auch ganz gut so, wenn der Radsport, abgesehen vom großen Karneval der Tour, eine eher obskure Veranstaltung ist und jetzt, wo mit Lance Armstrong die charismatischste Persönlichkeit abgedankt hat, möglicherweise für eine Weile wieder auf den Status der rhythmischen Sportgymnastik zurückfallen wird. (Abgesehen natürlich auch von ein paar Regionen, die aber selbst eher den Status einer Obskurität haben, wie dem Baskenland und Belgien.) Es ist zwar ganz nett, wenn man plötzlich selbst abseitige Rennen wie den Classic Haribo auf DSF sehen kann, aber wenn man dafür einen Halbbescheidwisser wie Peter Kohl ertragen muss, macht das auch keinen Spaß mehr. Da schließt man sich doch lieber in irgendwelchen Mailinglisten weg und raunt sich dort die mythischen und bizarren Namen von Rennen, Hügeln, Teams und Fahrern zu, die außerhalb zum Glück keiner kennt: Driedagse van De Panne! Alto de Angliru!

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