{"id":497,"date":"2006-09-09T03:45:08","date_gmt":"2006-09-09T00:45:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=497"},"modified":"2006-09-09T03:45:08","modified_gmt":"2006-09-09T00:45:08","slug":"flussabwarts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/09\/09\/flussabwarts\/","title":{"rendered":"Flussabw\u00e4rts"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/82\/237871402_ddb6be27a6.jpg\" alt=\"Istein\" \/><\/p>\n<blockquote><p>Unter dem Rhein mag ich sein<br \/>\n<font size=1>&#8211; F.S.K., &#8222;Unter dem Rhein&#8220;<\/font><\/p><\/blockquote>\n<p>Eine Freundin studierte vor Jahren in Germersheim. In der Gegend dort gibt es noch ein paar tote Rheinarme: Stille, verschlafene Gew\u00e4sser, die B\u00e4ume stehen bis weit \u00fcber die Wurzeln im Wasser, wie die Mangroven in den S\u00fcmpfen von Florida. Im Sommer ist es hier auch genauso schw\u00fcl und dr\u00fcckend, nur Alligatoren gibt es keine, daf\u00fcr aber zahllose M\u00fccken, und bis in die Nachkriegsjahre war die Malaria hier endemisch. Man konnte im Fr\u00fchjahr ein bi\u00dfchen Geld verdienen, wenn man durch das Wasser watete und M\u00fcckenlarven einzusammelte. Viel gebracht hat das nicht, die M\u00fccken haben sich trotzdem in ausreichender Menge fortgepflanzt, und an manchen Sommertagen war es am Wasser kaum auszuhalten, wenn man nicht aussehen wollte wie ein neurodermitischer Teenager.<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/84\/237891608_e649358d73.jpg\" alt=\"Rhein\" \/>Die toten Rheinarme sind sp\u00e4rliche \u00dcberreste eines einstmals m\u00e4chtigen m\u00e4andernden Flusssystems: 350 Kilometer ma\u00df der Rhein allein zwischen Basel und Worms, bevor er durch Begradigungen, Eindeichungen und Trockenlegungen ein Viertel seiner L\u00e4nge einb\u00fc\u00dfte. Peter Birrmanns Gem\u00e4lde vom Rhein bei Istein zeigt eine anmutige Seenlandschaft, die man fast skandinavisch finden k\u00f6nnte, w\u00e4ren da nicht die Schwarzwaldfelsen am Rande. Vor einigen Wochen bin ich dort mit der Bahn vorbeigefahren: Wo Birrmann noch Wasser sah, sind heute Obstb\u00e4ume und Felder.<\/p>\n<p>Der Rhein ist nicht die einzige Flusslandschaft, die ihre Gestalt ver\u00e4ndert hat: Ab Mitte des 18. Jahrhunderts l\u00e4\u00dft Friedrich der Gro\u00dfe den Oderbruch erschlie\u00dfen &#8211; das erste staatlich organisierte Gro\u00dfprojekt dieser Art. In den folgenden 250 Jahren werden die Deutschen ihre Umwelt radikal umgestalten, &#8222;indem sie Marschlandschaften und Sumpfgebiete zur\u00fcckgewinnen, Moore trockenlegen, Fl\u00fcsse begradigen und D\u00e4mme in den Hocht\u00e4lern bauen.&#8220;<\/p>\n<p>Man kann die Geschichte dieser Umgestaltung in einem der fesselndsten B\u00fccher nachlesen, das mir in diesem Jahr in die H\u00e4nde gekommen ist: In David Blackbourns <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?link_code=as2&#038;path=ASIN\/0393062120&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;camp=1638&#038;creative=6742\">The Conquest of Nature: Water, Landscape and the Making of Modern Germany<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=0393062120\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/>. Der Untertitel verr\u00e4t schon, dass es dabei um mehr geht als einfach nur Deichbauma\u00dfnahmen und Staud\u00e4mme zu protokollieren. Die Auseinandersetzung mit dem Wasser, schreibt Blackbourn, hat &#8222;das Gesicht des Landes genauso ver\u00e4ndert wie die vertrauten und offensichtlichen Symbole des modernen Zeitalters, wie der Fabrikschornstein, die Eisenbahn und das Aufkommen der Stadt&#8220;.<\/p>\n<p>Die Auswirkungen waren nicht immer segensreich: Zwar wurden neue Verkehrswege geschaffen, es gab neue Baugrundst\u00fccke, Agrar- und Siedlungsfl\u00e4chen, Hygiene und Krankheitsvorsorge konnten verbessert werden. Aber die Vorstellung, die Natur in ein festes Korsett sperren zu k\u00f6nnen, erwies sich als Illusion, das haben nicht zuletzt die schweren Hochwasser an Rhein und Oder wieder gezeigt. Die Fl\u00fcsse sind schneller und tiefer, sie treten seltener \u00fcber die Ufer &#8211; aber wenn sie es tun, sind die Konsequenzen katastrophal. Von anderen \u00f6kologischen Konsequenzen &#8211; Austrocknen von Landstrichen hier, Unstersp\u00fclung oder Verschlammung dort &#8211; mal abgesehen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem sind die Reformma\u00dfnahmen in der Regel nicht im Niemandsland durchgef\u00fchrt worden: Sie trafen Menschen, die dort seit Jahrhunderten ans\u00e4ssig waren und ihre eigenen Methoden entwickelt hatten, mit dem Wasser umzugehen. Sie fischten im Oderbruch, im Watt oder in den Rheinauen, wo es m\u00f6glich war, weideten kleine Viehherden, deren Dung zum Bau von Deichen mitverwendet wurde, auf denen wiederum Nutzpflanzen gedeihen konnten. Wo die Fl\u00fcsse beschleunigt, das Meer eingedeicht wurde, verschwand die Infrastuktur dieser Menschen. Wo die Staumd\u00e4mme entstanden, wurden ganze T\u00e4ler geflutet und mit ihnen D\u00f6rfer und H\u00f6fe.<\/p>\n<p>Blackbourn ist kein Umweltromantiker: Es geht ihm nicht darum, eine romantische Sehnsucht nach unber\u00fchrten Landschaften zu f\u00fcttern. Ein jungfr\u00e4ulicher Urzustand l\u00e4\u00dft sich eh nicht rekonstruieren: Der Mensch hat immer in die Umwelt eingegriffen. Aber die &#8222;L\u00f6sungen im kleinen Ma\u00dfstab&#8220;, die unabh\u00e4ngig von gro\u00dfen Reformen entwickelt wurden, sind f\u00fcr Blackbourn &#8222;Belege f\u00fcr Einfallsreichtum und Findigkeit, die von einem B\u00fcndnis aus technologischer Hybris und staatlicher Macht hinweggefegt wurden&#8220;, und es ist wichtig, schreibt er, im Register der historischen Berichterstattung auch diese Verluste mitklingen zu lassen:<\/p>\n<blockquote><p>Geschichte kann uns helfen, zu erkennen, welche Kraft unbeabsichtigte Konsequenzen entfalten k\u00f6nnen. Und es gibt kein anderes Feld menschlicher Unternehmen, vom Krieg vielleicht abgesehen, wo die Kraft unbeabischtigter Konsequenzen so gro\u00df ist wie beim menschlichen Umgang mit der Umwelt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Blackbourn geht es auch um geistesgeschichtliche und ideologische Konsequenzen der deutschen Auseinandersetzung mit dem Wasser. Die Pioniere des Tiefbauwesens, wie zum Beispiel der badische Ingenieur <a href=\"http:\/\/www.kaiserstuhl.eu\/Natur\/tulla.htm\">Johann Gottfried Tulla<\/a>, waren noch aufkl\u00e4rerisch gepr\u00e4gte Technokraten gewesen. Die Vermessung, Kanalisierung und Eindeichung des Wassers ist ohnehin eines der konstitutiven Momente der Moderne, von Leonardo \u00fcber die gro\u00dfen Entdecker bis zu den holl\u00e4ndischen Ingenieuren. (Das kann man \u00fcbrigens sehr sch\u00f6n in Patrick Lecontes Kost\u00fcmfilm <em>Ridicule<\/em> sehen, wo der Held das Wasser erforschen und S\u00fcmpfe trockenlegen will.)<\/p>\n<p>In Deutschland kleidet sich der Kampf gegen das Wasser bald in martialische Vokabeln: Der Fluss und das Meer m\u00fcssen geb\u00e4ndigt werden, es ist ein Krieg, der gegen das Wasser gef\u00fchrt wird. Und das Vokabular flie\u00dft (oder str\u00f6mt) zur\u00fcck in die politische Sph\u00e4re: Die Nazis haben keine M\u00fche, ihre Ideologie mit Metaphern der Landerschlie\u00dfung und Hochwasserbek\u00e4mpfung auszustatten. Landschaftliche Charakteristika werden pl\u00f6tzlich zu v\u00f6lkischen Eigenschaften, es geht um die Erschlie\u00dfung von neuem Lebensraum in Regionen, die als unfruchtbare und parasitische S\u00fcmpfe vorgestellt werden, bewohnt von nomadisierten oder zumindest halbindianischen Slawenst\u00e4mmen, und es geht nicht zuletzt um die Errichtung von D\u00e4mmen und Deichen gegen die Fluten, von denen das deutsche Volk bedroht sein soll.<\/p>\n<p>Nicht ohne S\u00fcffisanz erz\u00e4hlt Blackbourn, dass die Pripjet-S\u00fcmpfe, die die Deutschen so gerne trockengelegt h\u00e4tten, den russischen Partisanen schlie\u00dflich hervorragende Unterschlupfe boten. Beklemmender ist es, wenn er zeigt, dass sich unter den Nazis, bei aller kriegerischen Tiefbau-Rhetorik, auch schon eine gr\u00fcne Ideologie herausbildet, die sich der Bewahrung von Ursor\u00fcnglichkeit und Authentizit\u00e4t verschreibt. Dass es da einige Kontinuit\u00e4ten zu aktuellen Umweltschutzbewegungen gibt, ist zwar keine neue Entdeckung (Wolfgang Pohrt hat darauf vor Jahren schon hingewiesen), aber eine n\u00fctzliche.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/87\/237891602_ab6e8a5ca5.jpg\" alt=\"Rhein\" \/>Inzwischen sieht Blackbourn aber ein neues Bewu\u00dftsein im Umgang mit der Natur: Er zitiert die Zusammenarbeit zwischen deutschen, polnischen und tschechischen Beh\u00f6rden an der Oder als positives Beispiel f\u00fcr ganzheitliche Ans\u00e4tze. Wenn man die Querelen unter den rheinanliegenden Gemeinden kennt, vor allem, wenn&#8217;s um flutbare Fl\u00e4chen geht, dann m\u00f6chte man den Optimismus nicht durchweg teilen. Aber das tut nichts daran, dass man sich von diesem Buch gerne mitnehmen l\u00e4\u00dft. Erst recht, wenn man das Anschauungobjekt direkt vor der Haust\u00fcr hat. I live by the river: Von meiner Wohnung sind es nur ein paar Schritte zum Rheinufer. Da kann man es in Blackbourns Gesellschaft gut eine Weile aushalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem Rhein mag ich sein &#8211; F.S.K., &#8222;Unter dem Rhein&#8220; Eine Freundin studierte vor Jahren in Germersheim. In der Gegend dort gibt es noch ein paar tote Rheinarme: Stille, verschlafene Gew\u00e4sser, die B\u00e4ume stehen bis weit \u00fcber die Wurzeln im Wasser, wie die Mangroven in den S\u00fcmpfen von Florida. Im Sommer ist es hier [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-497","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/497","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=497"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/497\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=497"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=497"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=497"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}