{"id":593,"date":"2007-06-06T00:18:36","date_gmt":"2007-06-05T21:18:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=593"},"modified":"2007-06-06T00:18:36","modified_gmt":"2007-06-05T21:18:36","slug":"villa-bellavista","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/clausmoser.de\/blog\/2007\/06\/06\/villa-bellavista\/","title":{"rendered":"Villa Bellavista"},"content":{"rendered":"<p>Italienischer Feuerwehrmann m\u00fc\u00dfte man sein. Dann st\u00fcnden einem die Pforten dieses prachtvollen Anwesens wohl offen. 1938 erwarb das faschistische Innenministerium das Geb\u00e4ude und \u00fcbergab es dem Sozialwerk des nationalen Feuerwehr. Das richtete hier ein Waisenhaus ein, dessen Name auch noch an einem Nebengeb\u00e4ude zu lesen ist (auch wenn es, soweit ich wei\u00df, nicht mehr existiert). Heute beherbergt das Geb\u00e4ude ein Feuerwehrmuseum.<\/p>\n<p>Villa Bellavista hei\u00dft das Anwesen. Von der sch\u00f6nen Aussicht, nach der es einmal benannt worden sein mag, ist allerdings nicht mehr viel zu sehen. Ringsherum haben sich Wohnsiedlungen und Gewerbegebiete, Treibh\u00e4user und Baumschulen ausgebreitet, und direkt vor dem Geb\u00e4ude f\u00fchrt eine viel befahrene Landstra\u00dfe vorbei. Es gibt einige mehr oder weniger vergessene Villen im platten Niemandsland, das zwischen dem Appenin im Norden und den Chianti-H\u00fcgeln im S\u00fcden liegt. Um sie zu finden, muss man durch wenig attraktive Kleinst\u00e4dte und eher langweilige Landschaften navigieren.<!--more--><\/p>\n<p>Als das hier noch nicht so zersiedelt war, hat Bellavista sicher einen <a href=\"http:\/\/vitruvio.imss.fi.it\/foto\/luoghi\/Pistoia\/VilBel01rs.jpg\">prachtvollen Eindruck<\/a> gemacht haben. Die Familie der Feroni war hier ans\u00e4ssig: Francesco Feroni war ein steinreicher Kaufmann aus Empoli, nur ein paar Kilometer s\u00fcdlich, und hatte in Amsterdam ein Verm\u00f6gen verdient. Einiges davon wird auch den Medici zu Gute gekommen sein, Cosimo III. machte Francesco jedenfalls zum Markgrafen. Das standesgem\u00e4\u00dfe Anwesen gab Feroni bei Antonio Maria Ferri in Auftrag, ein Star unter den Architekten von damals: So gut wie jeder Familie der Florentiner Oberschicht lie\u00df sich von ihm einen Landsitz bauen. Und einige davon stehen hier in der Gegend: Die Trockenlegung der S\u00fcmpfe machte pl\u00f6tzlich Fl\u00e4chen kultivierbar und bebaubar, die vorher brachlagen.<\/p>\n<p>Selbst im heutigen, etwas desolaten Zustand ist Ferris Geb\u00e4ude noch beeindruckend. Es ist ein Musterbeispiel f\u00fcr den florentinischen Barock, der die schm\u00fcckenden Exzesse der Zeit weitgehend zur\u00fcckschraubt und stattdessen die Klarheit und Eleganz der Renaissance fortf\u00fchren m\u00f6chte.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Feroni war die Pracht allerdings zuviel des Guten. Eine Goldgrube lie\u00df sich mit den L\u00e4ndereien nicht erschlie\u00dfen: Mi\u00dfernten, \u00dcberschwemmungen und Unwetter machten die Bem\u00fchungen und Bonifikation immer wieder zunichte und zehrten das Familienverm\u00f6gen auf. Erst verkaufte die Familie die L\u00e4ndereien, 1829 schlie\u00dflich auch die Villa. Das Geb\u00e4ude geriet in Vergessenheit und gammelte vor sich hin, bis es, siehe oben, von Mussolinis Innenministerium \u00fcbernommen wurde.<\/p>\n<p>Warum bekam aber ausgerechnet die Feuerwehr so ein grandioses Geb\u00e4ude \u00fcberlassen? Die <em>Vigili del Fuoco<\/em> spielten eine wichtige Rolle in den zahlreichen (und gerne auch mit der Brechstange vorgetragenen) Modernisierungsbem\u00fchungen, denen Mussolini die italienische Gesellschaft unterzog. Eine Feuerwehrorganisation hatte es bis in die Drei\u00dfiger in Italien nicht wirklich gegeben: Das Feuerwehrwesen lag weitgehend in der Verantwortung der einzelnen Kommunen, und dementsprechend disparat sah es auch aus.<\/p>\n<p>Mussolini machte die Feuerwehr zu einer nationalen Organisation, die direkt dem Innenministerium unterstand und deren innere Struktur quasi-milit\u00e4risch, vergleichbar den Carabinieri durchgeplant wurde. Die Feuerwehr als eine Art Armee, die einen Krieg an anderer Front, gegen die Naturgewalten, zu k\u00e4mpfen hatte, und mit einer eigenen Mythologie versehen wurde. Im wesentlichen hat sich daran bis heute nichts ge\u00e4ndert, auch wenn sich die Aufgaben der Feuerwehr in andere Bereiche ausgeweitet haben und auch Bereiche des Zivilschutzes umfassen. (Dinge, die bei uns im Technischen Hilfswerk oder teilweise auch von der Bundeswehr \u00fcbernommen werden.) Verschiedene Versuche, die zentralistische Struktur aufzuweichen und den Regionen mehr Mitspracherecht in Feuerwehrsangelegenheiten zu verleihen, sind nicht besonders erfolgreich gewesen.<\/p>\n<p>Damit erkl\u00e4rt sich, warum eine Organisation wie die Feuerwehr in diesen Jahren in einem alten Adelssitz unterkommen konnte. Besser lie\u00df sich die faschistische Umwidmung der Geschichte nicht illustrieren, als durch den Einzug einer popul\u00e4ren Heldentruppe in das romantische Anwesen eines Vertreters der alten Ordnung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Italienischer Feuerwehrmann m\u00fc\u00dfte man sein. Dann st\u00fcnden einem die Pforten dieses prachtvollen Anwesens wohl offen. 1938 erwarb das faschistische Innenministerium das Geb\u00e4ude und \u00fcbergab es dem Sozialwerk des nationalen Feuerwehr. Das richtete hier ein Waisenhaus ein, dessen Name auch noch an einem Nebengeb\u00e4ude zu lesen ist (auch wenn es, soweit ich wei\u00df, nicht mehr existiert). 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