Meiningen

Meiningen

Und so krieche ich langsam aus dem Kokon, den die diversen Feier- und Brückentage gesponnen haben, in das frostige Licht dieser neuen Dekade. Es war angenehm, das Ende der Nullerjahre mit ein paar Tagen wirklicher Ruhe markieren zu können und von der Matrix nichts weiter wahrzunehmen als ein diffuses Grundrauschen, etwa so wie das Knistern und Knacken auf alten Schallplatten.

Meiningen

Der Arbeitsalltag ließ sich auch einigermaßen beschaulich an, mit einer kurzen Reise nach Meiningen. Ich komme selten genug in den Osten, noch weniger nach Thüringen, und in Meiningen war ich schon gar nicht gewesen. Und da ich neben den paar Terminen auch genügend Zeit für einen Spaziergang durch die Stadt haben würde, bin ich auch gern losgefahren.

Meiningen

Der Winter ist ja ein Gleichmacher in den meisten Städten, je nach Licht ein gnädiger oder ein unbarmherziger: Eine Schneedecke nivelliert viele sonst sichtbare Kontraste zwischen gepflegten und brachliegenden Flächen, die tief gehängte Wintersonne zeichnet alle Farben, auch die schmutzigen, in einem weicheren Licht, oder es ist grau und verhangen, dann wirken auch leuchtende Fassaden ausgewaschen und blass. In Meiningen schien die Sonne, die Schneedecke war zwar nicht dick, aber geschlossen und leuchtend weiss, und die Stadt sah aufgeräumt und sauber aus, aber wirkte auch ein bisschen unvollständig, wie eine Simulation ihrer selbst oder eine Entwurfsskizze, deren Zwischenräume erst noch gefüllt werden müssten.

Theater Meiningen

Als Spaziergänger bemerkt man zunächst eine Art Zweiteilung der Stadt: Da ist einmal die recht kompakte und aufgeräumte Innenstadt, die wie eine Insel eingefaßt wird von der Werra und einem interessanten System davon abgezweigter Kanäle und Gräben. Im Norden schließen sich zwei großzügig angelegte Parks an: Der Schloßpark und der Englische Garten, in der Mitte durchschnitten von einem etwas Potemkinschen Boulevard. Bernhardstraße und Leipziger Straße werden gesäumt von repräsentativen Prachtbauten und Villen, die im Maßstab einer Kleinstadt ein wenig überdimensioniert wirken. Vor allem das Theater, mit seiner massiven klassizistischen Fassade, macht einen leicht megalomanen Eindruck: Die in Architektur umgesetzte Behauptung, dass man hier, mitten in der Provinz, einen Kunsttempel vor sich hat, der den Tempeln der Metropolen gleichwertig ist.

Bernhardstraße Meiningen

Das war freilich, als das Theater gebaut wurde, keine leere Behauptung. Meiningen war damals Haupt- und Residenzstadt eines der kleineren Flecken auf dem Teppich deutscher Groß- und Kleinstaaten. Das Herzogtum Sachsen-Meiningen gehörte politisch zwar nur in die Zweite Liga, die Ambitionen auf kulturellem Feld waren dafür um so größer, und tatsächlich entwickelte sich die Stadt zu einer europäischen Theaterhochburg, von der wichtige Anstöße für die Entwicklung moderner Theater- und Konzertpraxis ausgingen. Interessanterweise nahm der lokale Fürst, Herzog Georg II., dabei eine tragendere Rolle ein als sonst adlige Mäzene. Der kunstbegeisterte Herzog, der kaum eine diplomatische Mission ins Ausland ohne ein paar Theaterbesuche verstreichen ließ, ließ es sich nicht nehmen, aktiv an der Neuorganisation, Verwaltung und künstlerischen Ausrichtung seines Hoftheaters mitzuwirken. Die Modernität seiner Auffassungen muss man dabei etwas relativieren: Sein Ehrgeiz galt einer weihe- und würdevollen, quasi religiös ausgeübten Kunst, die sich um ehrerbietige „Werktreue“ und historistische „Authentizität“ bemühte. Der moderne Aspekt dieser Theaterkonzeption lag vor allem in der gesteigerten Bedeutung der Text- und Probenarbeit: Um den Text so werktreu wie möglich zu interpretieren, sollte man sich zuvor intensiv mit ihm auseinandersetzen, ihn analysieren, die Interpretation durch weitere Recherchen stützen usw. Eine sorgfältige Regiearbeit dieser Art war an den meisten Theatern in Deutschland, die eher auf kurzlebige Saisonerfolge ausgerichtet waren, nicht üblich. Auch die Ensemblearbeit nahm unter Georgs Ägide ganz neue Formen an: Besetzt wurde nicht mehr nach „Fach“, sondern intuitiv, und wer in einem Stück die Hauptrolle übernahm, hatte in der nächsten Produktion möglicherweise nur eine Nebenrolle. Natürlich hat Georg die Reformen nicht allein vorangetrieben: Neben dem Schauspieler und Intendanten Ludwig Chronegk ist vor allem Georgs Grace Kelly zu nennen, die Schauspielerin Ellen Franz, die er in dritter Ehe heiratete und zur Freifrau Helen von Heldburg adelte. Für die Aufwertung der Meininger Hofkapelle gewann man den Stardirigenten Hans von Bülow, dessen Gattin Cosima (die spätere Frau Wagner) mit Ellen befreundet war. Eine ganz illustre Konstellation also, vergleichbar mit dem Glamour von Monaco (war ja auch mal nur ein kleines Provinzkaff), aber auch den Ambitionen arabischer Emirate. Die Ensembles wurden im übrigen auch als Kulturexporte eingesetzt, und das ziemlich erfolgreich. Angeblich soll Stanislawski von einem Gastspiel in Moskau zur Gründung seines Künstlertheaters inspiriert worden sein – keine Ahnung, ob das stimmt.

Bank für Thüringen

Wie heute Dubai wollte sich Meiningen aber nicht nur als Event-Metropole positionieren, sondern auch als Finanz- und Dienstleistungszentrum. Für eine Kleinstadt gibt es hier erstaunlich viele beeindruckend dimensionierte Bankengebäude. Interessant (und vor allem zugänglich) ist zum Beispiel der Bau, in dem heute die Sparkasse residiert, aber auch die benachbarte, frühere Bank für Thüringen. Deren Gründer, der Bankier Gustav Strupp. ließ sich später am Anfang der Bernhardstraße, genau an der Schnittstelle von Alt- und Repräsentationsstadt, eine nicht minder grandiose Villa bauen. In der DDR wurde die als Kulturhaus genutzt, heute ist sie, wie die Wikipedia knapp vermeldet, im Besitz von Strupps Erben, die aber offenbar nicht viel damit anzufangen wissen: Das Gebäude steht leer.

Villa Strupp

Gegenüber der Villa liegt der Englische Garten, eine weitläufige Parklandschaft, deren Gestaltung durch die Schneedecke freilich ein bißchen verschleiert wird. So kann man die kleinen Miniaturwelten, die hier nebeneinander platziert wurden wie die Attraktionen eines Vergnügugnsparks, mehr ahnen als erkennen: Die romantischen Pseudoruinen direkt neben dem Theater zum Beispiel, die vielen künstlichen Hügelchen und Senken, die etwas bizarren Deko-Gräber rmitsamt neogotischem Friedhofskapellchen. Die Arbeit der Gartenarchitekten wird zur Zeit vor allem von rodelbegeisterten Familien gewürdigt, die die zahlreichen Abfahrtsmöglichkeiten begeistert nutzen (und dabei auch schon mal einen Grabstein als Rampe zweckentfremden).

Englischer Garten Meiningen

Interessant ist, dass der Bahnhof sich von der Stadt aus am anderen Ende des Parks befindet, und ich würde doch gerne wissen, ob das nur aus verkehrstechnischen Gründen notwendig war, oder ob das bewusst so gestaltet wurde, um die Besucher erst mal im Grünen ankommen zu lassen. So spaziert man erst einmal durch die Themenwelt des Gartens, und wenn man die ersten Häuser der Innenstadt erreicht, meint man, von einem Park in den nächsten zu kommen, von einer gärtnerischen in eine städtische Museumsanlage, von einem bunten Nebeneinander verschiedener Landschaftsformen in ein buntes Nebeneinander architektonischer Formen.

Meiningen

Das grandioseste Gebäude der Stadt blieb natürlich dem Herzog vorbehalten: Schloß Elisabethenburg, eine barocker Repräsentations- und Verwaltungsbau, dessen vieläugige Fensterfront ein bisschen an die panoptischen Architekturen erinnert, die Foucault in Überwachen und Strafen schildert. Es ist ein strenger, wenig einladender Bau, der ganz auf die Autorität seines vervielfältigten Blicks setzt. Man möchte da nicht wirklich hineingehen müssen, und so bin ich lieber durch den Schloßpark spaziert und habe mir angesehen, wie die Abendsonne ein paar Kunstwerke im öffentlichen Raum goldgelb anmalte.

Schloss Elisabethenburg, Meiningen