Iaora Tahiti


Eine der ersten Platten, die ich als Kind gehört habe, war Iaora Tahiti. Natürlich nicht die gleichnamige Platte von Mouse On Mars, sondern das legendäre Album des Orchestre Arthur Iriti (möglicherweise die einzige Platte, die dieses Orchester jemals veröffentlicht hat, jedenfalls habe ich nie eine andere gesehen). Für ein Kind war das die perfekte Musik: Ein sehr lauter Männerchor, der süße Melodien brüllte (und für ein Kind ist es äußerst cool, wenn es entdeckt, dass man brüllen und trotzdem süß sein kann), dazu schrammelte eine rhythmische Akustikgitarre vor sich hin und irgendjemand klopfte wild auf jedes Stück Holz, das in Reichweite lag. Und als das Album aufgenommen wurden, lagen wohl einige Stücke Holz in Reichweite.

Ich erinnere mich immer noch an den Text auf der Rückseite der Platte. Ich merke mir oft solche völlig sinnlosen Sachen, während ich andere, wichtigere Dinge mit erstaunlicher Zwangsläufigkeit wieder vergesse. Man frage mich nach dem Geburtsjahr von Jesus, und ich suche das nächste Lexikon. Aber die lustigen Tippfehler auf der Speisekarte einer kleinen italienischen Pizzeria, in der ich vor Jahren mal war, die kann ich immer noch auswändig. Und den komischen Text auf der Rückseite eines obskuren 70er Jahre Albums mit tahitianischer Folklore, den weiß ich auch immer noch.

Als dann neulich eine E-Mail von Mr Dante Fontana vom lustigen Blog PCL Linkdump in mein Postfach poppte, mit der Frage, was ich (und ein paar andere Blogger) mit dem Duft von Vinyl assoziieren, dem Vinyl, aus dem die alten Langspielplatten produziert wurden, da fiel mir sofort die Platte von Iriti ein.

Iaora Tahiti war wohl eine der ersten Stereo-Platten überhaupt, jedenfalls gab der Cover-Text sich alle Mühe, zu beschreiben, was für eine großartige Erfindung Stereo doch sei, und dass die Leute das Album doch bitte allein schon wegen der bloßen Innovation kaufen sollten. Ich kann mich nicht mehr ganz wörtlich an den Text erinnern, aber ich würde beim Halsband jeder polynesischen Schönheit schwören, dass der letzte Satz ungefähr so lautete: „Jetzt wo es Stereo gibt, muß eigentlich nur noch eines erfunden werden: Eine Methode, um den Duft der Blumen im Haar der Tänzerinnen auf Vinyl zu bannen.“

Ich muss wohl nicht sagen, dass sich in meinem sechs Jahre alten Kopf schnell alle möglichen Ideen formten, welche wunderbaren und, vor allem, geruchsintensiven Dinge man auf Vinyl einfangen und beim Abspielen wieder freilassen könnte. Es fiel mir zum Beispiel überhaupt nicht schwer, mir auszudenken, welche Platten ich auflegen würde, wann immer meine Schwester ins Zimmer käme. Aber leider, leider: So vielversprechend die Aussichten auf dem Album von Iriti auch klangen, niemand hat auch nur eine dieser Platten jemals veröffentlicht, jedenfalls nicht während meiner Kindheit, wo ich sie doch am meisten gebraucht hätte. Später habe ich ein paar Scratch’n’Sniff-Platten von Punk-Bands gekauft, aber die olfaktorischen Effekte waren da doch immer sehr begrenzt und auch immer schon schneller vorbei als man den Satz: „Schaler und stickiger Gestank einer bierdruchtränkten Lederjacke, die man am Abend zuvor in einem vermufften Club getragen hat, wo jeder billige Ostblock-Zigaretten rauchte“ vor sich hin sagen kann.

Vermutlich hat es mich darum nie so richtig interessiert, wie Vinyl tatsächlich riecht, und heute möchte ich es auch gar nicht wirklich ausprobieren. Denn seit dieser Zeit damals mache ich mir lieber so meine eigenen Ideen und Vorstellungen, wie das Aroma eines Albums sein sollte. Meistens wird das durch die Musik oder das Cover-Design ausgelöst, und diese kleinen Fantasien möchte ich nur ungern verlieren.

Gallon DrunkIch nenne mal ein Beispiel: Die erste Gallon-Drunk-LP, eine der Platten, die für mich, zumindest in meiner Phantasie, tatsächlich einen intensiven Duft verströmt: Nämlich den der Kirschblüten, die das Girl auf dem Cover umrahmen. Wahrscheinlich wäre ich deprimiert, wenn ich feststellen würde, dass die Platte selbst eher so riecht wie das Nylonkostüm des Covergirls nach einer besonders harten Gymnastik-Session.

Obwohl, wer weiß, vielleicht wäre das auch ein sehr interessanter Geruch … Es gibt einige Dinge, die überläßt man besser der Vorstellungskraft.

(Anmerkung: Dieser kleine Text entstand zuerst auf Englisch für PCL Linkdump. Danke an Mr Dante Fontana für die hübsche Idee und die Anregung.)

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