
Unter dem Rhein mag ich sein
– F.S.K., „Unter dem Rhein“
Eine Freundin studierte vor Jahren in Germersheim. In der Gegend dort gibt es noch ein paar tote Rheinarme: Stille, verschlafene Gewässer, die Bäume stehen bis weit über die Wurzeln im Wasser, wie die Mangroven in den Sümpfen von Florida. Im Sommer ist es hier auch genauso schwül und drückend, nur Alligatoren gibt es keine, dafür aber zahllose Mücken, und bis in die Nachkriegsjahre war die Malaria hier endemisch. Man konnte im Frühjahr ein bißchen Geld verdienen, wenn man durch das Wasser watete und Mückenlarven einzusammelte. Viel gebracht hat das nicht, die Mücken haben sich trotzdem in ausreichender Menge fortgepflanzt, und an manchen Sommertagen war es am Wasser kaum auszuhalten, wenn man nicht aussehen wollte wie ein neurodermitischer Teenager.
Die toten Rheinarme sind spärliche Überreste eines einstmals mächtigen mäandernden Flusssystems: 350 Kilometer maß der Rhein allein zwischen Basel und Worms, bevor er durch Begradigungen, Eindeichungen und Trockenlegungen ein Viertel seiner Länge einbüßte. Peter Birrmanns Gemälde vom Rhein bei Istein zeigt eine anmutige Seenlandschaft, die man fast skandinavisch finden könnte, wären da nicht die Schwarzwaldfelsen am Rande. Vor einigen Wochen bin ich dort mit der Bahn vorbeigefahren: Wo Birrmann noch Wasser sah, sind heute Obstbäume und Felder.
Der Rhein ist nicht die einzige Flusslandschaft, die ihre Gestalt verändert hat: Ab Mitte des 18. Jahrhunderts läßt Friedrich der Große den Oderbruch erschließen – das erste staatlich organisierte Großprojekt dieser Art. In den folgenden 250 Jahren werden die Deutschen ihre Umwelt radikal umgestalten, „indem sie Marschlandschaften und Sumpfgebiete zurückgewinnen, Moore trockenlegen, Flüsse begradigen und Dämme in den Hochtälern bauen.“
Man kann die Geschichte dieser Umgestaltung in einem der fesselndsten Bücher nachlesen, das mir in diesem Jahr in die Hände gekommen ist: In David Blackbourns The Conquest of Nature: Water, Landscape and the Making of Modern Germany. Der Untertitel verrät schon, dass es dabei um mehr geht als einfach nur Deichbaumaßnahmen und Staudämme zu protokollieren. Die Auseinandersetzung mit dem Wasser, schreibt Blackbourn, hat „das Gesicht des Landes genauso verändert wie die vertrauten und offensichtlichen Symbole des modernen Zeitalters, wie der Fabrikschornstein, die Eisenbahn und das Aufkommen der Stadt“.
Die Auswirkungen waren nicht immer segensreich: Zwar wurden neue Verkehrswege geschaffen, es gab neue Baugrundstücke, Agrar- und Siedlungsflächen, Hygiene und Krankheitsvorsorge konnten verbessert werden. Aber die Vorstellung, die Natur in ein festes Korsett sperren zu können, erwies sich als Illusion, das haben nicht zuletzt die schweren Hochwasser an Rhein und Oder wieder gezeigt. Die Flüsse sind schneller und tiefer, sie treten seltener über die Ufer – aber wenn sie es tun, sind die Konsequenzen katastrophal. Von anderen ökologischen Konsequenzen – Austrocknen von Landstrichen hier, Unsterspülung oder Verschlammung dort – mal abgesehen.
Außerdem sind die Reformmaßnahmen in der Regel nicht im Niemandsland durchgeführt worden: Sie trafen Menschen, die dort seit Jahrhunderten ansässig waren und ihre eigenen Methoden entwickelt hatten, mit dem Wasser umzugehen. Sie fischten im Oderbruch, im Watt oder in den Rheinauen, wo es möglich war, weideten kleine Viehherden, deren Dung zum Bau von Deichen mitverwendet wurde, auf denen wiederum Nutzpflanzen gedeihen konnten. Wo die Flüsse beschleunigt, das Meer eingedeicht wurde, verschwand die Infrastuktur dieser Menschen. Wo die Staumdämme entstanden, wurden ganze Täler geflutet und mit ihnen Dörfer und Höfe.
Blackbourn ist kein Umweltromantiker: Es geht ihm nicht darum, eine romantische Sehnsucht nach unberührten Landschaften zu füttern. Ein jungfräulicher Urzustand läßt sich eh nicht rekonstruieren: Der Mensch hat immer in die Umwelt eingegriffen. Aber die „Lösungen im kleinen Maßstab“, die unabhängig von großen Reformen entwickelt wurden, sind für Blackbourn „Belege für Einfallsreichtum und Findigkeit, die von einem Bündnis aus technologischer Hybris und staatlicher Macht hinweggefegt wurden“, und es ist wichtig, schreibt er, im Register der historischen Berichterstattung auch diese Verluste mitklingen zu lassen:
Geschichte kann uns helfen, zu erkennen, welche Kraft unbeabsichtigte Konsequenzen entfalten können. Und es gibt kein anderes Feld menschlicher Unternehmen, vom Krieg vielleicht abgesehen, wo die Kraft unbeabischtigter Konsequenzen so groß ist wie beim menschlichen Umgang mit der Umwelt.
Blackbourn geht es auch um geistesgeschichtliche und ideologische Konsequenzen der deutschen Auseinandersetzung mit dem Wasser. Die Pioniere des Tiefbauwesens, wie zum Beispiel der badische Ingenieur Johann Gottfried Tulla, waren noch aufklärerisch geprägte Technokraten gewesen. Die Vermessung, Kanalisierung und Eindeichung des Wassers ist ohnehin eines der konstitutiven Momente der Moderne, von Leonardo über die großen Entdecker bis zu den holländischen Ingenieuren. (Das kann man übrigens sehr schön in Patrick Lecontes Kostümfilm Ridicule sehen, wo der Held das Wasser erforschen und Sümpfe trockenlegen will.)
In Deutschland kleidet sich der Kampf gegen das Wasser bald in martialische Vokabeln: Der Fluss und das Meer müssen gebändigt werden, es ist ein Krieg, der gegen das Wasser geführt wird. Und das Vokabular fließt (oder strömt) zurück in die politische Sphäre: Die Nazis haben keine Mühe, ihre Ideologie mit Metaphern der Landerschließung und Hochwasserbekämpfung auszustatten. Landschaftliche Charakteristika werden plötzlich zu völkischen Eigenschaften, es geht um die Erschließung von neuem Lebensraum in Regionen, die als unfruchtbare und parasitische Sümpfe vorgestellt werden, bewohnt von nomadisierten oder zumindest halbindianischen Slawenstämmen, und es geht nicht zuletzt um die Errichtung von Dämmen und Deichen gegen die Fluten, von denen das deutsche Volk bedroht sein soll.
Nicht ohne Süffisanz erzählt Blackbourn, dass die Pripjet-Sümpfe, die die Deutschen so gerne trockengelegt hätten, den russischen Partisanen schließlich hervorragende Unterschlupfe boten. Beklemmender ist es, wenn er zeigt, dass sich unter den Nazis, bei aller kriegerischen Tiefbau-Rhetorik, auch schon eine grüne Ideologie herausbildet, die sich der Bewahrung von Ursorünglichkeit und Authentizität verschreibt. Dass es da einige Kontinuitäten zu aktuellen Umweltschutzbewegungen gibt, ist zwar keine neue Entdeckung (Wolfgang Pohrt hat darauf vor Jahren schon hingewiesen), aber eine nützliche.
Inzwischen sieht Blackbourn aber ein neues Bewußtsein im Umgang mit der Natur: Er zitiert die Zusammenarbeit zwischen deutschen, polnischen und tschechischen Behörden an der Oder als positives Beispiel für ganzheitliche Ansätze. Wenn man die Querelen unter den rheinanliegenden Gemeinden kennt, vor allem, wenn’s um flutbare Flächen geht, dann möchte man den Optimismus nicht durchweg teilen. Aber das tut nichts daran, dass man sich von diesem Buch gerne mitnehmen läßt. Erst recht, wenn man das Anschauungobjekt direkt vor der Haustür hat. I live by the river: Von meiner Wohnung sind es nur ein paar Schritte zum Rheinufer. Da kann man es in Blackbourns Gesellschaft gut eine Weile aushalten.
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