Libérez la musique

Der Nouvel Observateur hat ein bemerkenswertes Manifest veröffentlicht. Unter dem Titel Libérez la musique ergreift das Magazin Partei für eine Entkriminalisierung der Musikdownloads, und das in einer Deutlichkeit, die man in der deutschen Mainstream-Presse so kaum findet.

In einem ausführlichen Hintergrundartikel referiert Doan Bui die Hauptargumente beider Seiten und bleibt bei aller Parteilichkeit sehr sachlich. Das Kernargument ist aber eindeutig: Die Krise der Plattenindustrie ist keine Krise der Musik, schon gar nicht der Kreativität. Statt das Downloaden von Musik nahezu pauschal als „Piraterie“ zu verdammen, sollten Industrie und Künstler beherzt die Chancen ergreifen, die sich durch die technischen Möglichkeiten bieten: „Die Welt der Musik hat paradoxerweise gerade in der Krise eine einmalige Gelegenheit, sich neu zu erfinden“, schreibt Bui.

Noch deutlicher werden einige der Musiker und Medienschaffenden, die den Aufruf unterstützen. Beispielsweise Betrand Burgalat, Produzent und Chef des Indie-Labels Tricatel:

Die wahre Gefahr geht nicht von den Piraten aus, sondern von den Vertrieben, den [großen Handelsketten wie] Fnac, die dem Markt ihre Gesetzmäßigkeiten aufdrücken und das Angebot Stück um Stück reduziert haben. Für eine kleine Plattenfirma ist es immer schwieriger, in einem Geschäft erhältlich zu sein.

Burgalat sieht die Musikbranche „auf dem Weg zu einer Art Gratiskultur, ein bißchen wie bei den Zeitschriften, die ihre Umsätze mehr über die Werbung erwirtschaften als über die Verkäufe am Kiosk“.

Zu den Unterstützern gehört ebenfalls der ehemalige Kultusminister Jack Lang, der seine Kritik auch zu einem Seitenhieb auf die französische Regierung ausweitet: „Seit Jahrzehnten gibt es in Frankreich keine nationale Musikpolitik mehr.“ Ob allerdings seine Vision einer konzertierten gesellschaftlichen Aktion von jedem geteilt wird, ist fraglich: „Generalstände für die Musik“ fordert Lang, „an denen alle beteiligt sind: die öffentlichen Kräfte, die Musiker, die Verleger, die Plattenhändler, die Vertriebe“.

Nicht jeder äußert sich allerdings so deutlich wie der Musiker Magyd Cherfi: „Wenn etwas von mir heruntergeladen wird, dann verliere ich ein bißchen Geld, aber ich ziehe es vor, dass meine Musik gehört wird.“ Die meisten Künstler halten sich zurück, hat Doan Bui herausgefunden: Gegen Downloads möchte sich kaum einer äußern, um das junge Publikum nicht zu vergrätzen. Aber dafür ist auch keiner so richtig, aus Sorge um den eigenen Plattenvertrag.

Wie gereizt die Stimmung in der Industrie ist, zeigt sich nicht zuletzt an der Reaktion von Pascal Nègre, Frankreich-Geschäftsführer von Universal und Vorstand des Phono-Verbandes SCPP: „Wollen Sie mit diesem Appell die Industrie umbringen oder was?“, schimpft er. „Organisieren sie lieber eine echte Diskussion!“ Das, so zeigen die Reaktionen auf das Manifest, dürfte dem Obs gelungen sein.