Du bist Deutschland (slight return)

Es gibt eine Pressemitteilung aus dem Büro der Kampagne Du bist Deutschland. Diese Pressemitteilung ist im Wortlaut identisch mit dem Kommentar, den Lars Cords, der Leiter des Büros, im Spreeblick eingestellt hat. Hat man den Blog da als Testgelände genutzt, um mal zu gucken, wie die Reaktionen ausfallen? Oder kam die Entscheidung, den Text einfach per copy and paste als Pressemitteilung zu verwenden, später, als sich herausgestellt hat, dass die Geschichte über die Blogsphäre hinausgeht?

Wie dem auch sei, während der Kommentar im Blog noch als spontaner persönlicher Einwurf durchging, muß man bei der Pressemitteilung schon genauer hinschauen: Das ist dann schließlich eine offizielle Stellungnahme, und da kann man schon eine abgeklärtere Auseinandersetzung erwarten. Die bleibt leider aus. Das ist schade, denn es ging ja in der ganzen Diskussion nicht nur um die stumpfe 1:1-Identifizierung des Hitler-Bildes mit der Kampagne (auch wenn das hier und da vorgekommen sein mag). Da wurde ja auch einiges mehr diskutiert, zum Beispiel darüber, wie hier unter dem Mantel einer kollektiven Ansprache in Wahrheit noch mehr Vereinzelung und individuelle Selbstverantwortung propagiert wird: „Du bist (selbst) schuld!“

Mit der Presseerklärung hat man sich auch darum keinen Gefallen getan, weil die Karre statt aus dem Dreck noch weiter in vermintes Gelände gezogen wurde. Ich halte die „Du bist Deutschland!“-Kampagne nicht für faschistoid. Ich halte sie aber für dumm und naiv, weil sie mit Begrifflichkeiten jongliert, über deren Problematik sich die Jongleure scheinbar nicht so richtig klar sind. Wie könnte es sonst sein, dass man ganz unbefangen Topoi unternimmt, die sonst in denjenigen politischen Landschaften zu Hause sind, von denen man sich geflissentlich distanzieren will?

Die Rede von der „positiven Grundhaltung“ beispielsweise, auf die „jeder einzelne Mensch in unserem Land“ eingeschworen werden soll, und die immer besonders gerne dann angesprochen wird, wenn eine fundierte Kritik der Verhältnisse mindestens ebenso dringend wäre. Aber Kritik paßt nicht in die Ideologie des think positive, und von da ist es nicht weit bis zu dem Punkt, wo jeder Einwand als Defätismus und Nörgelei abgetan wird. Dieses Mißtrauen gegen die Skeptiker, die Nörgler und die Zweifler – das hatten wir schon öfter in der Geschichte dieses Landes.

Und wie kann es sein, dass in einem solchen Text so ein Satz auftaucht: „Der Begriff ‚Deutschland‘ darf nicht für die Vergangenheit reserviert sein“, und scheinbar nicht auffällt, wie sehr man damit in die unmittelbare Nachbarschaft derjenigen gerät, die auch schon immer gesagt haben, irgendwann müsse mal Schluß sein mit der ganzen Vergangenheitsbewältigung.

Wie aber, wenn die Vergangenheit den Begriff nicht so einfach losläßt? Mann kann die Geschichte nicht per Willenserklärung aus einem Wort abschütteln wie Schuppen von der Jacke. Sprache ist eben nicht arbiträr, auch wenn das gerne geglaubt wird, und welche Bedeutungen die Wörter annehmen, ist kein blinder Zufall, sondern sie ordnen sich in die Sinnzusammenhänge ein, die in der Gesellschaft vorgegeben sind. Da hilft es auch nichts, wenn man einfach die Kulissen wechselt:

Im TV-Spot belegen wir mit Bildern wie dem am Holocaust-Denkmal oder der Geschwister-Scholl-Szene, dass wir für Werte wie Menschenwürde, Demokratie, Respekt vor der Persönlichkeit und Pluralismus eintreten und uns der deutschen Vergangenheit stellen – ohne uns der Zukunft zu verschließen.

Tja, wenn das so einfach wäre. Aber ich kann einen Esel noch so oft vor ein Mahnmal schieben, darum wird er trotzdem noch kein Antifaschist, und im Grunde ist es auch ein bißchen eklig, die Opfer des Nationalsozialismus als Kronzeugen für das eigene gute Gewissen herzunehmen (und in diesem Sinne ist die Holocaust-Szene auch die ekelhafteste im ganzen Werbespot).

Aber es geht ja auch nicht darum, den Begriff „Deutschland“ zu definieren. Eine Definition, das wäre ja was, worüber man diskutieren könnte. Es geht nur darum, den Begriff zu „besetzen“, und zwar „neu und positiv“, dass da keine Zweifel aufkommen. Roger Willemsen hat mal (lang ists her) den schönen Satz geschrieben:

‚Nationale Identität‘ ist eine Sache, die sich bei den meisten Menschen als intellektuelle Zentralverriegelung auswirkt. Man weiß nicht, was sie ist, aber wunderschön soll sie sein und notwendig, und jeder soll sie haben.

Man habe nicht „aus Angst vor einer Diskussion auf eine Kampagne“ verzichten wollen, heißt es im letzten Satz. Und das ist dann eben doch wieder typisch deutsch: Dass man eine Diskussion für etwas hält, das Angst macht.

Nachtrag: Eine ausführliche Chronologie der Diskussion in den Blogs (und darüber hinaus) findet sich mittlerweile hier.

Siehe auch Du bist Deutschland.