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La Musica della MafiaDie Veröffentlichung der dritten CD aus der Reihe Musica della Mafia, Le Canzoni Dell Onorata Società, hat in Italien für einige Diskussionen gesorgt, obwohl die Platte dort nicht erscheint, ebensowenig wie die beiden Vorgänger, über die auch schon heftig debattiert wurde. Diesmal hätte die CD aber kaum zu einem bezeichnenderen Zeitpunkt auf den Markt kommen können: Die Erschießung des kalabrischen Vizepräsidenten vor wenigen Wochen hat viele im Land geschockt und gezeigt, dass die Mafia in Süditalien trotz aller Sonntagsreden noch lange nicht tot ist.

Dass die CDs in Italien nicht herauskommen, hat einen guten Grund: Dort ist eine positive Darstellung der Mafia und ihrer Taten unter Umständen strafbar. Und genau das ist die Kritik, die am CD-Projekt geäußert wird: Verbreitet werde hier ein naives, romantisches und gewaltverherrlichendes Bild. Textzeilen wie „Ich zerschneide Dir Dein Gesicht und schau Dir beim Sterben zu“, oder „Zum Gesang der abgesägten Schrotflinte schreit der Verräter und stirbt“ sind wirklich keine leichte Kost, auch wenn sie zu lieblicher italienischer Volksmusik vorgetragen werden.

Die Macher der CDs, darunter der Hamburger Photograph Francesco Sbano, der aus Kalabrien stammt, haben sich gegen die Vorwürfe immer gewehrt. Für sie ist die Veröffentlichung dieser Musik eine Art ethnologisches Projekt: Denn die Musik gibt es ja in Italien, und sie hat eine sehr lange Tradition, nur wird sie dort im Untergrund gehört und vertrieben, über kleine Stände auf Wochenmärkten oder unter der Hand in Geschäften, die nur die Mundpropaganda kennt. Einige Stücke auf den CDs stammen von solchen Schwarzmarkt-Cassetten, andere wurden eigens eingespielt. „Die ‚Ndrangheta-Musik erzählt die Geschichte des wirklichen Kalabriens“, hat Sbano in einem Interview erklärt und auf die ambivalente Geschichte der Mafia-Organisationen verwiesen, auf deren Entstehung in einem korrupten und ausbeuterischen Umfeld, wo Schwarzmarkt und Schmuggel die einzigen Möglichkeiten waren, um eine lokale Infrastruktur zu schaffen und am Leben zu halten.

Mörderballaden und blutige Moritaten gibt es vermutlich in jeder Volksmusik-Tradition. Und man macht es sich zu einfach, wenn aus den Liedern nur eine Glorifizierung des Banditentums herausliest. Den Song „U lupu d’Asprumunti“ von der ersten CD Il Canto di Malavita kann ich nicht hören, ohne tief Luft zu holen: Auf den ersten Eindruck ist das ein nettes Liedchen mit einer brav dahin schunkelnden Melodie, aber kaum setzt die rauhe und klagende Männerstimme ein, spürt man, dass hier schwerwiegendere Dinge verhandelt werden als nur ein leichter Liebeskummer oder ein verpaßtes Tänzchen mit der Angebeteten. Diese Geschichte einer Flucht ohne Ziel ist auf Augenhöhe mit den größten Momenten amerikanischer Hobo-Balladen oder deutscher Vaganten-Lieder. Das ist keine Glorifizierung, das ist südeuropäischer Blues, der von Stolz ebenso wie von Verzweiflung erzählt.

Der italienische Mauro Geraci hat in einem Interview auch zu Recht darauf hingewiesen, dass die Bezeichnung “Mafia-Musik” eigentlich ein bißchen irreführend ist:

Die Malavita-Lieder müssen in ein viel größeres Archiv von Kerker- und Mafia-Liedern eingeordnet werden. [Diese Lieder] sind von den einsamen und frustrierenden Lebensbedingungen in den Gefängnissen inspiriert worden. Man kann sie weniger der Mafia als dem napoletanischen Gesang zuordnen. Es gibt einen ganzen Strang neapolitanischer Malavita-Lieder, und die kalabresischen Lieder sind ein Teil davon.

Wann immer in Italien laut gegen eine positive (oder als positiv verdächtigte) Darstellung von Mafia-Gewalt protestiert wird, dann klingt da auch immer das schlechte Gewissen mit, weil die Lebensbedingungen in vielen Regionen des Südens immer noch miserabel sind, und weil man weiß, dass die Menschen dort, wodie Mafia wichtigster, wenn nicht einziger Arbeitgeber ist, immer unsichere Kantonisten bleiben werden. Die Mafiosi sind populär und gleichzeitig hat man Angst vor ihnen, und von dieser Diskrepanz erzählen die Lieder. Und natürlich ist es einfacher, sich über die Lieder aufzuregen, die die Verhältnisse besingen, anstatt die Verhältnisse selbst zu beseitigen.

Der Korrektheit halber muß man allerdings sagen, dass es Protest gegen die CDs auch von solchen Organisationen gibt, die sich ernsthaft mit einer Verbesserung der lokalen Strukturen auseinandersetzen. Das ist auch verständlich: Während wir in Nordeuropa die Platten aus der Distanz und mit wohligem ästhetischem Schaudern goutieren kann, hört sich das für jemanden, der mitten in den Konflikten drinsteckt, bestimmt nicht so lustig an.

So ganz kann man den CD-Machern den Vorwurf einer Ästhetisierung und Romantisierung des Milieus nicht ersparen. Man muß sich da nur das etwas mißlungene Cover der neuen Platte angucken: Selbst wenn das eine authentische Szene sein sollte, zielt die Inszenierung doch genau auf die Klischees von Mitteleuropäern und Amerikanern, die die Mafia nur aus dem Paten und den Sopranos kennen. (Die beiden anderen Cover waren etwas sorgfältiger designt.) Das gilt auch für den etwas schlampig wirkenden Cover-Text, der ein bißchen wirkt, als ob man nicht weiß, ob man da eine Haltung einnehmen soll. Und die etwas verhuschte Distanzierung am Schluß wirkt etwas gewollt.

Trotzdem ist die Sammlung ein unverzichtbares Dokument. Die Welt, von der diese Lieder berichten, ist bei aller Dauerhaftigkeit der Mafia selbst eine dem Untergang geweihte Welt: Die Realität der Banden ist härter und brutaler, die Tänze und Gesänge sind allenfalls noch auf dem Land und in den Dörfern zu hören, und die Mafiosi der Vorstädte machen wahrscheinlich längst Gangsta-Rap. (Siehe auch diesen Artikel aus der New York Times) Der Volkskundler Goffredo Plastino hat den Stellenwert in einem lesenswerten Artikel schon aus Anlaß der ersten beiden CDs deutlich gemacht:

Die Musik verleiht der Komplexität des Lebens in Kalabrien und seinem sozialen Umfeld einen inspirierenden Ausdruck. Il Canto di Malavita kann den Weg für eine Diskussion bereiten, die in Italien schon zur erhitzten Debatte geworden ist. Denn noch nie zuvor hat es eine so ernsthafte öffentliche Diskussion über die Mafia, ihre Strukturen und Kultur gegeben wie heute