Weidenpesch

Weidenpesch

In Weidenpesch ist die Kölner Pferderennbahn, aber bis es hier wieder Rennen gibt, dauert es noch ein paar Wochen. Ein paar Spaziergänger sind unterwegs, aber auch nur am Rand der Rennbahn, wo sie ihre Hunde spazierführen und die Kinder rumtoben lassen. Das riesige Areal in der Mitte ist verwaist, und so wie es da liegt – ohne Bäume, die die Sicht versperren könnten, nur mit ein paar Büschen in der Mitte -, sieht es ein bißchen so aus, als hätte da jemand ein Stück Steppe mitten in die Stadt gezerrt und eine Piste drumherum gezogen. Es ist zwar ein bißchen kalt, aber eigentlich würde es mich nicht wundern, wenn plötzlich ein paar Giraffen quer durch’s Bild marschieren, mit der Niehler Müllverbrennungsanlage im Hintergrund. Tun sie aber nicht, die Giraffen, warum sollten sie auch, sind ja schon genug Rentner hier.

Tribüne Weidenpesch

An der Rennbahn steht eine der ältesten Tribünen Deutschlands, seit 1898 ist sie da und eigentlich sind es zwei Tribünen: Eine größere, zweistöckige Haupttribüne und daneben eine wesentlich kleinere, die dafür auf der Rückseite ein Untergeschoß hat, und darin ist ein düsterer Raum, in dem tagsüber die Zocker sitzen und auf Bildschirme mit Rennergebnissen starren. Anderswo in der Welt gibt es nämlich schon wieder Pferderennen, an der Côte d’Azur, nehme ich an, vielleicht auch in Montecatini.

Sitzplätze Tribüne

Die Haupttribüne ist renoviert worden, und das untere Geschoß sieht auch ganz adrett und proper aus. Das war aber auch dringend nötig: Denn vergangenes Jahr war die Tribüne wegen Baufälligkeit gesperrt worden und blieb es auch bis weit in die Saison hinein, und die Besucher mußten sich in die kleinere Nebentribüne quetschen oder in das irgendwie zeltförmige Gebäude des Restaurants nebendran. Eine Rennbahn, wo der Betrieb ohne Haupttribüne läuft, das dürfte auch ein Unikum sein. Das obere Geschoß ist, glaube ich, immer noch gesperrt: Von unten sieht man zwei große, rostige X-Träger, die das Dach dort zu stützen scheinen.

Die Spaziergänger stört das allerdings wenig, und die nehmen auch kaum Notiz von dem noch baufälligeren Areal, das hinter einem knapp mannshohen Erdwall und einem Maschendrahtzaun zu sehen ist. Da befindet sich die älteste erhaltene Fußballtribüne Deutschlands, zumindest steht das so im Grossen Buch der deutschen Fußballstadien. (Es gibt, habe ich mir sagen lassen, zwei Tribünen in Deutschland, die noch älter sein könnten, eine in Fürth und eine andere in Zwickau.)

Die Kölner Tribüne wurde 1920 errichtet, auf dem Platz, der als „die idyllischste Vereinsanlage in Deutschland“ galt, erzählt das Stadion-Buch. Deswegen wurden hier wohl auch zwei Endspiele zur deutschen Meisterschaft ausgetragen, allerdings lange, bevor die Tribüne errichtet wurde, nämlich 1904 („Union Berlin – Karlsruher FV 2:0, 3.500 Zuschauer“) und 1910 („Karlsruher FV – Holstein Kiel 1:0 vor 5.000“). Später spielte hier der VfL Köln 99, Kölns wichtigster Verein, bevor es den FC gab, und glaubt man dem DFB und seinem Fanguide zur WM 2006, dann sind die VfL’ler hier immer noch zuhause.

Fußballtribüne WeidenpeschAber das haben sie einfach aus dem Stadion-Buch abgeschrieben, der VfL ist nämlich längst umgezogen in einen dieser gesichtslosen Sportparks, wie sie überall in den Niemandsländern zwischen Schrebergärten und Siedlungsbrachen angelegt wurden. Umziehen mußte der Verein unter anderem auch deshalb, weil es immer Streit mit den Betreibern der Pferderennbahn gab, die hier Parkplätze und Stallungen anlegen wollen.

Noch gammelt die Tribüne vor sich hin, angeblich ist sie sogar denkmalgeschützt, aber davon merkt man nicht viel. Der Aschenplatz davor ist längst von tiefen Reifenspuren durchfurcht, die Tore sind aus den Verankerungen gerissen und der Handlauf rings um die Spielfläche hat auch schon einige Dellen. Ein paar Überbleibsel aus der letzten Saison liegen hier und da herum: Ein gammeliger Stuhl, eine Werbetafel von Coca-Cola, auf die mit Kreide gekritzelt ist, was die letzten Würstchen hier kosteten.

Fußballtribüne WeidenpeschDass hier schon lange niemand mehr gespielt hat, das kann man auch riechen, und während ich so durch die leeren Ränge klettere, muss ich grinsen bei der Vorstellung, dass so eine abgeranzte und muffige Ruine den Fußballtouristen als sportliche Sehenswürdigkeit angepriesen wird.

Als ich gehe, kommen zwei junge Männer, nicht gleichzeitig, sondern mit etwas zeitlichem Abstand, aber es ist klar, dass sie sich hier verabredet haben. Und so wie sie mich angucken, haben sie auch nicht damit gerechnet, dass hier jemand rumspaziert und möglicherweise mitbekommt, was sie da zu diskutieren haben. Ich lächle etwas unbeholfen, die beiden versuchen, ernst und unbeholfen zugleich auszusehen, und ich schiebe mein Fahrrad an den beiden vorbei.

Auf der Straße sieht man schnell, dass das Idyll lange vorbei ist: Die Mietshäuser und Wohnblocks, die sich hier vor dem Stadion aneinanderreihen, sind so langweilig und durchschnittlich wie irgendwas. Aber so lange keine Pferderennen stattfinden, hat man ja immerhin die Steppe vor der Haustür. Wenn auch keine Giraffen.