Zidanes Kopfnuss


Zidanes Selbstverteidigungslinie in Sachen Kopfstoss ist bemerkenswert: Meine Tat hat gegen die Regeln verstoßen und muss bestraft werden, sagt er einerseits. Andererseits betont er auch, nichts zu bereuen – er formuliert es sogar noch stärker: „Ich kann es nicht bereuen“, „je ne peux pas regretter ce geste“. Denn die Tat, so sagt er, sei durch eine Provokation motiviert worden, die über das Spiel hinausreicht: „Il a dit des choses très graves, très personnelles qui me touchent au plus profond de moi.“

Ich musste es tun, „je suis un homme avant tout“: Indem er seine Tat als etwas darstellt, das durch das Regelsystem nicht ausreichend gedeckt wird, relativiert er aber das System. Fair play ist eine nette Idee, aber es hat seine Grenzen, heißt das. Entschuldigt hat er sich ja auch nur bei den Kindern und ihren Pädagogen, aber nicht bei Materazzi, der den Kopfstoss (oder zumindest irgendwas in der Richtung) auch verdient habe: „Le vrai coupable, c’est celui qui provoque.“

Nun steht es ja einem Spieler eigentlich nicht zu, festzulegen, ob ein Spieler eine Bestrafung verdient oder nicht, dafür gibt es schließlich den Schiedsrichter. Aber der Schiedsrichter übersieht manches und dann, scheint uns Zidane sagen zu wollen, muss der Einzelne halt selbst zusehen, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird: „J’aurai préféré prendre une droite dans la gueule [sic!] plutôt que d’entendre ça.“

Dass jemand so beharrlich versucht, einem Regelverstoß eine Legitimität unterzuschieben, ist eine Haltung, die man eher von Spielern kennt, die auch sonst als enfants terribles gehandelt werden, und nicht von einem, der auch abseits des Platzes als Autorität gilt. Bei der FIFA gibt es sicher einige Leute, denen diese Auffassung nicht besonders schmeckt, und Blatters Aussage, dass man Zidane den Goldenen Ball auch wieder aberkennen könne, weist ja schon in die Richtung. Gerade weil weder Materazzi und Zidane genau erklärt haben, was da letztendlich gesagt wurde und damit die Mystifikation der Beleidigung des einen und des Kopfstosses des anderen munter vorangetrieben werden kann, müsste man in Genf ein Interesse daran haben, dass das nicht Schule macht.

Den Italienern müsste Zidanes Argumentation aber eigentlich sehr vertraut vorkommen. In Italien ist man grundsätzlich davon überzeugt, dass Institutionen zu schwach, zu korrupt oder zu desinteressiert sind, um solche Dinge wie ein Spiel oder einen Staat auch nur halbwegs ordentlich zu leiten. Notfalls muss man da auch schon mal zu nicht ganz regelkonformen Mitteln greifen, um die eigenen Ziele durchzusetzen. Die vulgärsoziologische (und im Kern rassistische) Behauptung, dass bei Zidane im Moment des Kopfstosses der beur aus den banlieues von Marseille durchgebrochen sei, würde ich bestreiten: Ich habe da den Ex-Juve-Spieler gesehen.

Nachtrag: In der Frankfurter Rundschau gibt’s auch ein paar Anmerkungen zum Thema.

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